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Schwimmerin Sasha Touretski erlebt eine böse Adventsüberraschung

Schwimmerin Sasha Touretski soll für die Schweiz bei den Olympischen Spielen in Tokio starten.

Schwimmerin Sasha Touretski soll für die Schweiz bei den Olympischen Spielen in Tokio starten.

Es passierte Mitte Dezember in einem normalen Schwimmtraining. Als die Schweizer Rekordhalterin über 50 m Delfin ins Wasser eintaucht, kugelt sich ihre linke Schulter aus. Nun steht sie für die Olympischen Spiele vor einem Wettlauf mit der Zeit

Schwimmen Erfolg im Sport liegt bisweilen nicht in den eigenen Händen. Diese Erfahrung macht die Schweizer Topschwimmerin Sasha Touretski kurz vor Weihnachten auf schmerzhafte Weise. Und doch kann auch in Momenten des Unglücks vieles richtig oder falsch laufen. «Nur weil wir einen zweiten Arzt kontaktiert haben und dieser so schnell gehandelt hat, bleiben meine Chancen auf die Olympiateilnahme realistisch», sagt die 25-Jährige.

Am 10. Dezember trainiert Sasha Touretski wie üblich im Sportzentrum Tenero. Rund 4,5 Kilometer im Wasser sowie vier von fünf schnellen Delfin-Sprints über 50 m hat sie an diesem Dienstag bereits absolviert, als es beim letzten Start passiert. Was genau falsch gelaufen ist, weiss die als Zehnjährige aus Australien in die Schweiz Eingewanderte, auch heute nicht. Sie, die in ihren 14 Jahren als Schwimmerin zuvor ohne Verletzung geblieben ist und den Physiotherapeuten bislang nur vom Hörensagen kannte. «Ich habe wohl meine Arme beim Eintauchen kurz überkreuzt», vermutet Touretski. Mit der schmerzhaften Konsequenz, dass die linke Schulter unter Wasser auskugelt.

Im Spital wird die Verletzung nicht als solche erkannt

Die 25-Jährige schwimmt nach dem heftigen Stich zuerst noch weiter. Irgendwie renkt sich die Schulter wieder ein. So richtig weh tut es erst, als sie aus dem Wasser steigt. Der linke Arm hängt runter, die Hand schwillt immer stärker an. Direkt aus der Schwimmhalle geht es in den Notfall des Spitals von Locarno. Dort erkennt der diensthabende Arzt aufgrund des Röntgenbilds keine Verletzung und schickt die Tochter russischer Eltern mit einer Packung Schmerzmittel nach Hause.

In der Nacht auf Mittwoch schläft Sasha Touretski keine Minute. Am nächsten Morgen meldet sie sich beim Schweizer Olympiaarzt Patrik Noack, den sie eine Woche zuvor bei einer sportärztlichen Untersuchung kennengelernt hat. Minuten später sitzt die Sprintspezialistin im Auto in Richtung Abtwil, wo Noack praktiziert. Ein MRI sowie ein Untersuch mit Kontrastmitteln bringen die Bestätigung: Schulterluxation mit zusätzlichem Knorpelschaden im Schultergelenk.

Zwei Tage später wird Touretski vom Spezialisten operiert. Eine Woche vor Weihnachten darf die Schweizer Rekordhalterin über 50 m Delfin und 50 m Rücken zurück nach Minusio, wo die mit dem ungarischen Spitzenschwimmer Maxim Lobanovsky verheiratete Sportlerin lebt. Sechs bis acht Wochen muss sie die Schulter ruhig stellen. Danach bleiben noch drei Monate, bis sie sich spätestens an der EM definitiv für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren will. «Wenn es im Februar passiert wäre, könnte ich Olympia vergessen», sagt Touretski.

So aber bleibt sie optimistisch und gewinnt dem Unglück sogar positive Seiten ab. «Nun kann ich im Kraftraum die Beine trainieren. Das habe ich ein wenig vernachlässigt», sagt die 2015 eingebürgerte Olympiateilnehmerin von Rio. Mitleid hat sie mit Vater Gennardi. «Für ihn war die Verletzung ein Schock», sagt Touretski. Der 70-Jährige, der in seiner imposanten Trainerkarriere mit den Athleten Alex Popow, Ian Thorpe oder Michael Klim über 40 Weltrekorde feierte, trainiert nun seine Tochter und dessen Ehemann. «Noch mehr stolz als auf all die Rekorde ist mein Vater nämlich, dass sich nie einer seiner Schwimmer verletzt hat», sagt Touretski. So kommt es, dass Tochter Sasha ihren Vater in diesen Tagen fast mehr trösten muss als umgekehrt.

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