Es braucht nicht die Streif und nicht die Stelvio. Keine Eisbahn und keine unzähligen Unebenheiten, um den Fahrern eine Aufgabe mit sehr hohem Anforderungsgrad vorzusetzen. Es reicht, wenn auf einer Piste mit mehreren Übergängen die Sichtverhältnisse miserabel sind, um aus einem anspruchsvollen Super-G einen der ganz schwierigen Sorte zu machen.

Schwierige Aufgabe? Da blühte Dominik Paris an diesem Mittwoch auf - obwohl gerade ihm eisige und unebene Pisten am liebsten sind. Ihm lacht vor allem das Herz, wenn es unter den Ski rattert und schlägt. Schrill muss es sein wie die Musik, die er ausschliesslich hört und der er sich auch mit seiner Band "Rise of Voltage" verschrieben hat: Death Metal.

Rockender Gemütsmensch

Der Gemütsmensch Paris, der als Jugendlicher während eines Sommers als Kuhhirte auf einer Alp am Splügenpass verbracht und so seine Karriere wieder in Schwung gebracht hat, den nichts aus der Ruhe zu bringen scheint, und härtester Rock, das passt eigentlich überhaupt nicht zusammen. Doch was andere als organisierten Krach abtun, hilft Paris, die Konzentration hochzufahren oder abzuschalten.

Der Südtiroler war nach der gewohnten "Prise Metal" im wichtigsten Super-G des Winters auch auf harter, aber griffiger Unterlage in seinem Element und gewann trotz einer nicht ganz gelungenen Fahrt seinen ersten grossen Titel, neun Hundertstel vor den zeitgleichen Zweiten, dem Österreicher Vincent Kriechmayr und Johan Clarey. Der Franzose machte sich im Alter von 38 Jahren zum ältesten Medaillengewinner bei einem alpinen Grossanlass.

Paris sprach danach von einem unerwarteten Sieg. Als ersten Favoriten hatte er sich trotz der seit Wochen anhaltenden Hochform nicht gesehen. Die Zurückhaltung begründete er mit den fehlenden Erfahrungswerten auf der Piste am Berg Areskutan, was zu einer gewissen Unsicherheit geführt habe. Die Rennen beim Weltcup-Finale im vergangenen März waren für die Speed-Fahrer die ersten seit neun Jahren in Are.

Paris war womöglich trotzdem besser über die Schlüsselstellen im Bild als die meisten seiner Konkurrenten. Patrick Staudacher, auch er ein Südtiroler und vor zwölf Jahren in Are überraschend Super-G-Weltmeister geworden, versorgte seinen Landsmann während der Besichtigung mit wertvollen Informationen. "Das gab zusätzliches Vertrauen und war vielleicht ein Vorteil für mich", sagt Paris.

Feuz sei doppelt Dank

Im Vorteil war Paris auch auf der Anreise nach Schweden. Auf Anraten von Beat Feuz hatte er sein Programm umgestellt und war wie der Emmentaler am Sonntag ab Innsbruck über Stockholm ins knapp 100 Kilometer von Are entfernte Östersund geflogen. Dass er erst am Montagmorgen um drei Uhr im Hotel eintraf, war eine Marginalie im Vergleich zu jenen Athleten, die wegen des eingeschränkten Flugverkehrs von und nach Stockholm deutlich grössere Verspätungen in Kauf nehmen mussten.

Dank Feuz, der im Super-G mit der Nummer 1 gestartet war und dessen Fahrt er am Fernsehen mitverfolgt hatte, gewann Paris auch erste Eindrücke vom Kurs. "Ich habe gesehen, welche Passagen wirklich schwierig sind."

Aus der Ruhe schien Paris das Gesehene nicht gebracht zu haben - auch Death Metal sei Dank. Zeit, nervös zu werden, hatte er ohnehin keine, zumal er mit der Startnummer 3 ebenfalls früh an der Reihe war. Die wenigen Minuten schienen aber gereicht zu haben, um die nötigen Schlüsse zu ziehen und um in die richtige Spur zu finden. In die Spur zu Gold.