Aldo Kalulu
Wer aus dem «Bananenpflücker»-Vorfall ein Rassismusproblem im Fussball macht, begeht einen Fehler und ist Teil des Problems

Wie tief verankert rassistische Denkmuster in der Schweiz sind, zeigt nicht die Bezeichnung des Baslers Aldo Kalulu als «Bananenpflücker», sondern vielmehr die Reaktionen darauf. Das Problem betrifft viele von uns. Es abzustreiten, macht es nur noch schlimmer. Eine Analyse.

Simon Häring
Simon Häring
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Interne Abklärungen haben ergeben, dass eine Drittperson, die im Auftrag der SRG an der Liveproduktion beteiligt war, die Aussage tätigte", teilte die SRG mit.
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FCB-Spieler Aldo Kalulu wird als «Bananenpflücker» bezeichnet.

SRF

Während des Fussballspiels zwischen Basel und Vaduz war über die Aussenmikrofone zu hören, wie ein Anwesender den Basler Aldo Kalulu als «Bananenpflücker» bezeichnet. Die Szene sorgt für Empörung. Sowohl das Schweizer Fernsehen als auch die Swiss Football League distanzieren sich davon. Der FC Basel schreibt in der Halbzeit, man werde alles tun, um den Schuldigen «zur Rechenschaft» zu ziehen. Die Reaktionen sind richtig und wichtig, aber sie sind auch verlogen. Wer, als das noch möglich war, regelmässig im Stadion war, weiss: solche oder ähnliche Aussagen fallen in fast jedem Spiel. Nur verschwinden sie dann unter dem Lärmteppich. Der Fussball, darin ist man sich schnell einig, habe ein Rassismusproblem.

Wirklich? Viel bezeichnender als die geschliffenen Statements sind drei andere Reaktionen auf den «Bananenpflücker»-Vorfall von Basel.

SRF-Kommentator Dani Kern sagt beim Anpfiff der zweiten Halbzeit: «Wir distanzieren uns in aller Klarheit von dieser Aussage. Und klar ist auch: Die SRG produziert dieses Spiel und stellt die Mikrofone auf. Aber ein SRG-Mitarbeiter – da lege ich meine Hand ins Feuer – war es nicht.» Im Studio nach dem Spiel sagt Moderator Rainer Maria Salzgeber: «Das gehört nicht auf den Fussballplatz.» Und Experte Benjamin Huggel: «Ich finde, es ist ein Unterschied, ob es in der Hitze des Gefechts mit dem Adrenalin passiert. Wenn es jemand ist, der nur zuschaut, kann ich es noch viel weniger verstehen. Ich kann es sowieso nie verstehen, aber ich versuche auch hier, ein bisschen alle Seiten zu sehen. Das ist aufs Schärfste zu verurteilen.»

Ausgrenzung, Verharmlosung, Bagatellisierung

Wer nun behauptet, der Fussball oder der Sport hätten ein Problem mit Rassismus begeht einen Denkfehler, bagatellisiert den Vorfall und ist ein Teil des Problems. Die drei Aussagen sind exemplarische Beispiele, wie wir Weissen rassistische Denkmuster reproduzieren: Dazu passt auch die Diskussion, die in den sozialen Medien geführt wurde, ob der Schuldige nun einen Berner, einen Aargauer oder Solothurner Dialekt gehabt habe unter dem Vorwand, es gehe darum, den Schuldigen ausfindig zu machen. Dabei geht es nicht um Eingrenzung, sondern um Ausgrenzung. Nicht wir sind die Bösen, sondern die anderen. Nach dem gleichen Muster verhält sich der Kommentator, der seine Mitarbeitenden in Schutz nimmt.

Bezeichnend ist der Dialog im Studio, der den Vorfall aufarbeiten soll. Salzgeber betont, das habe auf dem Fussballplatz nichts verloren. Als ob es in Ordnung wäre, sich daneben so zu äussern. Und Huggel verharmlost Äusserungen, die «in der Hitze des Gefechts» gemacht werden. Weder Kern, noch Salzgeber, noch Huggel sind Rassisten. Aber sie offenbaren, dass wir rassistischen Denkmustern verfallen, die es aufzubrechen gilt.

«Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Rassismus. Und ihr grösstes Problem ist es, dass sie sich ungemein schwer damit tut, sich das einzugestehen.»

Der Fussball biete Gewalt, Sexismus und Rassismus eine Bühne, heisst es. Diese verkürzte Sichtweise ist zwar nicht falsch, aber auch nicht richtig.

Nicht der Sport, sondern unsere Gesellschaft hat diese Probleme. Die Schweiz hat ein Problem mit Rassismus. Und ihr grösstes Problem ist es, dass sie sich ungemein schwer damit tut, sich das einzugestehen. Fakt ist: Ein Viertel unserer Bevölkerung weiss, was es bedeutet, aufgrund des Namens, der Hautfarbe, des Akzents oder der Herkunft diskriminiert zu werden. Für Menschen mit nicht schweizerisch klingenden Namen oder dunkler Hautfarbe ist die Wahrscheinlichkeit, eine Lehrstelle zu finden, zwei- bis zweieinhalb mal geringer. Ausgrenzung gehört zu ihrem Alltag. Jedes Land kämpft mit unterschiedlichen Schattierungen der Ausgrenzung, Merkmal des helvetischen Rassismus ist seine Subtilität.

Nicht zum ersten Mal wurde der Basler Aldo Kalulu Ziel einer rassistischen Äusserung.

Nicht zum ersten Mal wurde der Basler Aldo Kalulu Ziel einer rassistischen Äusserung.

Claudio Thoma / freshfocus

Alltagsrassismus als «rassistisches Grundrauschen»

Der Berner Migrations- und Rassismusforscher Rohit Jain führt das auf ein verzerrtes Selbstbild der Schweiz zurück: Wir sind ein Kleinstaat, sind aus eigener Kraft reich geworden, weil wir fleissig, brav und rechtschaffen sind. Bei uns ist das Rote Kreuz beheimatet, wir machen Friedensdienste, bilden uns viel auf unsere «humanitäre Tradition» ein. Dabei werde vieles grosszügig ausgeblendet: Kriegsmaterialexporte, Nazi-Gold, die koloniale Vergangenheit und Migration hätten auch zum Wohlstand beigetragen. Und nach dem zweiten Weltkrieg hätten hunderttausende Gastarbeiter die unqualifizierte Arbeit verrichtet. Dies habe den Einheimischen erlaubt, in die Mittelschicht aufzusteigen. Das sei im Alltag auch deutlich sichtbar, wenn man etwa schaue, wer in Beizen serviere und in Spitälern pflege.

Wer sagt, Schuld trügen andere, wer sagt, solche Äusserungen gehörten nicht auf den Fussballplatz, Verständnis dafür zeigt, wenn sie «in der Hitze des Gefechts» gemacht werden, ist ein Teil des Problems, das wir in der Schweiz haben. Weil wir damit die Rassismuserfahrungen einer grossen Minderheit bagatellisieren und damit zur Aufrechterhaltung dieser Muster beitragen. Wir werten mit unserem Verhalten andere Menschen bewusst oder unbewusst ab. Das zu leugnen, macht es noch schlimmer. Denn das Überhören des rassistischen Grundrauschens ist wohl die Wurzel allen Übels. Es braucht die Einsicht, dass Rassismus in der Schweiz nicht ein Problem des Sports ist, sondern eines, das die ganze Gesellschaft betrifft.

Der Fussball – und das ist die gute Nachricht – kann dabei helfen, dieses Problem zu lösen. Weil er ein Abbild der Gesellschaft ist – nur extremer. Er wirft damit ein Schlaglicht auf Probleme, mit denen sich viele Menschen in ihrem Alltag konfrontiert sehen. Diese für viele von uns unangenehme Sichtbarkeit ist unabdingbare Voraussetzung für Veränderungen.