Wenn er in der Öffentlichkeit unterwegs ist, hat Roger Federer kaum eine ruhige Sekunde. Selbst im vornehmen Crystal Club, im obersten Stock des Spielerhotels in Perth, wird er um ein Foto gebeten. Für einmal lehnt er ab. Nach seiner knappen Niederlage bei fast 40 Grad und nach zweieinhalb Stunden Spielzeit gegen Alexander Zverev geniesst der Superstar einen freien Tag. Die nicht ganz so hohe Kadenz beim Teamwettbewerb ist ein Grund, weshalb er sich den Hopman Cup nach der Meniskusverletzung und dem Abbruch der Saison 2016 nach Wimbledon für sein Comeback ausgesucht hat. In einer Lounge, hoch über den Dächern der westaustralischen Millionenstadt Perth, sprach er über die verschiedensten Themen.

2016 war mit Terroranschlägen, politischen Unruhen und Flüchtlingsdrama für viele ein schreckliches Jahr. Was war es für Sie persönlich?

Roger Federer: (überlegt) Mein Jahr hängt natürlich eng mit dem Tennis zusammen. Ohne die Verletzung hätte ich ein anderes Jahr erlebt. Mit mehr Tennis und mehr Reisen. So konnte ich viel mehr zuhause sein.

Aber war es für Sie auch ein schlimmes Jahr?

Sagen wir mal so: Ich bin auch froh, dass es vorbei ist. Es hat wunderbare Momente gegeben, aber natürlich auch schwierige. 2016 wird mir stark in Erinnerung bleiben, weil es so anders war, als jedes andere Jahr, das ich auf der Tour hatte. Ich habe in 18 Jahren nicht ein Jahr erlebt, in dem ich nur bei einem Turnier halbwegs fit war. Ich weiss, dass vieles nicht ideal gelaufen ist, aber wir haben dank meines Teams auch dieses Krisenjahr gut bewältigt. Ich wusste immer, dass ich einen guten Rückhalt habe, aber es war trotzdem schön zu sehen, dass es in diesem schwierigen Moment tatsächlich so war.

Hat Sie in dieser langen Zeit ohne Tennis etwas speziell überrascht?

Es hat mich überrascht, wie wenig ich das Tennis vermisst habe. Ich glaube, das hatte damit zu tun, dass ich wusste, dass ich im Moment eh nicht spielen könnte. Deshalb stellte sich die Frage gar nicht, wie ich wohl bei Olympia abgeschnitten hätte. Für mich war das wie gegessen. Das hat mich überrascht, wie einfach ich die drei Monate überspringen konnte, als ich langsam unterwegs war. Der Drang, wieder zu spielen, kam erst im Herbst während Schanghai, Basel und London, als ich auch selber wieder auf den Platz zurück konnte.

Bilder des Wimbledon-Halbfinales gegen Milos Raonic, als sich Roger Federer am Knie verletzte:


Als Sie dachten, jetzt könnten Sie wieder mithalten?

Vielleicht ein 'Sätzli'. Da denkst du, es wäre schon schön, jetzt wieder etwas mitzuspielen. Ich habe mich sogar fast mal gefragt: 'Gibt es doch noch eine Chance?' Es war aber sofort klar, dass das überhaupt keinen Sinn machen würde.

Was nehmen Sie aus dieser Phase für die Zeit nach der Karriere mit? Haben Sie gelernt, dass Sie gut ohne Tennis leben können? Oder eben nicht?

Ich glaube, das wird für mich gar kein Problem sein. Ich bin seit zehn Jahren, als ich die Nummer 1 wurde, Wimbledon und x Grand Slams gewann, für mich fein raus. Ich wollte zwar immer mehr, mein Potenzial ausschöpfen und das Maximum herausholen. Schauen, wie weit ich es bringen kann. Nicht einfach am Morgen aufwachen und ein wenig Tennis spielen, sondern Kondition büffeln, professionell sein, damit ich nichts bedauern muss. Ich habe seit langem das Gefühl, dass ich auch ohne Tennis okay sein werde, aber ob es dann tatsächlich so ist, weiss ich natürlich nicht. Der Moment, wo ich das Tennis vermisse, wird sicher kommen. Es wäre ja nicht normal, wenn du sagen würdest: 'Zum Glück habe ich den Centre Court nicht mehr, zum Glück kann ich nicht mehr Wimbledon spielen.' Du denkst wahrscheinlich trotzdem, dass du noch mitspielen könntest. Ein Ljubicic oder ein Roddick könnten heute locker noch mitspielen.

Aber Sie spielen ja nicht einfach mit. Sie spielen um die vordersten Plätze und auf dem Centre Court. Wenn Sie noch die Nummer 50 der Welt wären und auf dem Platz 4 spielen müssten, wäre die Motivation wohl weniger gross.

Müsste ich auf Platz 5, wäre es sicher schwieriger, auf der Tour herumzureisen, nach all den Jahren, da ich immer auf den Centre Courts spielen konnte. Ab und zu auf einem kleineren Platz zu spielen, also auf dem zweiten oder dritten, ist für mich kein Problem, aber wenn ich nur noch gegen die Topspieler auf dem Centre Court spielen könnte, würde es das schon schwieriger machen. Zum Glück stellt sich diese Frage nicht. Zum Glück wollen mich viele Leute sehen. Das geht halt nur in den grossen Stadien und damit habe ich die super Atmosphäre und die grossartigen Stimmungen.

Die Frage lautet also eher: Kann die Tenniswelt ohne Roger Federer leben?

Das Unglaubliche am Tennis ist, dass es immer neue Superstars kreiert. Jemand neues wird die Nummer 1, jemand anderes gewinnt Grand Slams. Das gibt immer neue Möglichkeiten und genügend neue Gesichter. Es kann nicht einer allein alles dominieren, es gibt drei oder vier Spieler, die ein gutes Jahr haben können. Das Tennis ist grösser als jeder einzelne Spieler, deshalb wird es total okay sein.

Ein livegestreamtes Training von Roger Federer in Dubai:

Live-Training von Roger Federer in Dubai


Sie haben in der Vergangenheit jeweils gesagt, bis zu den nächsten Olympischen Spielen spielen Sie sicher weiter. Gibt es jetzt auch wieder so einen Fixpunkt?

Nach der Verletzung bin ich da schon vorsichtiger, was ich herausposaune. Ich kenne mein Alter und kann sicher nicht bis Tokio 2020 vorausschauen. Im Moment habe ich bis Miami im April fest geplant. Ich weiss natürlich, was ich im Rest des Jahres gerne spielen möchte, aber das gilt nur, wenn jetzt in den nächsten Wochen und Monaten alles gut geht. Offiziell habe ich ja noch immer keinen Match auf der Tour gespielt. Die Siege und Niederlagen am Hopman Cup zählen ja nicht. So lange ich noch nicht in Melbourne gespielt habe, ist es für mich schwierig zu wissen, wo ich genau stehe. Aber ich fühle mich auf gutem Weg.

Nerven Sie eigentlich die Fragen nach dem Rücktritt?

(überlegt) Nerven nicht, aber ich frage mich schon, wie oft man die Frage beantworten kann. Wir können gerne darüber reden, aber es bringt nicht viel. Ich verstehe, dass es so ist. Mühsam war vielmehr, dass es schon 2009 angefangen hat. Das ist jetzt seit sieben Jahren so. Deshalb hab ich mal Rio 2016 gesagt. Genützt hats allerdings nicht so viel, ich wurde trotzdem immer wieder danach gefragt. (seufzt) Leider Gottes haben die Sampras, Edberg und so einfach mit 29, 30 oder 31 aufgehört. Jetzt ist es für viele Leute, vor allem Journalisten, schwer zu verstehen, dass jemand mit 35 noch spielt. So lange es für mich, mein Team und meine Familie stimmt, gibt es für mich kein Problem. Auf eine Art würde ich auch gerne den Zeitpunkt kennen, an dem ich aufhöre. Das würde ja mir, und dem grossen Tross um mich herum, auch helfen bei der Planung. Ich lass es auf mich zukommen, und irgendwann werde ich es wahrscheinlich spüren. Ich hoffe einfach, es kommt nicht der Moment, wo der Körper, zack, entscheidet.


Der Sport sorgt in letzter Zeit für viele Negativ-Schlagzeilen. Erfüllt er überhaupt noch eine Vorbildfunktion?

Es gibt sicher Vorbilder. Du kannst nicht alles schlecht reden, weil es einige falsch gemacht haben. Aber es ist sicher so, dass da, wo es um immer mehr Geld geht, immer mehr 'Seich' reinkommt. Das ist einfach so, es geht um zu viel. Die Leute überlegen sich zu viele Sachen, um für sich einen Vorteil herauszuholen. Wenn du immer wieder über Doping hörst, dass der etwas gemacht hat, eine ganze Nation etwas gemacht hat, ist das extrem enttäuschend. Das ist ein Schlag ins Gesicht jener, die sauber sind. Am Schluss geht es immer irgendwie ums
Geld. Man muss dagegen mit allen Mitteln, vor allem auch mit genügend Geld, ankämpfen.

Im Moment liegt die Finanzierung meist bei den Verbänden, die gar kein grosses Interesse haben, dass ihre Stars wegen Dopings gesperrt werden. Wäre es nicht besser, die Sportler und die Vereine würden einen bestimmten Prozentsatz ihrer Gagen oder ihrer Budgets für die Dopingbekämpfung abgeben?

Ich bin völlig offen, darüber zu diskutieren. Es ist doch im Interesse aller, der Spieler, der ATP, der Turniere, zu schauen, dass der Sport so sauber wie möglich bleibt.

Das ist doch die grosse Frage, ob ein Verband wie die ATP wirklich ein Interesse hat, dass einer ihrer Stars gesperrt wird.

Ich habe seriöse Gespräche gehabt mit der ATP. (sehr dezidiert) Ich will also schon sehr hoffen, dass das kommuniziert wird, wenn irgendwann auch nur annähernd etwas passiert. Gerade bei uns habe ich nicht das Gefühl, dass der Sport so abhängig ist von einem Star, dass du den nicht fallen lassen kannst. Wenn einer betrogen hat, erwarte ich, dass der sofort 'genagelt' wird, dann ist fertig. Ich bin vielleicht naiv, aber da mache ich mir keine Sorgen. Wenn es Dopingfälle gibt, haben viele das Gefühl, ohne geht es gar nicht. Aber Tennis ist ja am Ende immer noch ein Spiel, intuitiv, das schaffst du locker ohne Doping. Aber man muss alles daran setzen, dass es so bleibt.

Sie hätten also keine Bedenken, wenn Ihre Kinder eine Karriere im Spitzensport anstreben sollten?

Nicht wegen dem Doping.

Und sonst?

(überlegt) Nein. Nicht, wenn du aus der Schweiz kommst.

Ihre Kinder leben ja in einer sehr speziellen, behüteten Welt.

Das ist sicher so.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen etwas fehlen könnte, wenn sie in so einer Blase leben?

Ich dachte das gleiche bei mir, als ich mit 14 von Zuhause weg bin. Nach zwei Jahren in Ecublens ging ich auch nicht mehr zur Schule. Ich dachte, ich verpasse alles. (klatscht sich auf die Oberschenkel) Am Ende habe ich jetzt nicht das Gefühl, dass ich gross etwas verpasst habe. Bei meinen Kindern denke ich schon, ein normales Kinderleben sieht sicher anders aus. Mit normaler Schule, Kindergarten, wie ich das auch machte, von zuhause in den 'Chindsgi' gehen. Ist das ein Problem? Ich weiss es nicht. Das wird sich erst zeigen. Aber meine Kinder haben grosse Freude auf der Tour, haben sehr viele Freunde, die sie immer wieder sehen. Ich
sehe, dass sie gut aufwachsen, Spass haben, wir haben unendlich viel Zeit für sie.»

Alle Turniersiege von Roger Federer:


Nervt es Sie, dass Sie nie irgendwo hin können ohne unter Beobachtung zu stehen? Sie können eigentlich nie im Ausgang über die Stränge schlagen, ohne dass es in der Öffentlichkeit bekannt wird.

Was wäre denn das Problem, wenn ich über die Stränge schlage?

Es würden sofort Fotos davon auftauchen.

Und? Das wäre doch ein Zeichen, dass ich es wahrscheinlich lustig hatte, mit coolen Freunden oder meiner Frau einen lässigen Abend verbracht habe. Wenn einer meint, er müsse morgens um 4 noch ein Foto machen, dann halt.

Ich bin froh, dass ich so etwas noch machen kann, auch wenn ich jetzt meist zu müde bin, denn ich muss ja am nächsten Morgen für die Kinder wieder da stehen. Aber ab und zu muss das möglich sein. Mir macht es eigentlich nichts aus im Blickpunkt zu stehen, denn ich habe ja nichts Grossartiges zu verheimlichen in meinem Leben. Ich bin ein normaler Mensch wie jeder andere. Mühsam würde es, wenn ich etwas verheimlichen müsste.

Wann ist es Ihnen zum letzten Mal passiert, dass Sie jemand nicht erkannt hat?

(runzelt die Stirn) Wenn ich ein Restaurant betrete, habe ich immer wieder das Gefühl, die kennen mich wahrscheinlich alle nicht. Ich bin eigentlich eher überrascht, wenn die Leute mich erkennen. Meine Einstellung ist: In der Ecke des Restaurants, in dieser Stadt, in diesem Land, sollte mich der Typ eigentlich nicht kennen. Das ist meine Philosophie, vielleicht hält mich das auf dem Boden.

Sie haben in Perth erstmals Belinda Bencic näher kennengelernt. Welchen Eindruck hat sie gemacht?

Ich kannte sie vorher nicht gut, sie ist ja noch nicht so lange dabei. Ich war sehr positiv überrascht, wie gut sie spielt. Am Fernsehen ist das immer etwas anderes. Ich habe hier mit ihr eingespielt, Mixed gespielt und gesehen, wie viel Druck sie entwickeln kann, wie professionell sie arbeitet und wie viel Freude sie am Tennis und am ganzen Zirkus hat. Ich habe ein sehr gutes Gefühl für den Rest ihrer Karriere, natürlich unter der Voraussetzung, dass sie von Verletzungen verschont bleibt. Nicht zu vergessen: Sie hat in den letzten 15
Jahren bereits eine Mordsarbeit geleistet, deshalb ist sie da, wo sie jetzt ist. Ich glaube, dass sie für lange Zeit eine Top-Ten-Spielerin sein wird.

Roger Federer und Belinda Bencic am Hopman Cup in Perth:


Zum Schluss: Welche Frage würden Sie sich selber stellen, wenn Sie Journalist wären?

(ohne lange zu überlegen) Warum noch ein Interview mit Roger Federer? (lacht) Es ist doch schon so viel gesagt worden.

Haben Sie eine Ahnung, wie viele Interviews Sie schon gegeben haben?

Ich bin sicher, dass ich einer der Athleten, die am meisten Interviews geben mussten. Es ist höchst interessant. Jede Woche, jeden Monat ändert wieder etwas Kleines. Und es hofft wahrscheinlich jeder, dass ich die gleiche Frage ein bisschen anders beantworte. Was ja durchaus sein kann...