INTERVIEW
Ski-Star Corinne Suter: «Es ist ein cooles Gefühl, für Mädchen ein Vorbild zu sein»

Am Tag vor den Rennen in Crans Montana spricht Skirennfahrerin Corinne Suter im grossen Gespräch über ihren erfolgreichen Wandel, ihre Konkurrentinnen und ihre Offenheit.

Rainer Sommerhalder
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Corinne Suter sagt: Wer Rennen gewinnen will, der muss ans absolute Limit.

Corinne Suter sagt: Wer Rennen gewinnen will, der muss ans absolute Limit.

Pascal Muller/Freshfocus (Crans-Montana, 20. Januar 2021

Was verändert Erfolg?

Corinne Suter: Mich als Person verändert Erfolg nicht. Erfolg zu haben, ist ein schönes Gefühl und eine Bestätigung für den grossen Aufwand während des ganzen Jahres. Die Veränderung geschieht eher im Umfeld. Ich werde von mehr Leuten angesprochen als früher – auch von Personen, von denen ich nicht unbedingt erwartet hätte, dass sie meine sportliche Karriere überhaupt verfolgen.

Alle wissen jetzt, dass Sie gewinnen können. Steigt mit der Erwartungshaltung nicht auch der Druck?

Schon ein wenig. Und gleichzeitig konnte ich jetzt zeigen, dass ich auch unter Druck funktioniere und meine Leistung immer wieder auch im entscheidenden Moment abrufen kann. Früher hatte ich das Gefühl, gar nicht mit Druck umgehen zu können. Jetzt weiss ich: auch wenn ich am Start nach wie vor sehr nervös bin, kann ich meine Leistung trotzdem abrufen.

Zuletzt erinnerten Sie sogar ein wenig an Beat Feuz: Im Training nicht ganz vorne und dann eine grosse Steigerung im Rennen. Noch vor kurzem galten Sie als Trainingsweltmeisterin.

Es ist ja nicht so, dass ich im Training einfach locker runterfahre. Ich konzentriere mich auf jene Stellen, bei denen ich mir noch nicht ganz sicher bin. Dafür nehme ich in den Passagen, wo für mich die Linienwahl nach der Besichtigung klar ist, bewusst Tempo raus. Am Renntag sorgt dann das Adrenalin dafür, dass man automatisch noch ein paar Prozent mehr gibt.

Die Steigerung im Rennen basiert auf Selbstvertrauen?

Auf jeden Fall. Etwas, das ich mir aber erarbeiten musste. Ich kenne keine Abfahrt, bei der ich zum Vornerein das Gefühl habe, alles im Griff zu haben. Der Respekt hat sich mit den Erfolgen nicht verändert. Aber ich bin mir heute viel mehr bewusst über meine Stärken.

Die Schweizer Speed-Queen

Corinne Suter aus Schwyz galt lange als Trainingsweltmeisterin, die ihr Potenzial am Renntag nicht abrufen kann. An der WM 2019 in Are platzte dieser mentale Knoten. Suter holte Silber in der Abfahrt und Bronze im Super-G. Mit dem Gewinn der Kristallkugeln in den zwei Speed-Disziplinen bewies die 26-Jährige im vergangenen Winter Konstanz. Und auch im aktuellen Weltcup stand die «Speed-Queen» in vier von fünf bisherigen Rennen auf dem Podest. (rs)

Um Sie zu schlagen, gehen Konkurrentinnen ans absolute Limit wie zuletzt die Italienerin Sofia Goggia beim Sieg in St. Anton. Müssen Sie, um zu gewinnen, nun auch mehr riskieren?

Genau diese Frage war bei der letzten Videoanalyse ein Thema. Man sieht tatsächlich Athletinnen, die sogar ein wenig über ihrem Limit fahren. Manchmal geht es auf, es kann aber ebenso gut auf die andere Seite kippen. Meine Trainer sagen mir, dass ich noch Reserven habe. Sie loben die technische Qualität meiner Fahrten. Ich selber kann das weniger gut beurteilen. Ich habe schon das Gefühl, dass ich voll fahre. Es sieht bei mir jetzt einfach ein wenig sicherer aus also vor einigen Jahren. Mein grosses Ziel sind konstante Fahrten. Das ist mir bisher gelungen.

Apropos Risiko: Die Anzahl schwerer Verletzungen scheint sich nach subjektivem Empfinden ständig zu erhöhen. Ist Skirennfahrerin heute der gefährlichere Beruf als vor zehn Jahren?

Nein, gar nicht. Wenn ich Bilder von früher anschaue, dann sieht das teilweise arg gefährlich aus. Vieles hat sich weiterentwickelt. Die Skis sind einfacher zu fahren, mit den Airbags hat sich auch der Schutz klar verbessert.

Was ist dann an der Verletzungsserie schuld?

Wer Rennen gewinnen will, der muss ans absolute Limit. Ganz vorne an der Spitze ist der Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage minimal. Ein dummer Sturz ist so schnell passiert.

Was kann man tun, damit es weniger gravierende Knieverletzungen gibt?

Es beginnt im Sommertraining, wo man sich die physischen Grundlagen für die Saison erarbeitet, um in den Rennen in kritischen Situationen einen Sturz vielleicht abwenden zu können. Die Knie bleiben wohl die heikelsten Stellen. Dort gibt es nur Bänder und Sehnen, aber kaum Muskeln als Stützapparat. Eine dumme Verrenkung während eines Sturzes reicht da oft für einen maximalen Schaden.

Also fast ein wenig Schicksal?

Ja, aber du kannst es beeinflussen, wenn du wirklich am Start bereit bist und am Berg auch jederzeit weisst, was du tust.

Eine grosse Konkurrentin im Speed-Bereich kommt aus der Schweiz. Lara Gut-Behrami hat Sie beispielsweise letztes Jahr in Crans-Montana bezwungen. Wie ist Ihr Verhältnis zu Lara?

Es ist sehr cool, dass wir innerhalb des Schweizer Teams eine solch starke Konkurrenz haben. Dass wir uns auch im Training gegenseitig pushen, tut mir extrem gut. Ohne das würde ich wohl nicht so schnell fahren. Wir helfen uns damit gegenseitig.

Von aussen scheint es grosse Unterschiede zu geben. Da Lara Gut, die oft ihren eigenen Weg geht. Hier Corinne Suter, die sogar auf das Privileg eines eigenen Marken-Servicemanns verzichtet. Nerven die Extrawürste der Teamkollegin nicht?

Ich bin so aufgewachsen und in den Skisport reingekommen und habe es mit den bestehenden Strukturen des Verbandes bis hierher geschafft. Swiss Ski macht für uns Athletinnen eine super Arbeit. Ich fühle mich auch sehr wohl innerhalb eines Teams und habe nie am Thema herumstudiert, einen eigenen Weg zu gehen.

Aber wenn es andere tun, dann stört Sie das nicht?

Überhaupt nicht. Ich schaue für mich und wie es für mich passt. Was andere brauchen, müssen sie selbst entscheiden.

An Crans-Montana haben Sie gute Erinnerungen. Der erste Podestplatz im Weltcup vor zwei Jahren, die Sicherung der Kristallkugeln für die Weltcup-Disziplinensiege im letzten Winter. Sie scheinen den Ort zu mögen?

Ja, ich bin wirklich gerne hier. Es ist eine coole Abfahrt mit allen Elementen. Der Anlass ist auch stets top organisiert, die Piste ist immer in einem super Zustand. Und Heimrennen bleiben etwas Spezielles. Die Sicherung der Kristallkugel im vergangenen Jahr war eines meiner emotionalsten Rennen. Auch, weil meine Familie an der Strecke war.

Ist ein Heimvorteil ohne Publikum immer noch einer?

Vieles passiert in einem gewohnten Umfeld. Man kann sich mit den Streckenposten in der Muttersprache unterhalten. Ich fühle mich bei Heimrennen stets wohl.

Sie bezeichnen in Ihrem Steckbrief Offenheit als eine ihrer Stärken. Was verstehen Sie unter Offenheit?

Ich bin zum Beispiel sehr empfänglich für Tipps und Kritik. Ich höre zu und nehme sie mir zu Herzen. Ich bin bereit, mich weiterzuentwickeln und nicht jemand, der weder nach links noch nach rechts schaut.

Man kann in den Medien regelmässig auch etwas über die Corinne Suter neben der Piste lesen und sehen. Sie scheinen keine Berührungsängste vor Einblicken ins Private zu haben?

Ein gewisses Mass gehört für mich dazu. Es ist ein cooles Gefühl, wenn man für junge Mädchen ein Vorbild ist. Dann dürfen diese auch erfahren, was ich neben dem Skifahren so mache, wie ich den Sommer verbringe, welche Hobbys ich habe.

Setzen Sie sich eigentlich konkrete sportliche Ziele. Sie sprechen fast nie darüber?

Die Ziele sind mehr Träume in meinem Hinterkopf. Ich stehe nicht bewusst täglich auf und sage mir, ich will dies und jenes erreichen.

Aber dass in diesem Winter eine WM und im nächsten Jahr Olympische Spiele sind, wissen Sie?

Ja, darüber bin ich informiert.