Schach
Nicht wie bei Netflix: Sexismus im Schach immer noch weit verbreitet

An der Schach-Weltmeisterschaft in Dubai versucht Magnus Carlsen, seinen Titel gegen Jan Nepomnjaschtschi zu verteidigen. Mit dabei ist einmal mehr keine Frau. Obwohl der Netflix-Hit «Das Damengambit» das Bild einer starken Frau im Sport zeichnet, sind Spielerinnen auf Topniveau meist Fehlanzeige.

Pascal Kuba
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Beth Harmon aus der Netflix-Serie «Das Damengambit».

Beth Harmon aus der Netflix-Serie «Das Damengambit».

AP

Als Beth Harmon in der Netflix-Serie «Das Damengambit» erstmals an einem Turnier spielt, betritt sie eine von Männern dominierte Welt. Die Turnhalle, in welcher die Tische und Schachbretter aufgestellt sind, wirkt kalt und ungemütlich. Genauso muss sich für eine Frau die Schachszene angefühlt haben in den Sechzigern, in denen die Serie spielt. Umso grösser ist die Überraschung, als Beth Harmon das Turnier gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner gewinnt. Hier beginnt ihr Aufstieg im Schach.

Das Damengambit eroberte die Welt im Eiltempo. Schach-Sets waren im Nu ausverkauft, die Nutzerzahlen auf Online-Schachplattformen wie Lichess oder Chess.com stiegen beträchtlich. Das Spiel auf 64 ­Feldern war über Nacht wieder in Mode und erfreut sich seither grosser Beliebtheit. Die ­Geschichte, welche die Reise von Beth Harmon aus dem Weisenheim zur Schach-Weltmeisterin porträtiert, verzauberte die Zuschauer.

Die Frau, die Kasparow schlug

Eine starke Frau in der Schachszene ist aber Seltenheit, denn Frauen haben einen schweren Stand beim «Spiel der Könige». Dieses Jahr wird der Schach-Weltmeistertitel ein weiteres Mal unter zwei Männern ausgemacht: Magnus Carlsen trifft auf Jan Nepomnjaschtschi. Auch beim Kandidatenturnier, wo der Herausforderer des Dänen Carlsen ermittelt wurde, spielten nur Männer. Augenfälliger ist der Fakt, dass sich unter den besten 100 Spielenden nur eine Frau befindet: Die Chinesin Hou Yifan auf Platz 83.

Die von Männern dominierte Schachwelt der Sechziger ist somit auch die der Gegenwart. Dass es aber Spielerinnen gibt, die mit den Besten der Welt mithalten können, bewies Judit Polgar. Die Ungarin zeigte den Männern in den Neunzigern und Nullerjahren, wie Schach gespielt wird. So schlug sie beispielsweise 2002 den damaligen Weltmeister Garri Kasparow, nachdem dieser einst sagte: «Sie hat ein fantastisches Talent, aber sie ist immer noch eine Frau. Keine Frau ist in der Lage, eine lange Schlacht zu überstehen.»

Judit Polgar vor dem Spiel gegen Garri Kasparow 2002 in Prag.

Judit Polgar vor dem Spiel gegen Garri Kasparow 2002 in Prag.

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Sexismus im Schach? Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte Polgar jüngst: «Wenn ich gewonnen habe, hiess es: Das kleine Mädchen hat Glück gehabt. Wenn ich nochmals gewonnen habe, hiess es, sie hatte wieder Glück. Es hat lange gedauert, bis es nicht mehr Glück war.» Dieser ­Umstand ist auch aus sportlicher Sicht fatal. Denn um auf ihr Topniveau zu kommen, musste Polgar gegen Männer spielen. Das Frauen-Schach bildete ab einem gewissen Zeitpunkt keine Herausforderung mehr. «Ich habe kein Problem mit Frauen, sondern nur mit dem Niveau ihres Spiels», sagte Polgar.

Anders als Beth Harmon, die einen fiktiven Charakter darstellt, galt Polgar einst tatsächlich als Wunderkind. Ihr Vater förderte sie und ihre beiden Schwester von Kindheit an und verhalf ihnen so zum Aufstieg im Schach. Mit neun war sie auf dem Titelblatt der «New York Times». Den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte sie dann 2005, nach einer Babypause. Im gleichen Jahr nahm sie auch als bisher einzige Frau an einem Kandidatenturnier teil.

Sexismus im Schach auch in der Schweiz

In der Schweiz bilden Schachspielerinnen ebenfalls eine Rarität. Die momentan beste ist Lena Georgescu. Die 22-jährige teilt ähnliche Erfahrungen wie Polgar. Sexistische Kommentare und Anspielungen habe auch sie schon erlebt. Früher habe sie das belastet, heute scheue sie sich nicht vor der Konfrontation, verriet sie in einem Interview. Mittlerweile sei sie aber daran gewöhnt und lasse sich nicht mehr aus der Fassung bringen. Gleichzeitig sagte sie: «Als Frau ist im Schach ein dickes Fell wichtig. Ich toleriere gewisse Sachen nicht, werde mich davon aber auch nicht abbringen lassen.»

Lena Georgescu, Schachmeisterin, fotografiert beim Schachspiel auf dem Bärenplatz in Bern.

Lena Georgescu, Schachmeisterin, fotografiert beim Schachspiel auf dem Bärenplatz in Bern.

Severin Bigler

Georgescu wurde wie Polgar bereits früh gefördert. Genau da sieht die Bernerin auch ein Problem. Da Mathematik Jungssache sei, ist es als einzige Frau unter Männern nicht besonders attraktiv, sich für Schach zu begeistern. Die Realität ist also noch weit entfernt vom Netflix-Drama. Auf eine Beth Harmon, die Weltmeisterin wird, auf der Strasse Autogramme verteilt und zum Superstar der Schachszene aufsteigt, muss sich die Welt noch gedulden.

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