Noah Lyles ist der Inbegriff des selbstbewussten Amerikaners. Grenzen sind für ihn etwas, das es zu überwinden gilt. Der 21-Jährige hat zwar für sein Land noch keine Titelkämpfe bei der Elite bestritten, dass er aber im Oktober in Katar Weltmeister und in einem Jahr in Tokio Olympiasieger über 200 m wird, steht für Lyles ausser Zweifel. Selbst der Fabel-Weltrekord von Usain Bolt (19,19) ist nicht für die Ewigkeit gemacht, wenn es nach Lyles geht.

In Lausanne liefert der Jungstar aus Florida die Argumente für seine grossen Pläne. In 19,50 Sekunden stürmt Lyles nicht nur zum Stadionrekord, er läuft so schnell wie vor ihm erst drei Menschen: Bolt, Yohan Blake und Michael Johnson. Und dies ohne Windunterstützung. Angesichts der Darbietung des Amerikaners, der als Profi erst einmal überhaupt besiegt wurde, verschlägt es selbst Alex Wilson die Sprache. Der Basler startet direkt hinter Lyles, verkrampft aber angesichts des Raketenantriebs des Mannes im direkten Blickfeld und bleibt in 20,29 unter seinen Möglichkeiten. Er ist nicht der einzige Schweizer, der sein Rendement nicht erreicht.

Mujinga Kambundji läuft noch hinterher

Mujinga Kambundji kann über 100 m zwar ihre Saisonbestleistung auf 11,27 senken, die 27-jährige Bernerin befindet sich damit aber noch längst nicht in der persönlichen Komfortzone. Immerhin fehlen zu ihrem Schweizer Rekord aus dem Vorjahr stolze 32 Hundertstelsekunden. Ein kleiner Trost, dass Kambundji in Lausanne zumindest die nationale Hierarchie wieder hergestellt hat und Salomé Kora (11,29) knapp hinter sich lässt. Von der Siegerin Shelly-Ann Fraser-Pryce sehen die beiden Schweizerinnen aber nur die Absätze. Die 32-jährige Jamaikanerin - Olympiasiegerin 2008 und 2012 – kommt nach der Geburt ihres Sohnes immer besser in Fahrt. Mit 10,74 bleibt sie nur vier Hundertstel hinter ihrem eigenen Landesrekord.

Mujinga Kambundji (links) und Salomé Kora nach ihrem Lauf über 100 m.(KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Mujinga Kambundji (links) und Salomé Kora nach ihrem Lauf über 100 m.(KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Sechs Stunden büffeln und zwei Minuten rennen

Selina Büchel läuft über 800 m ein beherztes Rennen, riskiert in der zweiten Runde mit einem Vorstoss auf der Gegengerade viel und büsst dafür auf der Zielgeraden. Das Podest und ihre Saisonbestleistung verpasst die 27-jährige St. Gallerin knapp. Mit 2:01,58 fehlt Büchel weiterhin rund eine Sekunde bis zur angestrebten WM-Limite. Dennoch zieht sie ein positives Fazit: „Es gab einige gute Sachen in meinem Lauf. Vor allem das Gefühl war viel besser als in den letzten Wettkämpfen. Es ist für mich ein Schritt vorwärts.

Selina Büchel war mit ihrem Auftritt in Lausanne zufrieden. (KEYSTONE/Valentin Flauraud)

Selina Büchel war mit ihrem Auftritt in Lausanne zufrieden. (KEYSTONE/Valentin Flauraud)

Die Leistung des Tages liefert aber die erst 18-jährige Bernerin Delia Sclabas ab. Einerseits als Fünfte im 800-m-Lauf in persönlicher Saisonbestzeit von 2:03,01. Vor allem aber mit ihrem Tageswerk. Dem Abstecher an den Genfersee geht die rund sechsstündige Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium an der Uni Bern voraus. Selbst für das Multitalent Sclabas ein Ausnahmezustand.

Europameisterin Lea Sprunger ist auf Kurs

Noch fehlt Lea Sprunger eine Sekunde zu ihren besten Zeiten aus dem Vorjahr. Beim Heimrennen auf der Pontaise macht die 29-jährige Waadtländerin aber einen weiteren Schritt nach vorne. Die 55,24 Sekunden als Fünfte bringen der amtierenden Europameisterin die frühzeitige Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio ein. Nach dem schwierigen Start in die Saison mit wiederkehrenden Rückenschmerzen und Trainingsrückstand darf Sprunger feststellen, dass das Timing in Richtung WM stimmt.

Lea Sprunger lässt sich von ihrem Heimpublikum feiern. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Lea Sprunger lässt sich von ihrem Heimpublikum feiern. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Die skurrilen 5000-er von Lausanne

Man kann nicht behaupten, die Rennen über 5000 m bei Athletissima seien langweilig. Nachdem im letzten Jahr der Äthiopier Kejelcha seinen Landsmann Barega an den Hosen zurückzog und die beiden hitzigen Jungspunde mit ihrer Privatfehde den Triumph einem lachenden Dritten überliessen, verhalten sie sich diesmal cleverer, fairer und werden mit den beiden ersten Plätzen belohnt. Möglich macht dies eine abermals äusserst skurrile Szene. Hagos Gebrhiwet, ein weiterer Äthiopier, spurtet eine Runde zu früh allen davon. Sein Siegesjubel kommt in jenem Augenblick zum Erliegen, als die vermeintlich besiegten Gegner locker am auslaufenden Gebrhiwet vorbeirennen. Als Zehnter ist er letztlich trotzdem noch vier Ränge vor dem Schweizer Julien Wanders klassiert. Der 22-jährige Genfer scheitert beim Versuch, den Uraltrekord von Markus Ryffel (13:07,54) zu knacken. Mit 13:13,84 läuft er zumindest so schnell wie noch nie über die 5000 m.

Julien Wanders - der weisse Afrikaner. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Julien Wanders - der weisse Afrikaner. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Die Schweizer Enttäuschungen

Schweizer Männer und Hürden – in Lausanne keine Liebesbeziehung. Das 20-jährige Supertalent Jason Joseph erlebt im Hürdensprint einen Abend zum Vergessen. Der Baselbieter geht mit dem Vorhaben ins Rennen, einen neuen Schweizer Rekord zu laufen, „denn die Form ist da und ich traue mir eine Zeit um 13,20 zu“. Aber Joseph verpasst den Start, touchiert eine Hürde, verliert den Rhythmus, strauchelt beim letzten Hindernis und torkelt nur noch ins Ziel. Die Zeit von 13,80 interessiert ihn nicht, die Enttäuschung ist gross, der Blick aber nach vorne gerichtet. An der U23-EM nächste Woche in Schweden kennt er nur ein Ziel: „Ich will Gold gewinnen.“

Jason Joseph stolpert über die letzte Hürde. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Jason Joseph stolpert über die letzte Hürde. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Auch Langhürdler Kariem Hussein wirkt körperlich topfit und sein Trainer Laurent Meuwly attestiert ihm hervorragende Trainingsleistungen. Im Wettkampf umsetzen kann der 30-jährige Thurgauer dies aber noch nicht. In Lausanne folgt eine weitere Enttäuschung. Nachdem der Europameister von 2014 erneut auf der Zielgeraden stark nachlässt, muss er sich mit Platz 4 und einer Zeit von exakt 50 Sekunden begnügen. Der Abstand zur Weltspitze bleibt beängstigend gross.