Grosses Interview

Seydou Doumbia vor seiner Rückkehr ins Joggeli: «Ich habe keine Lust, gegen Basel zu treffen»

Ex-FCB-Stürmer Seydou Doumbia kehrt am Sonntag mit Sion zurück ins Joggeli. Vorher gibt er ein ehrliches, unzensiertes Interview. Darin wird viel gelacht, aber auch über den Chaos-Club Sion, Vertragsverhandlungen in Basel und Prügeleien in Lissabon gesprochen.

Monsieur Doumbia, an was denken Sie, wenn Sie FC Basel hören?

Seydou Doumbia: An eine über Jahre konstante Mannschaft, die viel gewonnen hat. Sie waren 40 Mal Meister…

Nur halb so oft.

Wirklich? Ok. Der FCB ist ein sehr seriöser Club, deswegen müssen auch wir seriös spielen, wenn wir am Sonntag in Basel gewinnen wollen.

Freuen Sie sich auf die Rückkehr?

(lacht) Freuen würde ich nicht sagen. Ich spiele nicht gerne gegen meine Ex-Vereine. Da fühle ich mich nicht wohl. Aber es macht immer Spass, an die Orte zurückzukehren, wo man gespielt hat.

Vier Tore in acht Spielen. Wie fällt Ihr persönliches Zeugnis für die ersten Monate in Sion aus?

Als ich ankam, war es ein bisschen schwierig. Ich kam ohne Vorbereitung neu zur Mannschaft und musste mich adaptieren. Mein Tor im Cup gegen Aarau in meinem ersten Spiel für Sion war dann ein Knackpunkt. Das war sehr wichtig.

Hat sich Ihr Spiel vom schnellen Dribbler zum eiskalten Vollstrecker im Strafraum entwickelt?

Nein, ich glaube nicht. Dass ich vor dem Tor jetzt kaltschnäuziger bin, liegt an meiner Erfahrung. Zu meiner Anfangszeit war ich nur schnell und dribbelstark. Getroffen habe ich aber kaum, ich weiss auch nicht warum. Aber irgendwann, das war noch in Afrika, habe ich mir gesagt, dass ich vor dem Tor nicht nachdenken darf. Seit ich nicht mehr denke, treffe ich.

Sowohl als in Basel als auch jetzt in Sion brillieren Sie als Joker. Mögen Sie es, eingewechselt zu werden?

Natürlich würde ich lieber in der Startelf stehen. Ich bin nicht nach Sion gekommen, um Ersatz zu sein. Das ist nicht möglich. Durch den späten Transfer und eine kleine Verletzung musste ich mich hinten anstellen. Aber als ich reinkam, habe ich den Unterschied ausgemacht.

Welche Anekdote aus Basler Zeiten ist Ihnen geblieben?

Das waren viele schöne Momente. Der Gewinn des Doubles zum Beispiel. Es sind meine beiden einzigen Mannschaftstitel, die ich in der Schweiz gewonnen habe. Aber eine Szene ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein FCB-Fan sprach mich im November 2016 auf der Strasse an. Er sagte mir, dass er meinen Transfer zuerst nicht verstanden hätte. Er dachte, ich käme nur, um ein bisschen Geld zu verdienen und rumzueiern. Aber was er dann sah, hätte ihn beeindruckt. Es war überhaupt nicht das, was er befürchtete.

Sie lieferten ab, trafen in 34 Spielen 21 Mal für den FCB. Wie war das Verhältnis zu Sturmkollege Marc Janko?

Wir haben uns in der Startelf abgewechselt, aber wir haben uns gut verstanden. Seine Freundlichkeit hat mich beeindruckt. Gegen Ende der Meisterschaft hatte ich ein paar Tore mehr und er hat mir den Vorrang gelassen, damit ich die Torjägerkanone holen kann.

Ein wichtiger Titel für Sie.

Ja (lacht). Für einen Stürmer sind Tore einfach wichtig, für mich sehr wichtig. In all meinen drei Saisons in der Schweiz habe ich die Torjägerkanone gewonnen.

Dieses Jahr wird es schwer. YBs Jean-Pierre Nsame hat bereits 15 Mal getroffen.

Es wird schwer, aber nichts ist unmöglich. Als ich beim FCB war, hatte Guillaume Hoarau auch etwa zehn Tore Vorsprung. Er verletzte sich und ich konnte noch an ihm vorbeiziehen.

Warum sind Sie eigentlich nicht länger in Basel geblieben?

(lacht) Es gab natürlich diese Möglichkeit. Bis Ende April hatte der FCB eine Kaufoption. Basel wollte mich grundsätzlich halten. Aber beide Parteien feilschten, warteten bis zum letzten Moment und konnten sich letztendlich nicht einigen. Mir ging das zu lange. Dann kam das Interesse von Sporting Lissabon. Die wollten mich unbedingt und wir hatten ähnliche Ziele.

Waren Sie traurig, als Sie Basel so schnell wieder verlassen mussten?

Es ist nie schön, einen Club zu verlassen. Es gibt immer eine Verbindung, du verlässt auch Freunde. Das ist immer traurig, aber es gehört zum Leben eines Fussballers dazu.

Wie war es bei Sporting Lissabon?

Hervorragend. Wir qualifizierten uns via Playoffs für die Champions League und gewannen auch den Supercup. Nur in der Liga wurden wir nur Dritter.

Im Mai kam es zum Eklat. Erst wurden 19 Spieler vom Präsidenten suspendiert, dann gingen «Fans» auf die Barrikaden. Es gab einen Zwischenfall als Ultras nach einem Training in die Garderobe kamen, um euch zu verprügeln. Spieler wurden mit Eisenstangen verletzt, 36 Übeltäter festgenommen.

Das war wirklich kompliziert. Ich glaube eigentlich nicht, dass sie in die Garderobe kamen, um uns zu verprügeln. Sie wollten sich einfach rechtfertigen und haben ihren Gefühlen freien Lauf gelassen. Ein, zwei fangen an und dann artet es aus. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Fans wirklich grossartig. Aber nach diesem Zwischenfall habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob ich dort bleiben will.

Verliessen Sie Lissabon deswegen?

Nicht wirklich. Es kam auch ein neuer Trainer, der alles geändert hat. Ich kenne nicht einmal mehr seinen Namen (Sinisa Mihajlovic, wurde nach nur neun Tagen im Amt wieder gefeuert Anm.d.Red). Ich fragte ihn bei unserem ersten Treffen, was er von mir erwartet. Ich kam damals gerade aus einer Verletzung zurück und er sagte nur: «Fang wieder an zu trainieren und dann schauen wir.» Das zeigte, dass er sich nicht für mich interessierte. Entweder brauchst du jemanden oder nicht. Ich dachte mir: «Wenn er mich nicht braucht, gehe ich.»

In Girona wurde es aber nicht wirklich besser.

Das stimmt (lacht). Als ich ankam, lief die Meisterschaft schon.

Immer dasselbe bei Ihnen.

Ja (lacht). Erst waren andere in der Startelf, dann habe ich ein wenig gespielt, ehe ich mich wieder verletzte. So war es etwas kompliziert.

Hat Sie Ihre Familie auf Ihrer Europa-Tour begleitet?

In den letzten Jahren nicht. Meine Frau und meine beiden Kinder sind in Belgien, der Heimat meiner Frau, geblieben. Meine älteste Tochter ist jetzt in der Schule, da macht es keinen Sinn, ständig umzuziehen. In den Ferien kommen Sie ins Wallis zu Besuch, im Moment sehe und höre ich sie nur übers Telefon.

Wie sind Sie in Sion gelandet? Hat plötzlich einfach Christian Constantin angerufen?

Nein (lacht). Der Kontakt kam über einen Agenten zustande. Er war zwar nicht mein offizieller Agent, aber wir kennen uns gut und jetzt arbeite ich mit ihm. Er sagte mir, dass Sion Interesse habe. Und weil ich die Schweiz liebe und Sion in der Geschichte des Schweizer Fussballs mit all seinen Cupsiegen eine wichtige Rolle spielt, fand ich das interessant.

Woher kommt diese Liebe zu Schweiz?

Ja, woher kommt die? Seit meinem ersten Tag hier finde ich dieses Land formidabel. Ich bin ja schon etwas herumgekommen, also kann ich das beurteilen. Die Lebensqualität hier ist so, wie ich mir das vorstelle. Die Leute sind super nett. Jedes Mal, wenn ich die Möglichkeit hatte, in die Schweiz zu kommen, hat mich das zum Nachdenken gebracht. Ich bin 1000 Mal lieber hier, als in vielen anderen Ländern.

Wann haben Sie zum ersten Mal mit Constantin gesprochen?

Drei Monate vor meiner Unterschrift. Auch mit seinem Sohn (Sion-Sportchef Barthélemy, Anm.d.Red.) habe ich immer wieder gesprochen. Die beiden gibt es nur im Doppelpack.

Was wurde Ihnen versprochen?

(lacht) Ich weiss nicht. Jeder Club verspricht doch dasselbe: Oben mitspielen, unter den besten Drei sein. In Sion hat zudem der Cupsieg oberste Priorität. Das wurde bei den Gesprächen deutlich.

Aktuell ist St. Gallen Dritter, Sion dümpelt im Mittelfeld umher. Bereuen Sie es bereits, hier zu sein?

Nein. Wir haben eine gute Mannschaft. Überall wo ich hingehe, setze ich mir hohe Ziele. Was passiert ist, kann passieren. Aber unser Ziel ist es immer noch, am Ende unter den ersten Drei zu sein.

Bei Ihrer Vorstellung sagten Sie, Sie könnten Meisterschaft, Cup und Torjägerkanone gewinnen. Ernsthaft?

Alles ist möglich. Mit der Meisterschaft wird es jetzt sehr, sehr schwer. Aber der Cup bleibt das Hauptziel. Wir haben bereits ein paar gute Gegner aus dem Weg geräumt.

Warum hat Sion zwischenzeitlich acht Spiele in Folge nicht gewonnen?

Solche Phasen gibt es. Wir haben es nicht geschafft, schnell genug zu reagieren. Jetzt sind wir auf dem aufsteigenden Ast. Da wollen wir bleiben.

Sion ist ein Chaos-Club. Stimmen Sie dieser These zu?

(lacht herzhaft) Ich bin ja nicht zum ersten Mal in der Schweiz. Deswegen wusste ich schon im Vorfeld, dass es hier von Zeit zu Zeit viele Trainerwechsel gab. In dieser Saison immerhin erst einen (lacht). Es ist schade, dass Stéphane Henchoz weg ist, aber so ist der Fussball. Der Trainer, der jetzt da ist, macht eine gute Arbeit.

Christian Zermatten bleibt aber vorerst nur bis Weihnachten.

Oh, darüber mache ich mir keine Gedanken. Mein Job ist es, Tore zu schiessen, egal unter welchem Trainer.

Ihr Ex-Kollege Valon Behrami kritisierte die Trainingsbedingungen. Hat er Recht?

Ich kann seine Aussage teilweise nachvollziehen. Nicht was die Infrastruktur angeht, aber die Trainingsinhalte von Henchoz waren tatsächlich sehr anstrengend. Ich habe schon vieles erlebt, aber das war doch etwas zu hart. Vor allem, wenn man viele Spiele hat.

Halten Sie im Titelkampf zum FCB oder zu YB?

Puh (überlegt). Vergesst Sion nicht, es ist noch nichts verloren (lacht). Zwischen den anderen beiden zu wählen, ist schwierig. YB ist eine Herzensangelegenheit für mich. Dort ist meine Karriere wirklich explodiert. In Basel war ich nur ein Jahr, aber auch dort lief alles sehr gut. Ich bleibe darum diplomatisch und wünsche beiden viel Glück (lacht).

Was machen Sie, wenn Sie am Sonntag treffen?

Jubeln werde ich nicht. Das gehört mittlerweile ja zum guten Ton, aber es ist für mich schlicht und einfach nicht möglich, gegen meine Ex-Vereine zu jubeln. Eigentlich habe ich gar keine Lust, gegen meinen Ex-Club zu treffen. Aber ich habe Lust, mit meiner Mannschaft gegen Basel zu gewinnen.

Schiessen Sie den Elfmeter, wenn es einen geben sollte?

Wir haben nicht wirklich festgelegt, wer schiesst, aber ich werde mit meiner Erfahrung natürlich den Ball schnappen. Ich muss meinen Job auch gegen Basel oder YB machen.

Basel ist in Form.

Sicher. Aber Fussball bleibt Fussball. Da gibt es immer Überraschungen. Wir sind gut vorbereitet und werden unser Bestes geben, um Basel zu schlagen.

Seit 22 Jahren hat Sion nicht mehr in Basel gewonnen.

(lacht) Das wusste ich nicht. Aber ich sage es gerne noch einmal: Alles ist möglich. Wir gehen nicht einfach nur auf einen Stadtbesuch nach Basel.

Letzte Frage: Ihr Alter sorgt immer wieder für Diskussionen. Was entgegnen Sie Leuten, die behaupten, dass Sie in Wirklichkeit älter als 31 Jahre sind?

Das habe ich auch schon ein paar Mal gehört (lacht). Es juckt mich aber nicht. Wenn mich jemand fragt, wie alt ich bin, sage ich mein Alter. Heute ist das 31 Jahre. Ich bin am 31.12.1988 in Abidjan in der Elfenbeinküste geboren (lacht). Bis mir keiner eine zweite Geburtsurkunde von mir unter die Nase hält, ist das Fakt.

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