Lokalpolitik

Simon Ammanns Landeversuch in der Wildhauser Lokalpolitik: «Ich möchte Zukunftsideen in die Köpfe setzen»

Simon Ammann vor der Schanze in Einsiedeln:  «Ich habe den Gedanken einer Kandidatur lange mit mir herumgetragen.»

Simon Ammann vor der Schanze in Einsiedeln: «Ich habe den Gedanken einer Kandidatur lange mit mir herumgetragen.»

Skispringer Simon Ammann bereitet sich auf seine 24. Saison vor.  Gleichzeitig möchte sich der Toggenburger bereits jetzt eine Tür öffnen für die Lokalpolitik in seiner Heimat. Am kommenden Sonntag stehen die Gemeinderatswahlen in Wildhaus an. «Mal sehen, ob die Leute mir eine Chance geben», sagt der 39-Jährige. Auch sollte er nicht gewählt werden: Zurück ins Toggenburg ziehen will er ohnehin sehr bald.

Skisprungtraining in Einsiedeln, die Herbstsonne brennt, in der Nähe grasen Kühe, das Beizli «Gummper-Hock» lädt zum ­Sitzen. Doch Simon Ammann, der ewige Skispringer, sitzt oben auf der Grossschanze. Während ­seine Kollegen bereits auf dem Weg zum Zmittag sind, wagt er einen letzten Sprung an diesem Morgen. Das Zischen des Flugs und der laute Knall der Landung mischt sich ins Kuhgeläut. Kurz darauf posiert Ammann für den Fotografen. Fast würde das Bild, mit Schanze in ländlicher ­Umgebung, als Foto für ein Wahlplakat herhalten.

«Zu spät», sagt Ammann. Bereits am ­Sonntag wird gewählt. Und ­sowieso: Geografisch sind wir am falschen Ort. Ammann will schliesslich in Wildhaus-­Alt St.Johann Gemeinderat werden, in seiner alten Heimat.

Dass sich der 39-Jährige zum Weitermachen bis zu den Olympischen Spielen 2022 entschieden hat, überraschte im Frühling viele. Noch mehr überraschte, als er im Juni auf der Kandidatenliste erschien. Neun Personen kämpfen um drei Sitze. Sportkarriere, Wirtschaftsstudium – und nun auch noch Toggenburger Lokalpolitik? Läuft Ammann bei einer Wahl nicht Gefahr, sein Karrierenende zu verwässern?

«Ich will Zukunftsideen in die Köpfe setzen.»

Ammann beantwortet die Frage im «Gummper-Hock». Er, als Meister im Jonglieren vieler Aufgaben, macht sich da wenig Sorgen.

Warten bis zum Ende der Sportkarriere wollte er nicht, da die lokalpolitischen Ambitionen gross seien.

Ammann geht als Parteiloser ins Rennen, will sich nicht in eine politische Ecke drängen lassen. Auch nicht in jene der SVP, die das Toggenburg politisch dominiert. Er setze auf Sachpolitik. Sein Bestreben sei es, Tradition und Fortschritt zu verbinden, das Profil des Tals als Feriendestination zu stärken.

Auch dank seines BWL-Studiums, das er parallel absolviert, werde er hier die Möglichkeit haben, Ideen einzubringen. Das alles tönt engagiert, wenn auch noch unkonkret – fast wähnt man sich in einer Diskussion um das Flugsystem beim Skispringen, wo Ammann ebenfalls keine einfachen Erklärungen sucht.

Ammanns Engagement bei den Toggenburg Bergbahnen AG

Simon Ammann, Aktionär und Mitglied im Verwaltungsrat der Toggenburg Bergbahnen, posiert 2015 bei der Eröffnung des sanierten Chäserrugg-Restaurants.

Simon Ammann, Aktionär und Mitglied im Verwaltungsrat der Toggenburg Bergbahnen, posiert 2015 bei der Eröffnung des sanierten Chäserrugg-Restaurants.

Ammanns Kandidatur hat eine gewisse politische Brisanz. Er ist Verwaltungsrat der Toggenburg Bergbahnen AG, die in einen Streit mit der Bergbahnen Wildhaus AG verwickelt ist. Dass seine Kandidatur mit diesem Zwist zu tun haben könnte, verneint Ammann.

Er wolle alle anhören, «den übergeordneten Rahmen sehen». Dass ihm seine Heimat am Herzen liegt, zeigte er auch mit dem Kauf des Hotels Hirschen in Alt St.Johann, ein Projekt, das aber weiterhin auf Eis liege.

Erfolgschancen dürfte der vierfache Olympiasieger haben, alleine aufgrund seines Namens. Er selber relativiert.

Wahlkampf hat Ammann kaum betrieben, Wahlveranstaltungen gingen ohne ihn über die Bühne – aus Zeitgründen habe er verzichten müssen. Ein Indiz dafür, dass es halt doch schwierig werden dürfte, als Gemeinderat der Sportkarriere noch gerecht zu werden? Andere Gemeinderäte seien ebenfalls stark beruflich absorbiert, sagt Ammann dazu. Der Zeitaufwand werde wohl überschaubar bleiben.

Rückkehr in die alte Heimat ist ohnehin geplant

Den Wohnsitz müsste Ammann mit seiner Familie per Januar 2021 vom schwyzerischen Schindellegi ins Toggenburg verlegen.

Ronny Hornschuh, Trainer der Schweizer Skispringer.

Ronny Hornschuh, Trainer der Schweizer Skispringer.

Die Trainer Martin Künzle und Ronny Hornschuh äussern sich am Rande des Trainings zurückhaltend zu Ammanns Plänen. «Wir können nicht einschätzen, wie viel Aufwand eine Wahl für Simon bedeuten würde. Wir hoffen aber schon, dass der Fokus auf dem Skispringen bleibt», sagt Hornschuh. Und als schwinge eine Hoffnung mit, fügt er an: «Gewählt ist er ja noch nicht.»

In Sachen Training und Material auf neuen Wegen

Ammans Sommertraining jedenfalls war bisher vielversprechend. Am Sommer-Springen im polnischen Wisla wurde er in einem Wettkampf Fünfter, auf einer Schanze, die ihm sonst wenig behagt. In Sachen Krafttraining ist er neue Wege gegangen, mit intensiven Einheiten und längeren Erholungsphasen. Dank seines Carbonschuhs seien die Trainingssprünge stabiler geworden.

Und auf der Suche nach einem neuen Ski sei er fündig geworden, sagt Ammann. Voraussichtlich setzt er nicht mehr auf Slatnar-Ski, Vertragsverhandlungen mit der Firma BWT laufen. Ihn erwarte ein «Performance-Ski», der viel Dynamik verlangt – was er sich aber weiterhin zutraue.

Das alles tönt nicht nach der grossen Sehnsucht nach dem Karrierenende. Nur hin und wieder merke er in den Knien, dass er bald 40 werde. Noch lange kein Grund, aufzuhören.

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