Wegen Corona
Kein Start an der Tour de Ski: Sind die Norweger die Totengräber des Langlaufs?

«Norway First!» Die führende Nation im nordischen Skisport verzichtet wegen Corona jetzt auch auf die Teilnahme am wichtigsten Weltcuprennen der Saison. Die Skandinavier provozieren heftige Reaktionen - allen voran aus der Schweiz.

Rainer Sommerhalder
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Der norwegische Langläufer Johannes Klaebo hat grossen Respekt vor dem Coronavirus.

Der norwegische Langläufer Johannes Klaebo hat grossen Respekt vor dem Coronavirus.

Bild: Federica Modica/Getty (Ruka, 29. November 2020)

Corona entzweit die Langlauf-­Familie. Die drei skandinavischen Länder Norwegen, Schweden und Finnland starten aus Angst vor dem Virus am Wochenende nicht beim Weltcup in Davos. Am Dienstag ging der norwegische Skiverband noch einen Schritt weiter. Das dominierende Team wird auch der am 1. Januar startenden Tour de Ski fernbleiben. An der eiligst einberufenen Krisensitzung des Langlauf-Komitees der FIS am Abend konnte Norwegen nicht von seinen Plänen abgehalten werden. Dafür will man nun in Davos über einen angepassten Kalender für die zweite Saisonhälfte abstimmen. Klares Ziel: Kein Weltcup in einem Risikoland vor der WM in Oberstdorf.

Norwegischer Seitenhieb an die Schweiz

Die Skandinavier begründen ihr Vorgehen mit der Angst vor Corona. Nationaltrainer Ole Morten Iversen sagte, man bezahle «einen zu hohen Preis», wenn man dieses Risiko eingehe. Zudem müssten alle Athleten und Betreuer nach der Rückkehr aus Italien für zehn Tage in Quarantäne und könnten so nicht an den nationalen Meisterschaften in Trondheim starten. Iversen meinte mit Blick auf die Schweiz auch, dass «in anderen Ländern das Risiko nicht so ernst genommen wird wie in Norwegen».

Ein grosses Thema ist das Virus auch bei den Athleten. Allen voran bei Superstar Johannes Klaebo, der sich grosse Sorgen um mögliche Langzeitfolgen einer Infektion macht und sich deswegen in Norwegen strikt isoliert. «Ich denke, dass ich mit drei Prozent weniger Lungenkapazität nie mehr ein Langlauf-Rennen gewinnen werde», sagte Klaebo der norwegischen Zeitung «Aftenposten».

Dass eine Corona-Erkrankung durchaus auch Spitzensportler etwas anhaben kann, belegt das Beispiel des russischen Langlauf-Weltmeisters Sergej Ustjugow. Sein Trainer Markus Cramer erklärt am Telefon: «Ustjugow wurde Mitte Oktober krank. Er klagt immer noch über Nachwirkungen, etwa über starke Kopfschmerzen oder übermässige Müdigkeit.» Er werde nicht in Davos und wohl auch nicht an der Tour de Ski starten. Gleichzeitig dementierte Kramer die in Norwegen kursierende Nachricht, dass auch die Russen wegen Corona auf die Tour verzichten würden.

Ob Schweden und Finnland dem wichtigsten Weltcup-­Rennen des Winters ebenfalls fernbleiben werden, wissen sie derzeit noch nicht. Die schwedischen Langlauf-Funktionäre wollen erst kurz vor Weihnachten entscheiden und diesen Entscheid von der Entwicklung der Infektionskurve in der Schweiz und Italien abhängig machen. Ismo Hämäläinen, der CEO des finnischen Skiverbandes, hält hingegen wenig von «derart radikalen Lösungen, wie sie die Norweger treffen».

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann sagt, er habe keinerlei Verständnis für das Vorgehen der Norweger.

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann sagt, er habe keinerlei Verständnis für das Vorgehen der Norweger.

Cyril Zingaro / KEYSTONE

Auf kein Gehör beim internationalen Skiverband FIS und bei den Veranstaltern stiess eine Forderung des norwegischen Skiverbandes, welche übers Wochenende debattiert und verworfen wurde. Man nehme nur dann an der Tour de Ski teil, wenn diese an einem einzigen Ort – entweder im Val Müstair, in Toblach oder im Val di Fiemme – ausgetragen werde.

Kein Verständnis für das norwegische Gebaren hat man im Lager der Schweizer. Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann spricht von einem erschreckenden Defizit an Weitsicht. Das Fehlen der besten Nationen beim Weltcup habe eine Kaskade an Konsequenzen zur Folge. «Der Stellenwert des Weltcups sinkt, die Athleten verdienen weniger, die Veranstalter können ihre Events nicht mehr finanzieren und auch die FIS nimmt monetären Schaden.»

Für Lehmann ist die Argumentation der Norweger hinfällig, da ja die Alpinen, die Skispringer und die Biathleten des Landes ebenfalls nach Mitteleuropa zu Weltcups reisen. Den Langlauf-Verantwortlichen bei der FIS wirft er fehlende Führungsstärke vor. So habe für die Telefonkonferenz mit 55 Teilnehmenden am Dienstag nicht einmal Unterlagen zur Sitzungsvorbereitung gegeben.

Kein Interesse an Schweizer Vorschlägen

Am meisten ärgert den FIS-Präsidentschaftskandidaten die Tatsache, dass die Schweiz sowohl an der ordentlichen Komiteesitzung im Juni wie auch an zwei ausserordentlichen Meetings im Oktober und November Vorschläge für eine Straffung des Weltcup-Kalenders mit weniger Reisetätigkeit machten, doch ausgerechnet die Skandinavier kein Interesse an einem Plan B zeigten und aus Partikularinteressen am traditionellen Programm festhalten wollten. «Jetzt einfach nicht zu kommen, ist keine Lösung», sagt ein erzürnter Urs Lehmann. «Dafür habe ich null Verständnis. Das killt den Langlauf-Sport.»

Durchaus Verständnis für den Coronaboykott zeigen derweil die norwegischen Verbandssponsoren. Sie unterstützen die Haltung «Norway First» der Langläufer. Und in Schweden diskutiert man sogar über eine finanzielle Entschädigung der Athleten für entgangene Preisgelder im Weltcup. Das Geld war auch bei der Dringlichkeitssitzung der FIS ein Thema. Wer sich zukünftig kurzfristig vom Weltcup abmeldet, soll höhere Gebühren bezahlen. Für den entstandenen Schaden am Langlauf-Sport ist dies nur ein Tropfen auf den heissen Stein.