Radsport

Schurter-Konkurrent Mathieu van der Poel ist ein Hansdampf in allen Gassen

Mathieu van der Poel dominiert den Radsport nach Belieben.

Mathieu van der Poel dominiert den Radsport nach Belieben.

Er gewinnt beim Querfeldein, auf der Strasse und auch auf dem Mountainbike. Er ist 24 Jahrealt, doch ihm gehören Gegenwart und Zukunft – und er stellt selbst Nino Schurter in den Schatten. Wer ist Hollands neuer Rad-Gigant Mathieu van der Poel?

«Endlich, ein Traum wird wahr», sagt Mathieu van der Poel im Mai in Nove Mesto nach seinem ersten Weltcup-Sieg im Cross Country. Seither wurde der Holländer im tschechischen Brünn Europameister und am letzten Wochenende feierte er im Val di Sole, Italien, seinen zweiten Weltcup-Sieg.

Dabei lässt er den Schweizer Dominator Nino Schurter mit einem seiner berüchtigten Antritte auf der Schlussrunde stehen. 24-Jährig ist Van der Poel erst, doch er schreibt die Geschichtsbücher im Radsport praktisch wöchentlich um. Nach dem Österreicher Gerhard Zadrobilek in den späten 8oer- und frühen 90er-Jahren ist er erst der zweite Athlet, der sowohl auf der Strasse als auch im Cross Country auf höchster Stufe siegte. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Grossvater Raymond Poulidor, der «ewige Zweite»

Rückblende. Im April katapultiert sich Van der Poel beim Amstel Gold Race in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Er war bereits geschlagen, lag nur wenige Kilometer vor dem Ziel über eine Minute hinter dem Führungsduo, Julian Alaphilippe und Jakob Fuglsang. Doch er schaffte, was als unmöglich gilt: Er führte die Verfolger an die Spitze und gewann – nach einem imposanten 400-Meter-Sprint. Es ist die Geburtsstunde eines neuen Rad-Giganten. Sie war längst überfällig und irgendwie auch logisch. Denn van der Poel hat Rad-Gene.

Sein Vater? Adrie van der Poel, Sieger der Flandern-Rundfahrt, beim Amstel Gold Race, bei der Clasica San Sebastian, bei Paris-Tours, von zwei Etappen der Tour de France, Träger des Maillot Jaune. Der Grossvater? Frankreichs Radsport-Idol Raymond Poulidor, Vuelgta-Sieger, von Paris-Nizza und Mailand-Sanremo, dazu stand er acht Mal auf dem Podest der Tour de France, zwar nie als Sieger, und darum als ewiger Zweiter tituliert.

Jüngst wurde der inzwischen 83-Jährige von französischen Medien auf seinen Enkel angesprochen. «Mathieu ist ein Phänomen. Er hat gewaltiges Talent und einen starken Charakter», sagte er. Vielleicht könne er einmal die Tour de France gewinnen. Die vor Ironie triefende Frage, ob es denn das holländische oder das französische Blut sei, das den Enkel siegen lasse, konterte er mit einem Lächeln.

Denn Mathieu van der Poel ist ein Sieger. Er kennt nichts anderes. Doch es ist seine Vielseitigkeit, die ihn zum Phänomen macht. Er kann alles. Drei Junioren-WM-Titel, zwei auf dem Crossrad, eines auf dem Rennrad. 2015 wurde er erstmals Radquer-Weltmeister, mit gerade einmal 20 Jahren. Während die anderen trainieren, fährt Van der Poel Rennen. Zwischen Oktober und Februar bestritt er 33 Querrennen, 31 gewann er. Auf der Strasse gewann der Holländer an 15 Renntagen immerhin 6 Mal. Mathieu van der Poel ist ein Hansdampf in allen Gassen.

Die Kampfansage an Nino Schurter

Er vereint Fahrtechnik, Tempohärte und Kletterfähigkeiten mit einer beeindruckenden Endschnelligkeit. Das macht den 24-Jährigen zum derzeit besten Radfahrer der Welt. Zu einem, dem in Anbetracht seines Alters sowohl die Gegenwart, als auch die Zukunft gehört.

Warnungen, er könnte bei seinem Mammutprogramm schon bald ausgebrannt sein, begegnet er mit Gelassenheit. «Für mich ist Spass ein zentraler Faktor für grosse Sportleistungen. Meine Disziplinenwechsel sind ein Vorteil: Mir verleidet es nie. Das hält mich mental frisch», sagte er im Frühling zum «Tages-Anzeiger». Er geniesse es zu sehr, in allen drei Disziplinen anzutreten. «So lange ich alles kombinieren kann, tue ich es.»

Beobachter vermuten, dass Van der Poel dereinst nur noch auf der Strasse antreten wird und einen Sieg bei einer Grand Tour (Giro d’Italia, Tour de France, Vuelta) anstrebt. Dort geht es um das grösste Prestige - und auch um mehr Geld. Doch vorerst verfolgt Van der Poel ein anderes Ziel: Olympia-Gold 2020 – und zwar im Mountainbike.

Das sind schlechte Nachrichten für Nino Schurter, zumal Van der Poel sagt, er sei auf dem Mountainbike erst bei 80 Prozent der Leistungsfähigkeit angelangt. Noch fehle ihm die Erfahrung. Doch in Tokio habe Schurter keinen Vorteil mehr. «Weil er die Strecke nicht besser kennt als ich. Wir werden mit gleich langen Waffen antreten.»

Für sein grösstes Ziel geht selbst der Rad-Gigant Kompromisse ein und verzichtet auf die Mountainbike-WM in Kanada, weil er neben der Strassen-WM in Grossbritannien im Herbst den Olympia-Testevent in Tokio bestreiten will. Denn drei Rennen auf drei verschiedenen Kontinenten innerhalb von nur fünf Wochen sind dann auch für den Hansdampf in allen Gassen zu viel.

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