Ski alpin

Achtung, die Sorgen verlagern sich: Die Schweizer Skifahrer sind nur an Grossanlässen stark

Die Schweizer gewinnt zum Saisonabschluss noch einmal den Teamwettkampf.

War es ein guter Winter für die Skination Schweiz? Man kann es sich einfach machen und sagen: Rang eins im Medaillenspiegel der Weltmeisterschaft und Rang zwei in der Nationenwertung des Weltcups. Folglich war es eine gute Alpin-Saison für Swiss Ski. Fakten lügen nicht. Aber ist es wirklich so einfach?

Man kann auch sagen: Es war ein Winter ohne ganz grossen Sieg für die Schweiz. Die Abfahrtsklassiker gewannen andere. An der WM gab es in den Kerndisziplinen kein Gold, das Männerteam ging mit Ausnahme des Teamwettkampfs leer aus. Das Frauenteam schloss die Saison erstmals seit 2007 ohne einen einzigen Weltcupsieg ab. Folglich war es ein schlechter Winter.

An Grossanlässen ist Swiss Ski oft überproportional gut

Fakten lügen nicht. Aber ist es wirklich so einfach? Es war lange eine Stärke der Athletinnen und Athleten von Swiss Ski, in den wichtigsten Rennen am besten zu sein. 2015 und 2017 gewannen Patrick Küng und Beat Feuz die WM-Abfahrten.

Seit 2009 siegte in Wengen fünfmal ein Schweizer in der Abfahrt. Und an Grossanlässen war Swiss Ski im vergangenen Jahrzehnt meist überproportional gut.

Es sind solche Grosserfolge, die lange in Erinnerung bleiben und die Kritik meist im Keim ersticken. Swiss Ski konnte so in den Saisonbilanzen nicht selten Probleme kaschieren. Konnte Geduld fordern, dass es irgendwann schon gut komme in den jahrelangen Sorgendisziplinen. Zum Beispiel auf der Technikerseite der Männer.

Und man muss ehrlich sagen: Der Verband hatte recht. Der Aufschwung im Slalom, der früher begann, jetzt aber auch den Riesenslalom erreicht hat, ist beachtlich. Zwei Slalomsiege gab es durch Daniel Yule und Ramon Zenhäusern. Das ist historisch gut. Und da mit Loïc Meillard ein dritter Schweizer in dieser Saison auf das Podest fuhr, ist das Team wohl so stark wie noch überhaupt nie.

Im Riesenslalom gab es vier Schweizer Podestplätze. Und Marco Odermatt verblüffte. Der fünffache Juniorenweltmeister von 2018 hat sich atemberaubend schnell im Weltcup zum zweifachen Podestfahrer entwickelt. Der achtfache Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher sieht im 21-Jährigen einen potenziellen Nachfolger. Und hat damit recht. Mit Odermatt hat die Schweiz ein Talent in den Reihen, das alle Anlagen zum künftigen Superstar hat.

Odermatt, Meillard, Zenhäusern, Yule – sie alle sind 26 Jahre alt oder jünger. Das sind rosige Aussichten. Und vor allem solche, von denen Swiss Ski auf der Speedseite derzeit nur träumen darf. Natürlich sind Abfahrer erst später im besten Alter.

Und trotzdem war nicht nur Carlo Jankas Aussage an der WM, dass die Stimmung im Team wie tot sei, besorgniserregend. Hinter dem 32-jährigen Beat Feuz, der in sechs von acht Weltcup-Abfahrten auf das Podest fuhr, und dem 30-jährigen Mauro Caviezel, in dieser Saison in Super-G und Abfahrt viermal auf dem Podest, folgt lange nichts.

Einige, wie Nils Mani und Ralph Weber, drohen zu ewigen Talenten zu werden. Andere, wie Gilles Roulin, stagnierten. Und so ist es bezeichnend, dass Marco Odermatt im Super-G bereits die teaminterne Nummer drei ist.

Mani, Roulin und Co. sind zwar auch erst 26 Jahre alt oder jünger. Und hätten im Speedbereich eigentlich noch Zeit. Doch Beat Feuz ist im vergangenen Sommer Vater geworden. Seine Prioritäten haben sich verändert. Noch denkt er nicht ans Aufhören, aber das kann sich in der neuen Konstellation ändern. Für Swiss Ski wäre ein Speedteam ohne Feuz eine Horrorvorstellung.

Das Warten von Holdener und Suter als Schweizer Highlight

Ausgerechnet an der WM endete für Feuz eine Serie von fünf Podestplätzen in Folge. Auch darum gab es für die Männer einen schmerzhaften Nuller in den Einzeldisziplinen. Es ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen hinter einer tollen Saison.

Das Männerteam ist im Weltcup näher an Österreich gerückt und belegt erstmals seit 2012 Rang zwei. Es ist eine Entwicklung, die Freude bereitet. Trotzdem sollte die Situation im Speedteam genau analysiert werden. Ewig wird Feuz das Team nicht mehr tragen.

Etwas anders ist die Entwicklung bei den Frauen. Zwar konnte Rang zwei in der Nationenwertung verteidigt werden. Doch der Abstand auf die Österreicherin wurde deutlich grösser. Auch weil Siege fehlen.

Wendy Holdener stand im Slalom zwar erneut fünfmal auf dem Weltcup-Podest – aber es will einfach nicht klappen mit dem grossen Triumph. Das allein ist nicht neu. Weil aber mit der verletzten Michelle Gisin und der sich lange in einem Formtief befundenen und mittlerweile verletzten Lara Gut-Behrami zwei Erfolgsgarantinnen nicht den gewohnten Teil zum Teamerfolg beisteuern konnten, ist der Rückschritt zwar schnell erklärt. Zu sicher fühlen sollte man sich nicht.

Gut-Behrami hat im Riesenslalom und in der Abfahrt offensichtliche technische Defizite. Das führt bereits zu Kritik an ihrem Weg mit einem Privatteam. Diesen aber nach nur einer mässigen Saison gleich infrage zu stellen, ist unfair.

Zumal die 27-Jährige im Super-G zweimal auf das Podest fuhr und damit eine von nur vier Schweizer Top-3-Fahrerinnen in dieser Saison ist. Trotzdem muss sie an ihren Defiziten arbeiten, sonst wird die Kritik schnell lauter und das würde auch Unruhe in das Team von Swiss Ski tragen.

Doch auch sonst bleiben Sorgen: Im Riesenslalomteam hält nur Holdener mit der Spitze mit. Und auch im Slalom stagnieren die Schweizerinnen hinter ihr. Natürlich fehlen mit Gisin und Mélanie Meillard zwei starke Technikerinnen.

Doch wäre es falsch, die Entwicklungen nicht mit Sorge zu beobachten und so die Chance zu verpassen, zu reagieren. Anders als bei den Männern hat bei den Frauen der Speedbereich einen Aufschwung erlebt. In erster Linie durch die zweifache WM-Medaillengewinnerin Corinne Suter. Aber auch dahinter rücken mit Joana Hählen und Jasmine Flury andere Athletinnen näher an die Spitze.

Die Sorgen verlagern sich. Auch wenn das Feuz und Holdener noch kaschieren. Selbst ohne die ganz grossen Siege.

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