Zehnkampf

Simon Ehammer – der Hauptdarsteller: Das grösste Leichtathletik-Talent der Schweiz erklärt in 10 Stichworten

Simon Ehammer bei einem Meeting in Deutschland im August des vergangenen Jahres.

Simon Ehammer bei einem Meeting in Deutschland im August des vergangenen Jahres.

Zehnkämpfer Simon Ehammer ist der zukünftige Exportschlager der Schweizer Leichtathletik. Der Appenzeller denkt gross und sieht sich in drei Jahren auf dem Olympiapodest. Niemand will ihm widersprechen.

Beeindruckend. Simon Ehammer macht aus Träumen Realitäten. Der 20-Jährige spricht von seinen hohen olympischen Zielen wie ein Mathematiker über eine einfache Gleichung: Potenzial plus Entwicklung plus Zuverlässigkeit gleich Medaille.

Man nimmt ihm seine Überzeugung ab. Da wächst ein ganz Grosser der Schweizer Leichtathletik heran. Der beste Schweizer Zehnkämpfer in zehn Attributen:

Der Hauptdarsteller

Beim Interview mit Simon Ehammer sitzt ein komplettes Betreuungsteam mit am Tisch: Manager, Trainer, Trainingskoordinator. Kann der Zehnkämpfer aus Stein im Kanton Appenzell Ausserrhoden nicht für sich sprechen? Doch, kann er. Und wie. Selbst Fragen, die eigentlich an den Trainer gerichtet sind, beantwortet Ehammer in einer Selbstverständlichkeit. Er lässt keine Zweifel offen, wer in diesem Film der Hauptdarsteller ist. Das Auftreten des 20-Jährigen fasziniert. In Zeiten, in denen die Abhängigkeiten von jungen Athletinnen und Athleten eindringlich diskutiert werden, verkörpert er einen auffallenden Gegenpol als mündiger Sportler. Das entspricht der Philosophie der Sportschule Appenzellerland, die im Leben des Zehnkämpfers bis heute eine wichtige Rolle spielt. Simon Ehammer folgt auf dem Weg an die internationale Spitze einem Plan. Seinem Plan.

Der Kommunikator

Simon Ehammer redet viel, schnell und durchdacht. Seine Antworten haben Hand und Fuss. Er entscheidet bewusst, was er von sich preis gibt und was nicht. Geholfen hat seinem Kommunikationstalent und seiner Ausstrahlung zweifellos die Lehre als Sportartikelverkäufer. Ehammer kann es gut mit anderen Menschen. Und er weiss, wie man etwas erfolgreich an den Mann bringt. Er sagt, die Lehre in einem Geschäft habe früh seine Eigenständigkeit gefördert. Heute spürt er stark, dass immer grössere Kreise auf seine Leistungen aufmerksam werden. Die Medienanfragen nahmen in den vergangenen Monaten enorm zu. «Das passt», sagt Ehammer, «ich weiss, wie ich damit umgehen muss».

Der Profi

Erstmals in seiner Karriere nennt sich Simon Ehammer derzeit Profi. Seit dem 26. Oktober absolviert er in Magglingen die Spitzensport-Rekrutenschule. Er empfindet den Tapetenwechsel als willkommene Abwechslung, denn seit er mit Leistungssport begonnen hat, bewegt sich der U20-Europameister von 2019 im gleichen Umfeld. Die Infrastruktur sei perfekt, die Pflichtmodule in der militärsportlichen Ausbildung höchst interessant und der Austausch mit den Besten aus anderen Sportarten inspirierend, sagt er. «Man betrachtet andere Sportarten auf eine ganze andere Art, wenn man die Athleten dahinter persönlich kennt und einen Einblick in ihre Welt gewinnt», sagt er. Bis zum 19. März trainiert Ehammer in Diensten des Vaterlands. Danach sucht er neben dem Leben als Zehnkämpfer mit einem 20-Prozent-Pensum als Verkäufer im Lehrbetrieb bewusst die Abwechslung.

Der Preisträger

Eine Fachjury hat Simon Ehammer zum Leichtathleten des Jahres 2020 gewählt. Sein weibliches Pendant ist die Tessiner Sprinterin Ajla Del Ponte. Verdient hat sich der Ostschweizer diese Auszeichnung mit der Pulverisierung seiner persönlichen Bestleistung im Zehnkampf. Mit einem entfesselten Auftritt in Langenthal, wo er in nicht weniger als sechs Disziplinen neue Rekorde schafft, erreicht er 8231 Punkte und verpasst den Uraltrekord von Beat Gähwiler aus dem Jahr 1988 lediglich um 13 Punkte.

Der Medaillenjäger

Simon Ehammer hält sich nicht mit Träumen auf. Er formuliert seine Ziele konkret. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris will er eine Medaille gewinnen. Aufgrund seines Potenzials, der zu erwartenden Entwicklung in den einzelnen Disziplinen, spricht er von «einer sehr realistischen Vorgabe. Ich weiss, was ich kann und was ich will». Zuerst geht der Blick aber in Richtung Tokio. Um sich direkt für die Olympischen Spiele im kommenden Sommer zu qualifizieren, jagt er die Marke von 8350 Punkten. Dies will Ehammer entweder Ende April in Lana im Südtirol oder dann einen Monat später in Götzis schaffen.

Simon Ehammer beim Weitsprung, seiner besten Disziplin.

Simon Ehammer beim Weitsprung, seiner besten Disziplin.

Der Wettkampftyp

Simon Ehammer bringt eine Tugend mit, die viele grosse Zehnkämpfer ausmachen. Er ist ein absoluter Wettkampftyp. Anstatt monatelang nur zu trainieren, streut er gerne und oft Wettkämpfe in sein Programm ein. Bereits im Januar will er sich wieder mit anderen messen – in einzelnen Disziplinen oder im Siebenkampf. «Ich will wissen, wo ich stehe», sagt er. Und es wundert deshalb nicht, dass er ergänzt:

Der Spezialist

An den Schweizer Meisterschaften der Spezialisten in Basel gewinnt Simon Ehammer einen kompletten Medaillensatz. Besonders eindrücklich ist der Leistungsausweis im Weitsprung. Mit seiner Bestleistung von 8,15 m empfiehlt er sich auch in einer Einzeldisziplin für internationale Grossanlässe. Die Superlative bemühen darf man für seinen SM-Auftritt über 110 m Hürden. Der zweite Platz hinter seinem derzeitigen RS-Gspänli Jason Joseph in 13,48 Sekunden bedeutet eine Verbesserung der persönlichen Bestzeit um nicht weniger als 25 Hundertstelsekunden. Als Zugabe gibt es Bronze im Stabhochsprung.

Jason Joseph (Mitte) und Simon Ehammer besuchen derzeit zusammen die RS.

Jason Joseph (Mitte) und Simon Ehammer besuchen derzeit zusammen die RS.

Der Familienmensch

Simon Ehammer ist durch und durch bodenständig. Er sucht keine Abkürzungen auf seinem Weg. Prägend dabei zweifellos die Familie. Vater und Mutter sind stolz auf seine Leistungen als Sportler, aber sie gehörten nie zu jener Sorte Eltern, die ihren Sprössling extrem pushen oder in eine Richtung drängen. Bis zum Winter 2019 war Ehammer als Bläser auch noch Mitglied der Musikgesellschaft, ehe sich der Zeitaufwand nicht mehr bewältigen liess. Er sagt:

Simon Ehammer hat auch Wurzeln in Österreich. Sein Vater stammt aus der Nähe von Kitzbühel. Ein tätowierter Adler auf den Rippen erinnert ihn beim Blick in den Spiegel an seine zweite Heimat. Familiär ist auch sein Trainerteam. René Wyler leitet die Sportschule Appenzellerland in Teufen. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen, beispielsweise koordiniert er das gesamte Training von Ehammer. Sein Bruder Karl Wyler leitet die Einheiten beim TV Teufen, wo der beste Schweizer Zehnkämpfer nach wie vor hauptsächlich trainiert. Sehr persönlich geht es auch im Management von Ehammer zu und her. Michael Schiendorfer betreut neben dem Leichtathleten mit Skifahrer Marco Odermatt und Schwinger Joel Wicki weitere Ausnahmetalente.

Der Planer

Am gössten ist Simon Ehammers Steigerungspotenzial bei den Würfen. Seine Bestmarken mit dem Speer und dem Diskus sind im Zehnkampf noch nicht «state of the art». Der langjährige Aufbau entspringt einer Philosophie und einer bewussten Systematik. Mit dem frühen Fokus auf die Schnellkraft hat sich der Appenzeller perfekte Voraussetzungen in sechs Disziplinen geschaffen. Nun wird spezifisch in den weniger starken Bereichen gearbeitet und dabei bewusst auch Kontakt zu spezialisierten Trainern gesucht. Ehammer betont, dass er sich in allen Disziplinen verbessere, was offenbar nicht allen bewusst sei. «Ich werde sicherlich nie der Bär sein, der vor Kraft strotzt», sagt er. Wobei: So kraftlos wirkt er auch wieder nicht.

Simon Ehammer

Simon Ehammer

Zehnkampf bedeutet immer auch Ausgleich zwischen den einzelnen Fähigkeiten. Die bewusst geplanten Entwicklungsstufen bedeuten nicht, dass Ehammer und seine Betreuer keine Flexibilität kennen. Im Gegenteil. «Ich bin der Schweizer Zehnkämpfer, der im Training am meisten tüftelt und experimentiert», behauptet der 20-Jährige.

Der Ehrgeizige

Der beste Schweizer Zehnkämpfer strotzt nur so vor Energie. Er kann seinen Ehrgeiz zehnfach ausleben. Er sagt:

Je stärker seine Leistungen dabei werden, umso dünner ist die Luft. Damit ihn der selbst auferlegte Druck nicht behindert und er auch einen Rückschlag innerhalb eines Zehnkampfs wegsteckt, setzt er auf Mentaltraining. Dort wird thematisch gearbeitet. Im vergangenen Sommer lag der Fokus beim 1500-m-Lauf. Eine Willensleistung zum Abschluss jedes Zehnkampfs. Ehammer hat auch gelernt, den Ärger nach einer nicht perfekten Disziplin zu kanalisieren. Ein kurzer und heftiger Gefühlsausbruch und danach ab in die Schublade.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1