Tennis

Roger Federer in Madrid: Mit Genuss am Krampf in den Viertelfinal

Nach dem «Panik-Modus» kann er durchatmen: Roger Federer wehrt zwei Matchbälle ab und zieht in den Viertelfinal.

Roger Federer steht in Madrid nach dramatischer Wende in den Viertelfinals. Dort trifft er zum sechsten Mal auf den Österreicher Dominic Thiem, gegen den er eine negative Bilanz (2:3) aufweist.

Ein Mittwochnachmittag im April 2015. Ein silbriger Mercedes parkiert vor dem GC-Klubhaus im Zürcher Seefeld. Am Steuer sitzt der Schwede Stefan Edberg, sein Beifahrer: Roger Federer. Bereits in der Kabine sind der Österreicher Dominic Thiem und dessen Trainer Günter Bresnik. Sie weilen auf Einladung Federers für einige Tage in der Schweiz, um die Sandsaison vorzubereiten.

Thiem, damals 21-jährig und die Nummer 43 der Welt, schwärmt: «Jeder Ballwechsel mit Federer ist ein Erlebnis.» Wer an diesem Nachmittag das Training als Zaungast mitverfolgt, erhält ein Gespür dafür, wie viel Arbeit hinter den Erfolgen des Baselbieters steckt. Über drei Stunden dauert die intensive Einheit. Sie bestätigt das, was seine Wegbegleiter immer wieder über ihn sagen: in Federer, dem Künstler, steckt auch ein Arbeiter.

Die Seite des Kämpfers

Donnerstag, 9. Mai 2019, in Madrid. An den Socken klebt Sand. In seinem Gesicht zeichnen sich tiefe Furchen ab. Als er nach einem Fehler einen Ball in den Himmel jagt, begleitet von einem Kraftausdruck, da wird er verwarnt. Es ist immer noch ein Schauspiel, wenn Roger Federer auf Sand spielt, aber auf keiner Unterlage wirkt er so verwundbar wie auf jener, auf der er seine ersten Gehversuche machte.

Sie eröffnet ihm aber auch die Möglichkeit, eine Seite von sich zu zeigen, die oft im Verborgenen liegt: jene des Kämpfers. Selten sieht man in seinen Augen die wilde Entschlossenheit wie in diesem Achtelfinal von Madrid gegen den Franzosen Gaël Monfils (ATP 18), in dem er mit dem Rücken zur Wand steht.

Nachdem er den Startsatz in 18 Minuten mit 6:0 gewonnen hat, verliert Federer den zweiten mit 4:6, liegt im dritten mit 1:4 hinten, wehrt bei eigenem Aufschlag beim Stand von 5:6 zwei Matchbälle ab. Etwas mehr als zwei Stunden benötigt er, ehe der 6:0, 4:6, 7:6 (7:3)-Erfolg Tatsache ist. Erst zum 18. Mal gewinnt Federer eine Partie nach Matchball gegen sich. Monfils ist der erste Gegner, den dieses Schicksal gegen Federer zum zweiten Mal ereilt: 2014 hatte dieser in den US-Open-Viertelfinals im dritten Satz zwei Matchbälle abgewehrt und danach in fünf Sätzen gewonnen.

Mit «Panik-Modus» zum Sieg

Seine Vision für die Rückkehr auf Sand hatte Federer vor dem Turnier in Madrid so umrissen: «Ich will es unbedingt auch geniessen.» Es solle nicht nur Krampf und Kampf sein, um anzufügen, «das wird es dann schon noch brauchen». Bereits im zweiten Spiel findet der Baselbieter den Genuss am Krampf. «Am Ende brauchte es auch ein wenig Glück», sagt Federer, der in der entscheidenden Phase auch immer wieder ans Netz stürmt. «Weil ich mich von der Grundlinie nicht so wohl fühlte. Also habe ich den Panik-Modus eingeschaltet und bin nach vorne gestürmt.»

Probleme hatte Roger Federer auch am Donnerstag, 12. Mai 2016, in Rom. Knapp drei Monate nach seinem Meniskusriss und der folgenden Operation hat er Schmerzen im linken Knie, dazu macht ihm wieder einmal der Rücken zu schaffen. Gleichwohl entscheidet er sich beim Mittagessen dafür, am Nachmittag zu seinem Achtelfinal-Spiel anzutreten.

«Ich weiss noch gut, wie ich zwei Minuten vor dem Match zu Seve gesagt habe: Warum spiele ich überhaupt? Aber da war es schon zu spät und ich konnte nicht mehr umkehren», erinnert sich Federer. Er habe sich damals kaum bewegen und nur schlecht servieren können. «Ich hätte niemals spielen sollen. So schlecht wie damals habe ich mich auf einem Tennisplatz noch nie gefühlt.» Das 6:7, 4:6 gegen Thiem sorgte für eine Zäsur. Federer verpasste danach die French Open, das Spiel in Rom blieb für fast drei Jahre sein letztes auf einem Sandplatz.

Weiterer Härtetest

Heute trifft Federer ab 17.00 Uhr zum sechsten Mal auf den Österreicher Dominic Thiem, gegen den er eine negative Bilanz (2:3) aufweist und zuletzt in Indian Wells einen hochstehenden Final verlor.

Der 25-Jährige erreichte im Vorjahr in Roland Garros den Final. Jüngst besiegte er in Barcelona zum vierten Mal in den letzten drei Jahren Rafael Nadal. Nur Novak Djokovic (7) hat den Sandkönig öfter auf dessen Lieblingsbelag geschlagen. Thiem hat einen bewegten Frühling hinter sich, der in der Trennung von Trainer Günter Bresnik gipfelte, der ihn während 15 Jahren betreut und ihn in die Weltspitze geführt hatte.

Federer spricht von einem weiteren Härtetest im Hinblick auf die French Open, «aber im Wissen darum, dass die Bedingungen dort anders sind». Drei Jahre nach dem verhängnisvollen Nachmittag in Rom schliesst sich für Federer in Madrid ein Kreis. Diesmal hoffentlich mit anderem Ausgang.

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