ATP-Finals

Roger Federer nach Finalabsage zum Publikum: «Bitte versteht das»

Roger Federer muss Novak Djokovic kampflos den Titel bei den ATP World Tour Finals in London überlassen. Der Schweizer verzichtet auf das Match wegen Rückenproblemen.

Den Termin am Nachmittag auf dem gebuchten Trainingsplatz liess Federer sausen. Wenig später machte das Gerücht die Runde, er könne den Final nicht spielen. Der Trainingsplatz blieb auch eineinhalb Stunden vor dem geplanten Matchbeginn noch leer. Wenig später kam die Absage der Partie.

Ivan Ljubicic, der ehemalige Profi und jetzige Trainer von Milos Raonic, fand schon am Samstag, dass Federer beim Training vor dem Match gegen Stan Wawrinka steif gewirkt habe. Federer bewegte sich denn auch im Match nicht immer sehr geschmeidig.

«Bitte versteht das»

Nach der Siegerehrung im Doppel – Mike und Bob Bryan holten sich den Titel – kam Federer auf den Platz in der O2-Arena. «Ich muss leider auf den Final verzichten, ich bin nicht fit genug für ein Match auf diesem Niveau», sagte Federer. Er habe in der Nacht nach dem Match gegen Stan Wawrinka alles versucht, sich behandeln lassen, doch es gehe einfach nicht. «Bitte versteht das», sagte Federer und gratulierte Novak Djokovic zum Titel und einer tollen Saison. Er hoffe, dass er in der nächsten Saison wieder zurück sei. Statt des Finals kam es zu einem Doppel: Andy Murray und John McEnroe spielten gegen Tim Henman und Pat Cash. 

Später wurde bekannt, dass Federer aufgrund von Rückenproblemen auf das finale Duell gegen den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic, den er 2014 in fünf Duellen dreimal bezwungen hatte, verzichtete. Das Malheur war am Vorabend in der Halbfinal-Partie gegen Stan Wawrinka passiert. "Bis zum Tiebreak fühlte ich mich grossartig, ehe sich der Rücken plötzlich merkwürdig anfühlte", liess Federer in einer Mitteilung ausrichten. Trotz Medikamenten habe sich die Situation über Nacht nicht verbessert. "Ich hatte zu wenig Zeit, um mich zu erholen."

Federers Aussagen lassen fünf Tage vor Beginn des Davis-Cup-Finals in Lille Raum für Spekulationen. Ist er ernsthaft verletzt oder handelte es sich im Hinblick auf den Davis-Cup-Final gegen Frankreich um eine Vorsichtsmassnahme? Wird Federer für den Showdown gegen Frankreich rechtzeitig fit? Und wenn ja, reicht die Zeit, um sich an die Sandunterlage im Lille zu gewöhnen? Federer gab sich bedeckt und verzichtete für einmal auch auf den Medien-Marathon, den er nach seinen Spielen jeweils zu bewältigen pflegt. "So wie ich mich momentan fühle, ist es mir derzeit nicht möglich zu spielen. Aber in ein paar Tagen wird es möglicherweise bereits wieder besser gehen." Erst zum dritten Mal überhaupt musste Federer in seiner Karriere, in der er bislang 1221 Spiele auf der Tour bestritt, für eine Partie Forfait erklären. 2008 hatte er in Paris-Bercy auf den Viertelfinal gegen James Blake (USA) verzichtet, 2012 gab er für den Halbfinal in Doha gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga w.o.

Pyrrhussieg gegen Wawrinka

Federer war am späten Samstagabend im spektakulären Halbfinal gegen Stan Wawrinka mit der Qualifikation für seinen neunten Masters-Final mit Ivan Lendl gleichgezogen und hatte damit einen weiteren Rekord in seiner einmaligen Karriere aufgestellt. Der Sieg gegen seinen Davis-Cup-Partner, den er in der besten und spannendsten Partie des Turniers in 2:48 Stunden und nach der Abwehr von vier Matchbällen mit 4:6, 7:5, 7:6 (8:6) niedergerungen hatte, erwies sich im Hinblick auf den Showdown gegen Frankreich nächste Woche aber als Pyrrhussieg.

Das Gerücht, dass Federer der Rücken wieder zu schaffen machen könnte, war bereits vor dem Halbfinal-Duell der beiden Schweizer aufgetaucht. In dieser Saison war Federer verletzungsfrei geblieben, nachdem ihn 2013 immer wieder Rückenprobleme behindert hatten. Sie waren damals einer der Hauptgründe für die sportliche Baisse Federers gewesen, der sich in diesem Jahr eindrücklich zurückmeldete, elf Finals erreichte, fünf Titel gewann und in der Weltrangliste wieder bis auf Platz 2 vorstiess. "Es war ein grossartiges Jahr für mich. Ich habe wunderbares Tennis gespielt, war sehr konstant und auch physisch gut unterwegs", soFederer.

Vierter Titel für Djokovic

Die Krönung der Saison auf der Tour blieb Federer gestern aber vergönnt. Der Masters-Rekordsieger (sechs Titel) musste als erster Finalist in der Geschichte des seit 1970 ausgetragenen Saisonfinales seinem Gegner den Sieg kampflos überlassen, womit Djokovic als erster Spieler seit Lendl Mitte der Achtzigerjahre das Masters dreimal in Serie gewinnen konnte. Er könne solche Erfolge nicht geniessen, sagte Djokovic, der anstelle des Finals eine Exhibition gegen Andy Murray bestritt. "Der Titel setzt aber all dem, was ich in diesem Jahr erreicht habe, die Krone auf."

Für Djokovic war es der siebte Titel in diesem Jahr. Mit seinem vierten Sieg an den ATP-Finals (in vier Finals) baute Djokovic nicht nur seine Führung in der Weltrangliste gegenüber Federer um weitere 500 Punkte aus, sondern sicherte sich als ungeschlagener Sieger von London insgesamt mehr als zwei Millionen Dollar Preisgeld. In der ewigen Bestenliste überholte Djokovic unter anderen seinen Coach Boris Becker und schloss zum Rumänen Ilie Nastase auf. Nur Federer (6), Lendl und Pete Sampras (je 5) haben am Saisonfinale mehr Titel als der 27-jährige Serbe errungen.

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