Geisterspiel-Studie
«Schiri, gelbe Karte!» – Warum die Schiedsrichter das Gastteam im leeren Stadion wohlwollender behandeln

Studien, die während der Geisterspiele der vergangenen Saison erstellt wurden belegen Erstaunliches: Fehlen im Stadion die Zuschauer, zeigen die Schiedsrichter den Auswärtsteams deutlich weniger gelbe Karten und bevorzugen Heimteams auch anderweitig weniger oft. Heisst das im Umkehrschluss: Schiedsrichter wollen dem Heimpublikum gefallen? Der Schweizer Schiedsrichterchef stellt die Erkenntnisse infrage.

Ralf Streule
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Gelbe Karte ans Auswärtsteam: Schiedsrichter Lukas Fähndrich verwarnt im Kybunpark den Zürcher Blaz Kramer.

Gelbe Karte ans Auswärtsteam: Schiedsrichter Lukas Fähndrich verwarnt im Kybunpark den Zürcher Blaz Kramer.

Sven Thomann/Freshfocus / Blick

Die Corona-Pandemie verbannt die Zuschauer aus den Stadien. Was für Fans rund um den Globus ein Graus ist, freut einen Teil der Sportwissenschaft. Etliche wissenschaftliche Studien sind im vergangenen Jahr entstanden, die den Einfluss des Publikums - oder eben dessen Fehlen - auf den Fussball untersucht.

Heimsiege nahmen nur marginal ab

Das Naheliegendste, nämlich ein Verschwinden des Heimvorteils, konnten die Statistiker jedoch nicht nachweisen – zumindest nicht in einem statistisch relevanten Ausmass über Dutzende untersuchte Ligen hinweg. Heimteams gewannen nicht deutlich weniger Punkte als zuvor (siehe Infobox unten). Auch bei der Anzahl erzielter Tore war über alle Ligen hinweg kaum ein Effekt auszumachen.

Ein «statistisch signifikanter Effekt»

Eine Studie der Universitäten Sussex und Reading bringt aber etwas anderes zu Tage. Schiedsrichter verteilen deutlich weniger gelbe Karten für Auswärtsteams, seit keine Fans mehr im Stadion sind. Ganze 0,221 Karten weniger gab es für die Gäste, im Durchschnitt über alle 6481 untersuchten Spiele der Saison 2019/20 in 17 Ländern und 23 Ligen. Die Heimteams hingegen erhielten durchschnittlich 0,1 gelbe Karten mehr. Ein «statistisch signifikanter Effekt», wie die Herausgeber der Studie schreiben.

Besonders stark ist er in der portugiesischen oder dänischen Topliga, aber auch in den grossen Ligen wie der deutschen Bundesliga, der spanischen La Liga oder der Premier League in England. Auch in der Schweiz wurden ohne Zuschauer deutlich weniger Verwarnungen an die Auswärtsteams ausgesprochen – während die Karten an Heimteams zwar auch sanken, aber weit weniger als jene an den Gast. Ausnahmen bestätigen die Regel: In Australien und Polen zeigt sich der Effekt nicht.

CH Media

Dafür fanden die Verfasser der Studie einen weiteren Zusammenhang: Je grösser die Zuschauermassen vor dem Lockdown waren, desto grösser der Effekt des ausbleibenden Publikums auf die Verwarnungen.

«Leere Stadien führen zu faireren Entscheidungen»

Der Schluss, den die Verfasser ziehen:

Diese Resultate legen nahe, dass ohne Publikum der soziale Druck auf den Schiedsrichter, das Auswärtsteam härter zu bestrafen, kleiner wird. Das führt zu faireren Entscheidungen.

Dass der Effekt an weniger hart einsteigenden Spielern liege, sei hingegen nicht wahrscheinlich.

Schiedsrichter-Chef Dani Wermelinger

Schiedsrichter-Chef Dani Wermelinger

Urs Lindt/Freshfocus / Urs Lindt/freshfocus

Dani Wermelinger, Chef der Schweizer Spitzenschiedsrichter, stellt die Aussagekraft dieser statistischen Werte jedoch in Frage. Es seien zu viele Faktoren, die das Aussprechen von gelben Karten beeinflussten, sagt er. Die Arbeit sei für die Schiedsrichter in leeren Stadien wegen der veränderten Akustik zwar anders geworden. Plötzlich sind Zusammenstösse besser zu hören, was die Foulentscheidung allenfalls beeinflussen könne. Zudem hören Schiedsrichter plötzlich Aussagen von Spielern, die vorher im Lärm untergegangen waren. Dass das Publikum einen Einfluss auf die Leistung der Schiedsrichter habe, schliesst er aus:

Die Schiedsrichter sind mental im Tunnel, sind extrem fokussiert und nehmen das Publikum während der Partie nicht wirklich wahr.

Auch dass in praktisch allen Ligen eine Tendenz zu weniger Karten für das Auswärtsteam vorliegt, sieht er nicht als Hinweis auf den Publikumseinfluss.

Viel entscheidender ist, ob der Schiedsrichter richtig steht und ob er konzentriert ist auf die Spielsituation. Darauf haben Zuschauer keinen Einfluss.

Mehr Nachspielzeit, wenn Heimteam in Führung ist

Die Verfasser einer weiteren Studie von der University of Reading würden Wermelinger widersprechen. Sie haben in England einen weiteren Effekt untersucht, nämlich die Länge der Nachspielzeit. Führt das Gastteam mit einem Tor Unterschied, lassen Unparteiische in Geisterspielen durchschnittlich eine Minute weniger lang nachspielen als vor vollem Haus. Fans bringen den Schiedsrichter also offenbar dazu, das Spiel länger laufen zu lassen.

Umgekehrt: Wenn das Heimteam knapp führt, pfiff der Referee vor vollem Haus um mehr als 40 Sekunden früher ab als vor leeren Rängen. Der Ruf «abpfiffe!» aus tausend Kehlen bringt vielleicht halt doch etwas.

Super League: volatiler Heimvorteil

Der Heimvorteil sinkt nicht in statistisch relevantem Ausmass, wenn die Fans wegbleiben. Dies ist eine weitere Erkenntnis aus den englischen Fussball-Studien. Auch hier wurden 23 Ligen in 17 Ländern untersucht. Heimteams gewannen also insgesamt nicht deutlich mehr Punkte als zuvor. Interessant ist hier der Blick in die Schweizer Super League, wo der Heimvorteil kurzzeitig sogar deutlich zunahm. In der Phase, als 1000 Zuschauer ins Stadion durften, also eine gewisse Heimstimmung aufkam, ohne dass das Stadion aber zum Hexenkessel wurde, war die Heimstärke so gross wie seit Jahren nicht mehr. Als dann praktisch keine Zuschauer mehr zugelassen waren in diesem Herbst, fiel der Heimvorteil leicht. Die statistische Relevanz ist aber mit Vorsicht zu geniessen - schliesslich wurden im untersuchten Zeitraum 2020 nur 180 Partien ausgetragen. Eher wenig Zahlenmaterial.