Fussball

Präsident Infantino und die Macht in der Fussballwelt

Gianni Infantino hat bei der Fifa unbestritten die Zügel in der Hand.

Gianni Infantino wird als Fifa-Präsident bestätigt. Was aber hat der Walliser in den drei bisherigen Jahren erreicht und was macht ihn aus? Ist es die Gier nach Macht, die ihn antreibt oder doch die Liebe zum Fussball?

Das Glanzresultat ist Gianni Infantino gewiss. Bei der Präsidentenwahl am Fifa-Kongress in Paris darf der 49-Jährige mit einer Zustimmungsrate rechnen, wie sie nur in autokratisch geführten Ländern üblich ist. Oder in Sportverbänden. Die (Fussball-)Welt steht hinter ihm. Beissende Kritik muss sich der Walliser italienischer Herkunft nur noch aus dem deutschsprachigen Raum anhören. Und dies im überschaubaren Rahmen von einigen wenigen Medien. Vernachlässigbar!

Die europäischen Verbandsfunktionäre ballen höchstens ab und zu die Faust im Sack. Zu gross sind ihre Befürchtungen, bei offenem Widerstand vom Machtzentrum des internationalen Fussballs abgeschnitten zu werden. Denn Gianni Infantino hat seinen Laden im Griff. «Er ist der uneingeschränkt starke Mann bei der Fifa», sagt ein Insider.

Das Zeugnis der Weggefährten

Drei Jahre Fifa-Präsident Infantino sind Geschichte, mindestens vier weitere Jahre folgen. Gelegenheit, um mit Menschen, die einen gemeinsamen Weg mit dem Walliser beschritten und beschreiten, auf Antrieb und Errungenschaften des Schweizers zu blicken. Das Fazit: Der Mann polarisiert, bewegt sich je nach Blickwinkel zwischen einem selbstlosen Reformer und einem kaltblütigen Egomanen.

Doch selbst die grössten Kritiker zollen Gianni Infantino Respekt. Er hat die Fifa stabilisiert, viele seiner Projekte durchgeboxt. Etwa das lobenswerte neue Verfahren zur Wahl des WM-Ausrichters. Die Zeiten von Sensationsentscheiden katarischer Dimension sind vorbei. Oder die Aufstockung des Teilnehmerfeldes für die WM auf 48 Teams. Und die Einführung des Video-Assistenten bei Fussballspielen. Kein Zweifel, Infantino verändert die Fussball-Welt.

Als Grüss-Gott-Onkel, auf den Reformkreise die Funktion des Fifa-Präsidenten in der Nach-Blatter-Ära reduzieren wollten, taugt Infantino zweifellos nicht. Er ist der Front Runner, trifft sich mit den Mächtigen der Welt, bestimmt Takt und Agenda der Fifa. «Er ist der Chef», fasst es ein Mitarbeiter zusammen.

Hat sich der Jurist eine Idee in den Kopf gesetzt, dann verfolgt er sie äusserst zielbewusst. «Bisweilen auch ziemlich beratungsresistent», sagt ein Weggefährte. Dass sich Infantino auf seinen Reisen oft im Dunstkreis von Herrschern mit wenig Demokratieverständnis, etwa aus Russland, China oder dem arabischen Raum, aufhält, will ihm niemand vorwerfen.

«Er bewegt sich wie andere Sportführer dort, wo das Geld sitzt», sagt ein Kenner. Und die mit Nachdruck vorangetriebene Kommerzialisierung gehöre schliesslich zum Job eines Fifa-Präsidenten. Noch nicht geliefert hat Infantino hingegen bei der Akquirierung neuer Sponsoren. Ein potenter Geldgeber aus dem Westen würde der Fifa gut anstehen.

Gianni Infantino selbst bezeichnet die Verbandsfinanzen mit einer Reserve von 2,75 Milliarden Dollar als so stark und transparent wie nie zuvor. Er lobt die vielen Millionen, die mit dem Förderprogramm «Forward» in die Fussball-Entwicklung investiert werden. Ob, wie angepriesen, tatsächlich viermal mehr Geld zu den Mitgliedsverbänden fliesst, darüber bestehen Zweifel. Zuvor sprudelte dieses Geld über viele einzelne Kanäle.

Vorbildlich nur auf dem Papier?

Wer mit Vertrauten von Infantino spricht, spürt, ob sie zum inneren Machtzirkel des Präsidenten gehören. Dort gibt es viel Lob für den 49-Jährigen: Er habe in der Fifa aufgeräumt, das alte System nachhaltig verändert, pflege einen offenen Dialog und stütze sich oft auf die Expertise von Fachleuten. Nicht alle teilen die wohlwollende Einschätzung. «Auf dem Papier ist die Fifa tatsächlich exzellent aufgestellt», sagt ein Insider und lacht.

Gelebt werde diese Good Governance aber nicht. Bestes Beispiel die Aufsichtsgremien wie die Audit- oder die Ethikkommission, welche durch «maximale Intransparenz» glänzten. Infantino kontrolliere auch deren Kommunikation. Tatsächlich müsste die Ethikkommission zur Zeit eine Voruntersuchung gegen Infantino führen, weil dieser den Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold mit «privaten» Geschenken fütterte, was nach Ethikcode der Fifa nicht zulässig ist.

Und sie müsste auf Hochdruck gegen den Infantino-Vertrauten Ahmad al Sabah aus Kuwait ermitteln, der wegen Korruptionsverdacht aus dem Fifa-Rat zurückgetreten ist. Ob sie es tut? Man weiss es nicht. Transparenz geht anders. Infantino hat die Fifa stabilisiert, sie aber auch so umgebaut, dass diese Leute ihm nicht gefährlich werden.

Was aber treibt den Menschen Infantino an: Ist es die Liebe zum Fussball, wie ein Bewunderer behauptet. Oder doch eher die Gier nach Macht, wie mehrere Weggefährten es zu beobachten glauben. «Er lechzt nach Anerkennung», sagt ein Mitarbeiter. Heute Mittwoch ist ihm diese sicher.

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