Mit russischen Millionen, Eishockey gegen Jungs und Burgern bei McDonald's – wie Belinda Bencic zur Olympia-Siegerin wurde

Olympische Spiele
Mit russischen Millionen, Eishockey gegen Jungs und Burgern bei McDonald's – wie Belinda Bencic zur Olympia-Siegerin wurde

Ihr Vater sagte einst: «Einfach keine Tussi werden!» – und schickte sie zum Eishockey. Wie die Tennisspielerin Belinda Bencic vom ‹Projekt› zur Olympia-Siegerin und doppelten Medaillengewinnerin wurde. Das Porträt.

Simon Häring, Tokio
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Belinda Bencic gewinnt bei den Olympischen Spielen in Tokio sowohl im Einzel als auch im Doppel Gold oder Silber.

Belinda Bencic gewinnt bei den Olympischen Spielen in Tokio sowohl im Einzel als auch im Doppel Gold oder Silber.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Einzel-Gold hat Belinda Bencic bei den Olympischen Spielen in Tokio schon gewonnen, Gold oder Silber kommt am Sonntag im Doppel an der Seite von Viktorija Golubic dazu. Bencic ist damit eine der grossen Figuren dieser Olympischen Spiele, die aus Schweizer Sicht bereits bei Halbzeit die erfolgreichsten der letzten 70 Jahre sind. Für die 24-jährige Bencic ist es der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die von langer Hand geplant war.

Als Belinda Bencic sieben Jahre alt ist, gehen zwei Männer eine Wette ein. Sie wird Millionen kosten – und eine Freundschaft. Es sind Ivan Bencic und Marcel Niederer. In jungen Jahren spielen die beiden gemeinsam Eishockey. Niederer macht sich in Russland einen Namen als gewiefter Geschäftsmann. Erst handelt er mit Mandarinen und Bananen, dann zieht er nach Wladiwostok, lernt Russisch, findet sein privates Glück. Dann kauft er in Südkorea Dollar-Restposten. Kurz darauf bricht der Rubel, später auch der südkoreanische Won ein, Niederer wird zum gemachten Mann.

Der Unternehmer Marcel Niederer ermöglicht mit seinen finanziellen Zuwendungen die Karriere von Belinda Bencic.

Der Unternehmer Marcel Niederer ermöglicht mit seinen finanziellen Zuwendungen die Karriere von Belinda Bencic.

Andy Mueller/Freshfocus / freshfocus

Einen Teil seines Vermögens investierte er in die Tochter von Ivan Bencic: Belinda. Die beiden gründen «Bencic und Partner», Niederer alimentiert die Karriere der Tennisspielerin mit einer geschätzten Summe von einer halben Million Franken jährlich. Dass Niederer einen Teil dieses Geldes in Russland verdient hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn 1968 flüchten ­Belinda Bencics Grosseltern vor den Russen aus der Tschechoslowakei in die Schweiz.

Mit seinem Geld ermöglicht Niederer seinem Freund Ivan Bencic, die Arbeit als Versicherungsvertreter aufzugeben und mit seiner Tochter quer durch Europa an internationale Turniere zu reisen. Knapp ist das Geld trotzdem. Sie hausen in den billigsten Hotels, schlafen im gleichen Zimmer und essen notfalls bei McDonald’s, weil das nicht nur günstig ist, sondern auch, «weil du dort weisst, was drin ist und nichts befürchten musst», wie Ivan Bencic einmal erklärt. Im Gegenzug amtet Niederer als Manager und lässt sich eine Beteiligung am finanziellen Erfolg zusichern.

Vater, Wegbegleiter und lange Zeit Trainer: Ivan Bencic.

Vater, Wegbegleiter und lange Zeit Trainer: Ivan Bencic.

Luca Linder

Nachbarn und Beobachter schütteln den Kopf

Als der Vater ihr als Zweijährige auf dem Garagenplatz und später auf Tennisplätzen Bälle zuwirft, weil er selber nie Tennis gespielt hat, schütteln Nachbarn und Beobachter den Kopf. Doch der gebürtige Slowake geht unbeirrt seinen Weg, was andere sagen, kümmert ihn wenig: «Im Gegensatz zu den USA ist es in der Schweiz noch immer verpönt, offen über grosse Ziele zu reden. Warum sollten wir es nicht versuchen, wenn wir die Möglichkeit haben?» Das Ziel? Die Nummer 1 der Welt werden.

Mit 14 Monaten steht Bencic erstmals auf dem Tennisplatz, mit vier bringt sie Aufschläge ins Feld, als sie sechs ist, siedelt die Familie für ein halbes Jahr nach Florida über, wo Bencic in der renommierten Bolletieri-Akademie trainiert, die zuvor schon Boris Becker, Andre Agassi oder Maria Scharapowa durchliefen. «Dort wurde Belinda mit dem Tennisvirus infiziert», sagt Vater Ivan. Danach steht sie täglich drei Stunden auf dem Tennisplatz.

Belinda Bencic bei ersten Gehversuchen auf dem Tennisplatz.

Belinda Bencic bei ersten Gehversuchen auf dem Tennisplatz.

zVg

Dazu kommen anderthalb Stunden Alternativtraining. Kondition und Koordination werden mit Inlineskaten, Schwimmen, Reiten, Waldlauf und Fussball gefördert. Im Winter spielt sie einmal in der Woche mit drei anderen Mädchen und 20 Buben Eishockey. Dort solle sie lernen, einzustecken und sich durchzusetzen, «einfach keine Tussi werden!», sagt der Vater.

Belinda Bencic und Bruder Brian beim Eishockeyspielen.

Belinda Bencic und Bruder Brian beim Eishockeyspielen.

zVg

Weil sie in der Schule einen Notenschnitt von 5,2 aufweist, darf Bencic einige Lektionen auslassen. Das gibt ihr Zeit, um auch bei Melanie Molitor zu trainieren, der Mutter von Martina Hingis. Als Bencic vier ist, wird Molitor ihre Trainerin, Vater Ivan lässt ihr freie Hand. Molitor vertritt den Standpunkt, dass Karriere macht, wer möglichst viele Bälle schlägt. Sie sagt: «Erst danach kann man mit ihnen arbeiten. Das ist wie beim Autofahren. Niemand kann sofort mit 200 Kilometern in der Stunde fahren.»

Bencic verinnerlicht diese Haltung. Später, als sie bereits zu den Top Ten der Weltrangliste gehört, wird sie zu dieser Zeitung sagen:

«Ich glaube nicht an Talent und ich bin auch keines. Als ich mit dem Tennis begann, hatte ich null Ballgefühl. Ich habe das alles gelernt und ich denke, das ist für jeden möglich. Wille, Ausdauer und Leidenschaft haben nicht alle, ich schon.»

Das bringt sie weit. Mit 12 spielt sie im Interclub für Wollerau gegen 20 Jahre ältere Spielerinnen, die erst meinen, sie sei die kleine Tochter ihrer Gegnerin und dann mit einem 0:6, 0:6 vom Platz müssen. Als 15-Jährige gibt sie 2012 ihr Profi-Debüt. Mit 16 ist sie die beste Juniorin der Welt, gewinnt French Open und Wimbledon.

2013 gewinnt Bencic erst das Junioren-Turnier von Roland Garros und wenige Wochen später auch jenes in Wimbledon.

2013 gewinnt Bencic erst das Junioren-Turnier von Roland Garros und wenige Wochen später auch jenes in Wimbledon.

David Vincent / AP

Mit 17 ist sie Mitten in der Weltspitze angekommen: Viertelfinal bei den US Open. Mit 18 ist sie die Nummer 7 der Welt. Die Wette, die Ivan Bencic und Niederer eingegangen waren, ist längst gewonnen, das Projekt wirft satte Renditen ab. Doch im Herbst 2016 zerbricht die Freundschaft, es kommt zur Trennung. Als Grund nennt Ivan Bencic «mehrmalige Alleingänge hinter dem Rücken der Familie und dem Trainerteam». Das habe zu einem irreparablen Vertrauensbruch geführt. Niederer dementiert vehement.

Verletzungen treiben Bencic in einen Teufelskreis

Auch der sportliche Aufstieg gerät ins Stocken, Bencic spielt zu viel und ist immer wieder verletzt. Einmal stoppt sie das Steissbein, dann das Handgelenk, schliesslich der Fuss. Ist eine Verletzung ausgeheilt, kommt die nächste. «Ich geriet in einen Teufelskreis. Es war ein Albtraum. Ich dachte, das Universum hasst mich», sagt sie. Im Frühling 2017 zieht Bencic die Reissleine, lässt sich am linken Handgelenk operieren, fällt fünf Monate aus und in der Weltrangliste bis auf Position 318 zurück. Ihr Stern, so scheint es damals, ist schon am Verglühen.

Im Frühling 2017 zieht Bencic die Reissleine und lässt sich operieren.

Im Frühling 2017 zieht Bencic die Reissleine und lässt sich operieren.

Instagram

Dazu fällt die Abnabelung vom Elternhaus schwer. Mal reist Bencic mit Vater, mal ohne an Turniere, alle paar Monate wechselt sie ihre Trainer. Bencic wirkt verloren. Während ihrer Verletzungspause macht sie Yoga, beginnt zu malen und nimmt Tanzstunden. Erst geniesst sie das Leben ausserhalb der Tennisblase, doch schon bald fehlt es ihr. Bencic hatte zuvor nie eine Wahl, ihr Weg war vorgezeichnet. Dieses Mal aber ist es ihre Wahl, in den Tenniszirkus zurückzukehren. Bei kleinen Turnieren und abseits des Rampenlichts findet sie die Freude am Spiel und Wettkampf wieder. Drei Monate später gehört sie wieder zu den Top 100 der Weltrangliste, ab 2019 ist sie konstant unter den ersten 20 der Welt klassiert.

Seit 2019 sind Martin Hromkovic und Belinda Bencic ein Paar.

Seit 2019 sind Martin Hromkovic und Belinda Bencic ein Paar.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

In jenem Jahr findet sie auch privat Boden unter den Füssen, verliebt sich in ihren Fitnesstrainer, den Ex-Fussballer Martin Hromkovic, mit dem sie heute in der Slowakei lebt. Auf einen grossen Turniersieg wartet Belinda Bencic aber immer noch. Von dieser Zeitung darauf angesprochen, sagt sie vor den Olympischen Spielen in Tokio: «Ich weiss nicht, wann mein Moment kommt, aber ich arbeite jeden Tag hart für meine Träume. Und ich bin überzeugt, dass ich irgendwann dafür belohnt werde.» Knapp zwei Wochen später ist Belinda Bencic Olympia-Siegerin.

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