Es war ein jämmerliches Bild, das der Spielerrat in den letzten Monaten abgab. Da war mit Novak Djokovic ein Präsident, der den wegen schwerer Körperverletzung Verurteilten Justin Gimelstob entgegen jeder Vernunft und jedes stichhaltige Argument verteidigte, und im Sommer gestehen musste, die Anklageschrift nie gelesen zu haben.

Da waren die dauernden Indiskretionen, die dem Rat die Arbeit erschwerten. Da waren die drei Rücktritte unmittelbar vor Wimbledon. Und da war der nicht nur gestörte, sondern nicht mehr vorhandene Dialog zwischen Djokovic und seinen beiden grössten Kontrahenten, Roger Federer und Rafael Nadal, die den Serben für seine Rolle bei der Absetzung von ATP-CEO Chris Kermode öffentlich kritisierten.

Federer wurde am Donnerstag 38, Nadal feierte im Sommer seinen 33. Geburtstag. Die beiden befinden sich im Herbst ihrer Karriere, sie waren während eines Jahrzehnts Teil des Spielerrats, der Schweizer als Präsident, der Spanier als sein Stellvertreter. Sie könnten die Zukunft des Sports der jüngeren Generation überlassen.

Doch nun kehren sie überraschend in den Spielerrat zurück, wie auch der bereits 38-jährige Österreicher Jürgen Melzer. Sie ersetzen die zurückgetretenen Robin Haase, Jamie Murray und Sergei Stachowski. Noch vakant ist die Position des Vertreters der Trainergilde. Stan Wawrinkas Trainer Dani Vallverdu hatte sein Amt ebenfalls vor Wimbledon niedergelegt.

Gemeinsamer Entscheid von Federer und Nadal

Den Entscheid fällten Federer und Nadal bereits im März in Indian Wells bei einem Kaffee. Und sie knüpften ihr Schicksal aneinander. «Wir haben zusammen entschieden. Weder ich noch Roger wollten alleine in den Rat zurück», sagt Rafael Nadal in Montreal in Abwesenheit von Federer und Djokovic. «Die letzten Diskussionen im Spielerrat waren hart. Es gibt viele wichtige Dinge zu tun und ich möchte besser darüber informiert sein, was alles los ist. Und ich möchte meine Meinung einbringen.» Das erlaubt folgende Lesart: Federer und Nadal schauen Djokovic bei dessen Arbeit im Spielerrat künftig wieder ganz genau auf die Finger.

Damit endet auch die Zeit der gegenseitigen Anschuldigungen und Ausreden. Federer hatte im Mai in Madrid auf die Frage, weshalb er sich nicht zu den Vorgängen geäussert habe, geantwortet, niemand habe an seine Tür geklopft, um seine Meinung abzuholen. Nadal hatte auf dem Standpunkt beharrt, es sei nicht seine Aufgabe, das zu kommentieren.

Und Stan Wawrinka hatte im Frühling in einem öffentlichen Brief einen «besorgniserregenden Zerfall moralischer Werte» im Tennis moniert. Novak Djokovic konterte die Vorwürfe damit, es stehe jedem frei, sich einzubringen und an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken.

Es geht bei den Diskussionen nur vordergründig um die Verteilung der Preisgelder. Im Zentrum der Debatte steht vielmehr die Weitergabe der von den Turnieren erwirtschafteten Gewinne an die Hauptakteure, die Spieler. Die Führungsstruktur der ATP verhindert eine grundlegende Reform des Verteilschlüssels.

Derzeit besteht das so genannte Board of Directors aus zwei je dreiköpfigen Kammern – den Turnierdirektoren und den Spielervertretern, die vom Spielerrat berufen werden. Den Stichentscheid hat der Präsident, derzeit noch der Brite Chris Kermode, dessen Vertrag Ende Jahr ausläuft.

Federers Interessen mit dem Laver Cup

Turniere und Spieler verfolgen diametral verschiedene Interessen. Die Turniere sind nicht gewillt, den Reibach mit den Spielern zu teilen. Deshalb kommt es bei richtungsweisenden Abstimmungen regelmässig zu Pattsituationen, die den Status quo zementieren.

Novak Djokovic hat deshalb bereits vor anderthalb Jahren die Gründung einer Gewerkschaft angeregt. Jüngst enthüllte das kanadische Ratsmitglied Vasek Pospisil, dass sich 2012 ein Grossteil der Spieler bereit erklärt hätten, die Australian Open zu boykottieren. Doch das wäre mit Verdienstausfall verbunden gewesen, und eine Konkurrenz-Serie zur ATP existiert nicht.

So sehr Roger Federer und Rafael Nadal die Zukunft des Tennis am Herzen liegen mag, aus rein altruistischen Gründen geschieht die Rückkehr nicht. Federer vertritt künftig wohl auch die Interessen des Laver Cups, und damit auch seine eigenen. Der Kontinentalwettbewerb nach Vorbild des im Golf populären Ryder Cups, findet Ende September zum dritten Mal statt, diesmal in Genf.

Dass die drei Granden nun wieder im selben Boot sitzen, dürfte vorerst zur Beruhigung der überhitzten Debatte führen. Ob Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic auch in die gleiche Richtung rudern, ist indes eine andere Frage. Das nächste Treffen des Spielerrats ist im Vorfeld der US Open angesetzt. Das Mandat der drei neu Berufenen läuft bis Wimbledon 2020.