Ski-WM
Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann: «Ja, Österreich hat mehr Goldmedaillen gewonnen»

Dreimal Gold, einmal Silber und fünfmal Bronze. Die Schweizer WM-Bilanz liest sich gut. Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann zieht ein Fazit und sagt, warum der Skiverband nicht wie der FC Basel ist.

Martin Probst
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Urs Lehmann posiert in Cortina für den Fotografen.

Urs Lehmann posiert in Cortina für den Fotografen.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie auf den Medaillenspiegel schauen?

Urs Lehmann: Sehr gut. Es war eine hervorragende Weltmeisterschaft mit neun Schweizer Medaillen. Man muss weit zurückblicken, um eine bessere WM zu finden. Bis ins Jahr 1989 (11 Medaillen; die Red.) Das zeigt: Jahrzehnte lang waren wir nicht so erfolgreich.

Sie verspüren keine Wehmut, dass Österreich vor der Schweiz liegt?

Ich weiss, worauf Sie zielen. Ja, Österreich hat mehr Goldmedaillen gewonnen. Dafür haben wir anzahlmässig mehr erreicht. Jetzt kann man das von links oder von rechts anschauen. Oft haben wir in der Vergangenheit auf die Farbe der Medaillen geschaut, wenn wir mehr Gold gewonnen hatten als Österreich. Jetzt schauen wir einfach auf die Anzahl (lacht).

Aber von den Schweizer Männern hätte man sich doch etwas mehr erhofft.

Eines ist klar: Lara Gut-Behrami und Corinne Suter waren die grossen Schweizer Figuren. Da müssen wir nicht diskutieren. Ihre Weltmeistertitel waren die emotionalsten Momente. Nun zu den Männern. Die Techniker haben enttäuscht, da hätten wir mehr erhofft. Im Speedbereich hatten wir aber Verletzungspech. Ich erinnere an Mauro Caviezel oder Urs Kryenbühl, die in dieser Saison beide schon Podestplätze erreicht haben.

Corinne Suter (links) und Lara Gut-Behrami holten zusammen fünf Medaillen für das Schweizer Team.

Corinne Suter (links) und Lara Gut-Behrami holten zusammen fünf Medaillen für das Schweizer Team.

Keystone

Und doch träumte man von mehr Medaillen.

Wir dürfen stolz auf diese WM sein.

Swiss-Ski führt die Nationenwertung an, die WM war gut. Besteht die Gefahr, dass man sich auszuruhen beginnt?

Wenn man schaut, wieso wir heute so erfolgreich sind, ist es, weil die Arrivierten liefern, und es gleichzeitig junge Athletinnen und Athleten gibt, die zur Spitze aufrücken konnten. Wir müssen aufpassen, dass jetzt keine Lücke entsteht. Im Nachwuchsbereich, im Alter zwischen 14 und 20. Das wird die grosse Herausforderung, der wir uns in Zukunft stellen müssen.

Diese Lücken sind ein sich wiederholendes Thema. Machen Sie sich Sorgen?

Nein, gar nicht. Ich war noch nie so sicher, von unten bis oben, dass es gut weiter geht.

Sie sprechen trotzdem von einer Herausforderung. Ist das System instabil?

Nein. Wir haben die richtigen Leute. Wir haben ein Team von Trainern und Betreuern, auf das wir stolz sein können. Wir haben wenige Wechsel. Und wenn es einmal einen Wechsel gab, ist es uns gelungen, sehr guten Ersatz zu finden. Das war nicht immer so. Es sind ganz viele kleine ­Teile, die ein Fundament stabil machen. Und dieses wollen wir noch verstärken.

Swiss-Ski hat viel mehr Mittel zur Verfügung als noch vor einigen Jahren. Ist die Stabilität erkauft?

Nein. Überhaupt nicht! Unser System wurde nicht teuer, weil die Leute jetzt einfach mehr verdienen.

Sondern?

Wenn man als Verband ein erfolgreiches System aufbaut, gibt es jedes Jahr mehr Athletinnen und Athleten. Wir haben heute bereits über 300. Wenn es mehr Sportlerinnen und Sportler gibt, braucht man automatisch mehr Personal. Swiss-Ski hat heute über 200 Angestellte.

Urs Lehmann unterhält sich mit Medaillengewinnerin Corinne Suter.

Urs Lehmann unterhält sich mit Medaillengewinnerin Corinne Suter.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Die Kosten steigen ständig.

Als ich als Präsident angefangen habe (2008; die Red.), hatte Swiss-Ski für alle Bereiche ein Budget von rund 26 Millionen Franken. Mittlerweile sind wir bei gut 60 Millionen Franken. Und das Geld ist ja nicht Selbstzweck, das Geld geht alles in das System.

Besteht da nicht das Risiko, dass es Swiss-Ski wie dem FC Basel geht. Sobald die Erfolge ausbleiben, fehlen die Einnahmen und alles gerät in Schieflage?

Das ist eine legitime Frage. Aber ich bin mir sicher, dass das nicht so ist. Wir haben Beispiele aus der Vergangenheit. Selbst bei epochalen Krisen hat der Verband keine Sponsoren verloren. Nehmen wir die WM in Bormio 2005. Das war zwar vor meiner Zeit. Aber zwei grosse Sponsoren haben danach unterschrieben, obwohl es keine einzige Medaille gab. Wir haben den Vorteil, dass der Skisport ein Nationalsport ist, da spielen viele Emotionen mit, die nicht nur an Erfolge geknöpft sind.

Sie sagen, das Geld gehe in das System. Erklären Sie das.

Wir haben in den Sponsoren­verträgen festgelegt, dass die Partner nicht nur in die Spitze, sondern auch in die Regional-Verbände investieren. Wir haben sie verpflichtet, dass sie sich im Kopfsponsoring der Athletinnen und Athleten engagieren. Wir erwarten von ihnen, dass sie in die nationalen Leistungszentren investieren. Wenn Leistungssport eine Pyramide ist mit den Besten an der Spitze, wollen wir daraus ein Gebäude mit stabilen Säulen machen.

Sie kandidieren als Präsident des Internationalen Skiverbandes. Swiss-Ski ist so erfolgreich, wie lange nicht mehr, es wäre ein guter Zeitpunkt, um zu gehen.

Da spielt auch Wehmut mit. Ich bin stolz, was wir erreicht haben. Sollte ich gewählt werden, ginge es bei Swiss-Ski auch ohne mich erfolgreich weiter.

Sie trauen sich zu, den Internationalen Skiverband in die Zukunft zu führen?

Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass ich etwas verändern kann, dass ich die Kraft dafür habe, dann muss ich nicht kandidieren.