FC Basel

Ruedi Zbinden im grossen Corona-Interview: «Unsere Planung ist gestoppt»

Ruedi Zbinden: «Der FCB belastet die staatlichen Kassen nicht mit Kurzarbeit für die Spieler.»

Ruedi Zbinden: «Der FCB belastet die staatlichen Kassen nicht mit Kurzarbeit für die Spieler.»

FCB-Sportdirektor Ruedi Zbinden spricht im grossen Telefoninterview über die Corona-Massnahmen beim FC Basel, über die Folgen der Krise für den Verein und Kurzarbeit. Die beantragt der FCB für seine Spieler nämlich nicht.

Ruedi Zbinden hätte nicht gedacht, dass ihn in seinem ersten Jahr als FCB-Sportdirektor ein Virus am meisten beschäftigt. Auch wenn ihn die Massnahmen persönlich sehr einschränken, attestiert Zbinden dem Bundesrat eine «sehr gute Arbeit». Der 60-Jährige nutzt das Telefoninterview mit der bz auch, um den Lesern die aus seiner Sicht wichtigste Botschaft mitzugeben: «Bleibt zuhause, haltet Abstand. Ob jung oder alt: Es muss sich jeder daran halten.» Vorher nimmt sich Zbinden 45 Minuten Zeit, um zu erzählen, wie er und der FCB mit der Corona-Krise umgehen.

Ruedi Zbinden, wie geht es Ihnen?

Ruedi Zbinden: Mir geht es gut. Seit der Rückkehr aus Frankfurt Freitag vor einer Woche bin ich zuhause. Ich wollte selber herausfinden, ob ich wirklich nichts habe. Denn auf der Reise war ich mit vielen Leuten in Kontakt. Bis jetzt habe ich zum Glück keinerlei Beschwerden.

Sehen Sie sich mit Ihren 60 Jahren schon als Risikopatient?

Ab einem gewissen Alter musst du schon aufpassen. Aber ich bin ja gesund und nehme auch keine Medikamente. Ich bin noch sportlich, trainiere jeden Tag und habe einen gewissen Fitnessstand. Deswegen habe ich nicht gerade Angst, aber es wäre schon besser, wenn ich das Virus nicht bekomme.

Sind Sie darum in die selbstauferlegte Quarantäne?

Genau. Ich bin höchstens zum Sportmachen oder zum Einkaufen raus, war aber nicht mehr in der Nähe von anderen Menschen. Ich hatte keine Sitzungen mehr und bleibe grösstenteils einfach daheim.

Wie halten Sie sich aktuell fit?

Ich gehe Velofahren und mache Gymnastik. Daheim habe ich einen Stepper und mache Krafttraining mit dem eigenen Gewicht. Ich trainiere eigentlich das ganze Jahr über, jetzt halt ein wenig intensiver.

Wie arbeiten Sie unter diesen Umständen?

Nachdem wir mit Philipp Kaufmann (Sportkoordinator Anm. d. Red) und in Absprache mit dem Staff zunächst alles für die Spieler organisiert haben, kümmere ich mich jetzt vermehrt um das Scouting. Damit war ich ein bisschen in Rückstand. Jetzt lese ich die Berichte der Live-Beobachtungen unserer Scouts über die Spieler, die bei uns im System abgelegt wurden und schaue mir Videos von den interessanten Spieler an. Dafür habe ich in den nächsten Wochen Zeit, um wieder auf einem guten Stand zu sein.

Haben Sie durch die Corona-Krise mehr oder weniger Arbeit als sonst?

Es ist schon ruhiger. Die Stadionbesuche und die Sitzungen mit Agenten, eigenen Spielern und dem Trainer fallen jetzt weg. Mit Marcel Koller bin ich jeden zweiten Tag telefonisch im Austausch. Aber es ist natürlich schon etwas ruhiger geworden.

Wo ist Marcel Koller aktuell und wie geht es ihm?

Ihm geht es gut und er ist zuhause. Er macht auch viel Sport und hat Zeit, gewisse Matches oder Spieler auf Video anzuschauen. Das ist auch mal gut.

Wie geht es den Spielern?

Sie sind zuhause und es geht ihnen allen gut. Sie haben vor einer Woche ein Trainingsprogramm und klare Anweisungen bekommen. Sie dürfen zum Glück noch an die frische Luft, um für sich zu trainieren. Aber es ist auch ganz klar, dass sie nicht mehr reisen dürfen, schon gar nicht ins Ausland. Der Sprachunterricht unserer ausländischen Spieler findet über Skype statt. Sie sollen die viele Zeit jetzt nutzen, um Deutsch und Englisch zu lernen.

Wie ist der Austausch mit den Spielern?

Den gibt es täglich. Die Spieler müssen sich jeden Tag per WhatsApp melden und sagen, wie sie sich fühlen. Sollte einem unwohl sein, muss er sofort Teamarzt Felix Marti anrufen.

Ruedi Zbinden war schon beim Geisterspiel in Frankfurt alleine unterwegs, jetzt ist er zuhause isoliert.

Ruedi Zbinden war schon beim Geisterspiel in Frankfurt alleine unterwegs, jetzt ist er zuhause isoliert.

Beim letzten Gegner Eintracht Frankfurt gibt es mittlerweile zwei positive Corona-Fälle.

Ja, da sind wir natürlich auch etwas erschrocken, standen aber die ganze Zeit über mit Frankfurt in Kontakt. Einer der beiden Spieler stand gegen uns auf dem Platz, der andere war nicht im Kader. Trotzdem haben wir unsere Spieler daraufhin angewiesen, zuhause zu bleiben und die eigene Gesundheit zu beobachten.

Einen Corona-Test gab es beim FCB aber nicht.

Nein. In der Schweiz werden ja nur Tests gemacht, wenn es auch Symptome gibt. Das war und ist bei uns nicht der Fall.

Eigentlich wäre die aktuelle Zeit auch wichtig, um sich um auslaufende Verträge zu kümmern. Wie störend ist da die Corona-Pause?

Im Moment ist alles etwas unsicher. Es gibt Meinungen, die besagen, es könne erst im Jahr 2021 wieder gespielt werden. Jeder erzählt etwas anderes. Das stört mich, denn niemand weiss, wie es wirklich weiter geht. Unsere gesamte Planung ist dadurch aber gestoppt. Das kann man schon so sagen. Wir warten ab und schauen täglich, wie sich das Ganze entwickelt und hoffen einfach, dass wir als Gesellschaft alle gemeinsam diese Krise bestmöglich meistern.

Es gibt beim FCB einige Verträge, die Ende Juni auslaufen. Müsste da nicht bald eine Entscheidung her, wie es mit Kevin Bua, Ricky van Wolfswinkel oder auch Zdravko Kuzmanovic weitergeht?

Mit ihnen bin ich in Kontakt. Aber wir haben keinen Druck und warten ab.

Und bei den vier Leihspielern Arthur Cabral, Edon Zhegrova, Eric Ramires und Emil Bergström? Eine Corona-Klausel wird es bei den Leistungsvereinbarungen, die am Ende auch zu Kauf- oder Nicht-Kauf entscheiden, kaum geben.

Auch da müssen wir abwarten, wie es sich entwickelt und dann Kontakt mit den anderen Klubs und den Leihspielern aufnehmen. Aber auch da ist aktuell schwierig, eine Prognose abzugeben.

Bis wann müssen Sie sich bei den Leihspielern entscheiden?

Bei den meisten ist das erst am Schluss der Saison, also Ende Mai, Juni. Da haben wir noch ein bisschen Zeit.

Die wichtigste Personalie ist der Trainer. Konnten Sie da gemeinsam mit Marcel Koller und Bernhard Burgener zusammensitzen?

Auch das muss in der aktuellen Situation warten. Wir wollen grundsätzlich alle schnellstmöglich zurück auf den Platz. Es wäre toll für alle Menschen, wenn sich die ganze gesundheitliche Situation so erholen würde, dass die Meisterschaft, der Schweizer Cup und auch der internationale Wettbewerb noch irgendwie zu Ende gespielt werden könnte. Sobald wieder Fussball gespielt werden kann, werden wir auch die verschiedenen vertraglichen Situationen anschauen können.

Marcel Koller und Ruedi Zbinden kommen gut miteinander aus.

Marcel Koller und Ruedi Zbinden kommen gut miteinander aus.

Sie können die Trainerfrage erst beantworten, wenn wieder gespielt wird? Was passiert bei einem Saisonabbruch?

Wie gesagt, wir müssen abwarten. Sollte das Szenario eintreffen, dass gar nicht mehr gespielt werden kann, ergibt sich eine neue Situation. Solange das nicht der Fall ist, hoffen wir natürlich, dass es irgendwann weiter geht.

Durch die Verschiebung der EM haben die nationalen Ligen im Sommer Zeit, die Saison zu Ende zu spielen. Viele Verträge laufen aber nur bis zum 30. Juni. Muss man dieses Problem noch lösen?

Ich glaube nicht, dass im Juli noch die alte Saison gespielt werden könnte, da dann ja bereits die Qualifikationen für den Europacup der neuen Saison laufen würde. Wenn im Juli noch gespielt werden sollte, muss die Fifa verschiedene Änderungen in Bezug auf Vertragslaufzeiten und so weiter einführen, was sicher viel zu kompliziert wäre.

Spüren Sie als Sportdirektor schon, dass die Corona-Krise einen Einfluss auf den Transfermarkt und die zuletzt horrenden Preise hat?

Wenn man die ganze Wirtschaft anschaut, hat man schon ein wenig Angst. Ich glaube, dass die Krise auch im Fussball Einiges verändern wird, zum Beispiel die Ablösesummen. Wenn die Spieler, die ich aktuell anschaue, im Sommer etwas günstiger zu haben wären, wäre das natürlich auch für den FCB interessant. Handkehrum werden unsere Spieler, die vor einem Wechsel ins Ausland stehen, auch billiger. Aber auch hier sind Prognosen schwierig.

Solidarität heisst in diesen Tagen das Zauberwort. Auch im Fussball gibt es viele Hilfsaktionen wie KickCorona, wo Bundesliga-Profis Geld spenden, oder auch Teams, die komplett auf Lohn verzichten. Sollte da auch der FCB mitmachen?

Es ist toll, dass es bis jetzt schon viele solche Aktionen gibt. Auch wir tauschen uns mit dem Spielerrat über diese Themen aus und versuchen gemeinsam eine sinnvolle und wirkungsvolle Lösung zu finden, hinter der alle stehen können.

Wären Sie persönlich bereit, zum Wohle der Gesellschaft oder auch des Vereins auf Lohn zu verzichten?

Ich persönlich finde, dass man es nicht allen erzählen muss, wenn man etwas unterstützt. Deswegen möchte ich hier keine Auskunft geben. Ich gehöre nicht zu denen, die überall erzählen, wo sie überall Gutes geleistet haben.

Sie könnten als FCB aber auch ein Vorreiter sein, wenn Sie jetzt eine solidarische Aktion starten und diese öffentlich kommunizieren.

Wie gesagt, wir werden gemeinsam anschauen, was möglich und sinnvoll ist.

Der FCB hat Kurzarbeit beantragt. Zunächst für die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle. Seit letztem Freitag wäre das auch  für die befristet angestellten Profis möglich. Brauchen die Spieler das Geld wirklich oder dient der Antrag eher der finanziellen Entlastung des Vereins?

Der FCB belastet die staatlichen Kassen nicht mit Kurzarbeit für die Spieler, obschon diese selbstverständlich alle Sozialabgaben, wie jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin, entrichten.

In Sion hat Präsident Christian Constantin den Spielern, die nicht auf Lohn verzichten wollten, fristlos gekündigt. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie das gehört haben?

Zu anderen Klubs möchte ich mich nicht äussern.

Haben Sie Pajtim Kasami schon gefragt, ob er jetzt ablösefrei nach Basel wechseln will?

(lacht). Nein, nein.

Damit die Saison fertig gespielt werden kann, sind Geisterspiele wahrscheinlich unumgehbar. Was wäre aus Sicht des FCB das aktuelle Wunschszenario?

Es wäre für alle Klubs enorm wichtig, irgendwann weiterspielen zu können, wenn es die Situation zulässt. Wenn das sogar mit Zuschauern geht, wäre das umso schöner. Aber wenn für eine gewisse Zeit Geisterspiele durchgeführt werden müssten, wäre das auch schon ein kleiner Schritt vorwärts. Finanziell für die Vereine, aber auch für die Fans, die dann immerhin zuhause wieder Fussball schauen könnten. Der Fussball bewegt und begeistert – wie andere Sportarten auch – viele Menschen auf der ganzen Welt und es sind enorm viele Leute involviert. Wenn man diese Freude zumindest per TV bald wieder übertragen könnte, wäre das toll.

Was wären die Folgen für den FCB, wenn die Saison tatsächlich abgebrochen wird?

Jeder Abbruch ist aus rein sportlicher Sicht das schlimmste Szenario. Ob Meisterschaft, Cup oder Europacup: es wäre allgemein schade, wenn nicht mehr gespielt werden könnte. Aber wenn es so ist und uns das Virus noch über Wochen und Monate im Griff hat und wir keinen Impfstoff haben, dann ist es so. Dann muss sich natürlich auch der Sport unterordnen. Am wichtigsten sind jetzt die Bereiche, die unser gesellschaftliches Funktionieren tragen.

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