Wo vorher Strasse war, ist jetzt ein Loch. Donnerstagabend, 18 Uhr: Die Strasse von Frutigen nach Adelboden wird gesperrt. Keine zwei Tage bevor dort am Samstag ein Riesenslalom und am Sonntag ein Slalom stattfinden sollen. Eine Alternativroute gibt es nicht. Die Kantonsstrasse ist der einzige Zubringer. Zumindest für die Fans. Doch davon später.


Während fast alle Beteiligten nervös werden, bleibt einer ruhig: Peter Willen, Präsident der Weltcuprennen. Schon kurz nachdem ein Teil der Strasse aufgrund der starken Regenfälle abgebrochen war, erklärt der Organisator: «Das wird schon werden.»

Luftbilder vom Murgang auf die Strasse nach Adelboden

Luftbilder vom Murgang auf die Strasse nach Adelboden

Der Murgang auf der Kantonsstrasse von Frutigen nach Adelboden hat für einige Bauarbeiter eine strenge Nachtschicht zur Folge. Das Weltcup-Skifest soll ja trotzdem wie geplant stattfinden können. Eine Notbrücke soll die Zufahrt am dem frühen Samstagmorgen sichern. Eine Drohnenkamera zeigt das Ausmass des Ereignisses aus der Luftperspektive.

Die Improvisations-Künstler

Willen ist gewohnt, zu improvisieren. Schon oft haben er und sein Team Rennen organisiert, an deren Durchführung viele zweifelten. Kein Schnee am Chuenisbärgli? Die Temperaturen zu warm, um Schnee zu erzeugen? Kein Problem. Rennleiter Hans Pieren fand 2016 «ein kaltes Loch» rund zwei Kilometer vom Hang entfernt, installierte eine Beschneiungsanlage und liess den Schnee dann mit dem Helikopter transportieren.


Helikopter brauchte es auch gestern – wenn auch für andere Zwecke. Zwar hat ein Bauunternehmer nach Absprache mit Geologen versichert, die Strasse mit einer «Notbrücke» einspurig befahrbar machen zu können. Die Öffnung ist aber erst am Samstag um 6 Uhr morgens vorgesehen. Die Stars wurden darum fliegend nach Adelboden befördert. Der Rest der Athleten, die Trainer und Serviceleute wurden über eine Strasse gelotst, die offiziell nicht befahren werden darf. Der Schweizer Cheftrainer Tom Stauffer sagt: «Wir haben entschieden, dass alle unsere Athleten, die den Riesenslalom am Samstag fahren, fliegen dürfen. Wir Trainer, die Betreuer und Serviceleute sowie alle, die nur den Slalom am Sonntag bestreiten, sind mit dem Auto gefahren.»

Wettlauf gegen die Zeit für Adelboden

Wettlauf gegen die Zeit für Adelboden

Um den Weltcup durchzuführen, muss die Strasse schnellstmöglich wieder instand gesetzt werden.

Rennen auch ohne Zuschauer

Die Protagonisten sind also alle im Berner Oberland angekommen. Doch was, wenn die Strasse um 6 Uhr morgens eben doch nicht zulässt, dass bis zu 30 000 Fans mit Shuttlebussen von Frutigen nach Adelboden transportiert werden? Weil die Gefahr besteht, dass die provisorische Brücke nicht hält oder weitere Abschnitte abbrechen. Wird der Riesenslalom dann um 10.30 Uhr ohne Fans gestartet, weil die für die Fernsehübertragung nötige Infrastruktur bereits steht?


«Diese Option gibt es nicht», sagt Peter Willen. «Die Strasse wird bereit sein und wir werden ein tolles Weltcuprennen mit Fans haben.» Willen bleibt ruhig. Ganz nach seinem oft vom Erfolg gekrönten Motto: Es wird schon werden. Der Oberingenieur des Kantons Bern, Markus Wyss, sagte zur Online-Plattform Nau: «Wir werden die Strasse hinauf nach Adelboden am Samstag permanent überwachen, um jederzeit reagieren zu können.»


Reagieren könnte die erneute Sperrung der Strasse bedeuten. Der internationale Skiverband FIS würde das Rennen aber auch ohne Zuschauer starten. FIS-Renndirektor Markus Waldner erklärte: «Alle Athleten und Trainer sind hier, das TV ist hier, die Wetterprognosen sind gut. Einem Rennen steht nichts im Weg.» Für die FIS sind die wichtigen TV-Werbegelder auch so garantiert. Dem Veranstalter würden mit diesem Szenario aber Einnahmen aus dem Festbetrieb fehlen. «Wir haben keinen Plan B bereit», sagt Peter Willen. Weil die Versicherung anders als bei einer Absage durch schlechte Wetterbedingungen auf der Piste nicht zahlen würde. Den finanziellen Schaden müsste der Veranstalter alleine tragen.


Gleiches gälte aber auch bei einer Absage aufgrund der Schäden an der Strasse. «Dies wäre für uns kaum verkraftbar gewesen», sagte Geschäftsführerin Kathrin Hager gegenüber SRF. Weil ohne Rennen noch grössere finanzielle Einbussen – zum Beispiel durch fehlende Leistungen von Sponsoren – für den Veranstalter entstanden wären. Unter diesen Voraussetzungen wäre sogar die Zukunft der Rennen gefährdet gewesen.

Rettungseinsätze möglich

Nicht in Gefahr ist die Sicherheit. Selbst wenn die Strasse gesperrt bleibt. Für Notfälle, zum Beispiel für Rettungseinsätze, kann die alte Adelbodenstrasse geöffnet werden. Die Lawinengefahr entlang dieser Alternativroute, die gestern vom Weltcuptross benutzt wurde und eigentlich nicht befahren werden darf, ist aber deutlich erhöht.
Auch dies ist wie der Strassenabbruch eine Folge des Sturmtiefs Burglind. Die daraus resultierenden Wetterverhältnisse im Alpenraum haben auch die Arbeiten am Chuenisbärgli erschwert. Der starke Schneefall im oberen und Regen im unteren Pistenabschnitt haben die Piste aufgeweicht. Peter Willen sagt: «Wir sind wegen des Sturms etwas im Rückstand. Unsere Fachleute stehen aber die Nacht durch im Einsatz.» Dass die Veranstalter auch unter schwierigsten Bedingungen eine weltcuptaugliche Piste präparieren können, haben sie in Adelboden schon mehrmals bewiesen. Auch dank der Ruhe von Peter Willen.