Olympische Spiele
Ein Jahr vor den Spielen in Peking: Chinas Machtstreben macht auch vor dem Wintersport nicht Halt

Am 4. Februar werden in Peking die Olympischen Spiele eröffnet. Bei der Aneignung von Wintersport-Kompetenzen gehen die Chinesen kompromisslos ihren Weg.

Rainer Sommerhalder
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Chinesische Statisten üben ein Jahr vor den Olympischen Spielen vor der neu erbauten Skisprunganlage für die Eröffnungsfeierlichkeiten.

Chinesische Statisten üben ein Jahr vor den Olympischen Spielen vor der neu erbauten Skisprunganlage für die Eröffnungsfeierlichkeiten.

Ng Han Guan / AP

Was herrschte am 16. Januar 2017 in Bern sportliche Festlaune. Anlässlich des Staatsbesuchs von Chinas Präsident Xi Jinping unterzeichnete die Schweizer Delegation rund ein Dutzend Vereinbarungen und Memoranden mit wirtschaftlichen Ambitionen. Darunter auch Jürg Stahl und Urs Lehmann, die Präsidenten von Swiss Olympic und Swiss Ski, mit ihren jeweiligen chinesischen Pendants.

Die Schweiz bot wintersportliche Entwicklungshilfe im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking und spekulierte als Gegenleistung auf Vorteile bei der Olympiavorbereitung, auf lukrative Geschäfte und eine Partizipation am chinesischen Wintertourismus-Wunder.

Schliesslich versprach Präsident Xi bei der Vergabe der Spiele an sein Land als Vermächtnis, 300 Millionen Landsleute für den Wintersport zu gewinnen. Und der chinesische Machthaber entfachte bei seiner Charmeoffensive in der Schweiz zusätzliche Euphorie, indem er 2017 kurzerhand zum «chinesisch-schweizerischen Tourismusjahr» erklärte.

Kein Interesse an den Schweizer Offerten

Schweizer Wintersport-Kompetenz sollte die Chinesen bis 2022 auch in der kalten Jahreszeit olympiatauglich machen, diese dafür für die Schweizer Skigebiete ein neues Kundensegment liefern.

Vier Jahre später hat sich so manche Wunschvorstellung zerschlagen. Zwar besuchte eine Delegation von Swiss Ski Chinas Olympiaregion, empfing den chinesischen Sportminister zum Fondue-Plausch und offerierte vom Wachskurs für Ski-Serviceleute bis hin zum Aufbau eines kompletten alpinen Skizentrums eine ganze Palette an Dienstleistungen.

Mit Ausnahme von 46 jungen Eishockeyspielern, denen Köbi Kölliker einen Winter lang den Sport auf Kufen beibringen sollte, kam die Schweiz aber nicht zum Handkuss. Und selbst das Eishockey-Projekt relativierte sich schnell. Für die Junioren-WM der untersten Stufe standen schliesslich nur zwei „Schweizer“ im Aufgebot. Die anderen Spieler wurden aus Kanada, Russland, Finnland oder Schweden eingeflogen.

Die Gier nach wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit China

Die Chinesen machten es beim Aufbau ihres Athletenpotenzials für die Heim-Olympiade so wie vielerorts. Sie kopierten schlicht überall. Absichtserklärungen wie mit den Schweizer Sportverbänden gab es weltweit mit rund zwei Dutzend Ländern, die über entsprechende Kompetenzen verfügen.

Und selbst mit Privaten ging man Kooperationen ein. So versuchte ein Skilehrer aus Garmisch-Partenkirchen, 35 chinesischen Sportlern die perfekte Abfahrtshocke beizubringen. Mit mässigem Erfolg und ebensolchem Verdienst. Denn China verschleuderte bei den Zusammenarbeiten kein unnötiges Geld. Zum Handkuss kamen Nationen, die in ihrem Streben nach wirtschaftlichen Vorteilen den sportlichen Wissens-Transfer quasi kostenlos als Bonus anboten. Und für solches war der Schweizer Sport nicht zu haben.

China wandte bei der Auswahl seiner künftigen Olympiahelden auf Eis und Schnee die bewährte Taktik der Umerziehung an. So sprangen ehemalige Turner von Norwegens Schanzen, spielten Tenniscracks auf einmal Eishockey und schossen Leichtathleten oder Fechter in Schwedens Biathlon-Stadien mit Langlaufskis an den Füssen auf runde Scheiben. Alles Sportler, die es in ihrer ursprünglichen Disziplin nicht bis an die Spitze brachten. Eine Talentschau mit Freak-Potenzial.

Der perfekte Skifahrer lässt sich nicht erschaffen

Doch eines mussten die Chinesen lernen. Die Umsetzung des 2014 von Präsident Xi erteilten Auftrags an die nationale Sportpolitik, den Sport als entscheidende Kraft für die wirtschaftliche Modernisierung zu benutzen und zur führenden Sportnation aufzusteigen, mag zwar beim Bau von Eisstadien und Skisportzentren im gewohnten Rekordtempo funktionieren. Rund 800 Skiressort und 650 Eisbahnen entstehen bis 2022 im Land. Beim Faktor Mensch jedoch sind der Verwandlung zum Abfahrtsstar oder Langlaukönner Limiten gesetzt. Da helfen selbst die besten Trainer der Welt nur bedingt.

Ganz anders sieht es ein Jahr vor der Eröffnungsfeier der Spiele am 4. Februar 2022 bei der Sportindustrie aus. Sämtliche Anlagen für den Megaevent sind bereit, die kommerzielle Seite des Wintersports wächst rasant. 53 Milliarden wurden zuletzt umgesetzt, mit einem Wachstum von jährlich 15 Prozent. Im Zusammenhang mit dem Aufbau von Wintersport-Kompetenzen werden 1,5 Millionen Arbeitsplätze geschaffen.

Seit dem Befehl von Xi vor sieben Jahren hat sich der Wert der chinesischen Sportindustrie mehr als verdoppelt. Dazu beigetragen hat auch die Förderung des Profisports im eigenen Land, dessen Kommerzialisierung sowie der Erwerb von Sportanlagen und Sportunternehmen in der ganzen Welt. Auch treten chinesische Firmen im Westen zunehmend als Sponsoren im Sportbusiness auf.

Eine wirtschaftliche Öffnung auch beim Sport

In den vergangenen Jahren arbeitete man auch mit Hochdruck daran, nationale Sportverbände von staatlichen Stellen zu entkoppeln und mit einer Anpassung der Sportgesetzgebung Anbietern von Events oder Besitzern von Teams eine grössere Autonomie und mehr kommerzielle Rechte zuzugestehen.

Der Ehrgeiz und die Entschlossenheit von Chinas Olympiaorganisatoren haben auch den Schweizer Delegationschef Ralph Stöckli beeindruckt: «Man spürt, China will die Chancen nutzen, die Olympische Spiele dem Wintersport im Land bieten.»

Allerdings erlebte Stöckli in den Vorbereitungsarbeiten zuletzt auch Rückschläge. So wurden praktisch alle olympischen Testwettkämpfe, die traditionell im Jahr vor den Spielen auf den neuen Anlagen durchgeführt werden, wegen der Corona-Pandemie abgesagt. China fährt auch in dieser Hinsicht einen kompromisslosen Kurs.