Saisonstart im Fechten
In der russischen Höhle des Löwen: Der brisante Weg der Schweizer Fechter zu den Olympischen Spielen

Das Schweizer Männerteam der Degenfechter kämpft nach zwölf Monaten Pause ausgerechnet in Russland, quasi in der Höhle des Löwen, um einen Platz in Tokio.

Rainer Sommerhalder
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Max Heinzer (links) und Benjamin Steffen wollen dem Schweizer Degenteam in Russland das Olympia-Ticket sichern.

Max Heinzer (links) und Benjamin Steffen wollen dem Schweizer Degenteam in Russland das Olympia-Ticket sichern.

Keystone/Peter Schneider

Die Ausgangslage ist brisant. Die Schweizer Degenfechter – bei Olympischen Spielen regelmässig Mitfavoriten auf Medaillen – sollen am Montag und Dienstag nächster Woche quasi von Null auf Hundert beschleunigen. Seit dem Weltcup in Budapest im März 2020 besteht ihr Alltag coronabedingt ausschliesslich aus Training. Und nun muss das Team beim allerersten Wettkampf seinen Platz für die Olympischen Spiele in Tokio sichern. Eine weitere Chance gibt es nicht.

Dass der Wettkampf ausgerechnet in Russland stattfindet, macht die Angelegenheit umso delikater. Erstens ist der Gastgeber eine der Nationen, welche die Schweiz im Kampf um das Olympiaticket unbedingt noch überholen will. Andererseits wäre ein Schweizer Scheitern gegen jenes Land, das wegen seiner Dopinggeschichten konsequenterweise in Tokio gar nicht antreten dürfte, besonders bitter.

Auf dem Papier sieht es verheissungsvoll aus. Die vier besten der Weltrangliste plus je ein weiteres Team pro Kontinent dürfen in Tokio antreten. Die Schweizer Männer belegen in der Qualifikationsrangliste derzeit Rang 3. Mindestens zwei Mannschaften müssten sie also noch überflügeln. Neben Russland sind die Ukraine und Ungarn Kandidaten dafür.

Die Angst vor Absprachen unter Freunden

Gerade das macht dem Basler Benjamin Steffen etwas Bauchweh. Der Olympiavierte von 2016 in Rio ist zusammen mit der ehemaligen Weltnummer 1, dem Innerschweizer Max Heinzer, der Teamleader. Steffen sagt, man wisse nie, welche «Päckli» zwischen Nationen geschmiedet werden. Gerade unter osteuropäischen Teams seien Absprachen in der Vergangenheit ein Thema gewesen. Kommt hinzu, dass auch der Präsident des Weltverbands aus Russland kommt: der Oligarch Alischer Usmanow. «Wir müssen aufpassen. Ich habe schon viel erlebt, gesehen und gehört», sagt auch Max Heinzer.

Die Schweiz sieht so weit wie möglich vor. Sie reist auf Initiative von Heinzer mit einem Charterflug nach Kasan, hat eigenes Essen vom OYM-Trainingscenter in Cham im Gepäck und wohnt in einem selbst ausgesuchten Hotel. Auch genügend eigene Coronatests reisen mit. Denn in Zeiten des Virus könnte auch ein positiver Test eines Schweizer Delegationsmitglieds vor Ort für gewisse Kreise Mittel zum Zweck sein. Mit dem eigenen Nachweis will man Argumente in der Hand haben, falls plötzlich das gesamte Team vom Wettkampf ausgeschlossen und so von Olympia ferngehalten werden sollte.

Benjamin Steffen spricht von einer ungewohnten Situation. Der Gymnasiallehrer stört sich daran, dass in gewissen Ländern Wettkämpfe oder sogar internationale Trainingslager stattfinden konnten, eine faire Vorbereitung deswegen infrage gestellt sei. Auch Max Heinzer sagt, eine so lange Zeit ohne Wettkampf habe es in seiner Karriere noch nie gegeben.

Vielleicht der einzige Wettkampf bis Tokio

Er ist überzeugt, qualitativ hervorragend trainiert zu haben. Seine Testwerte bei Explosivität sowie Schnelligkeit seien hervorragend und er habe bei der Ausdauerleistung deutliche Fortschritte gemacht. Der 33-jährige Schwyzer sieht die Herausforderung vor allem im mentalen Bereich. «Die richtige Spannung ist gefragt – nicht zu cool und nicht zu nervös sein. Wir müssen Ängste in positive Energie umwandeln.»

Seltsam ist die Situation im Fechtsport auch deshalb, weil der weitere Saisonverlauf bis zu den Olympischen Spielen noch nicht gesichert ist. Max Heinzer sagt sogar: «Es kann sein, dass der Weltcup in Kasan der einzige Ernstkampf überhaupt vor Tokio ist.» Für ihn als Athlet kein verheissungsvolles Szenario, «denn um im Fechten eine gewisse Konstanz zu erreichen, braucht es Wettkämpfe». Schliesslich erstreckt sich die Saison der Fechter in normalen Zeiten beinahe über das gesamte Jahr.

Dass ausgerechnet Dopingsünder Russland die Schweiz aus dem Olympiaturnier kicken könnte, wäre für Steffen und Heinzer kein speziell bitterer Fakt. Der Fechtsport sei nicht Teil der russischen Dopingproblematik gewesen, sagt Heinzer. Steffen übt zumindest am Umgang mit diesem Sportskandal Kritik. Das Verdikt, dass die Nation Russland offiziell von Tokio ausgeschlossen wurde, aber russische Athleten dennoch mitmachen dürfen, nennt er «einen etwas heuchlerischen Entscheid des Weltsports».

Es gibt für die Schweizer Fechter einen Weg, um allen Diskussionen oder möglichen Deals rund um die Olympiaqualifikation aus dem Weg zu gehen: Mit einem vierten Rang im Teamwettkampf von Kasan ist man definitiv in Tokio dabei. Ohne rechnen und zittern.