«Ich habe in der Nacht vor dem Wettkampf gut geschlafen. Das hat mich beunruhigt, weil mir die Schweizer Athleten, die in Turin bereits Olympiasieger wurden, alle von schlaflosen Nächten erzählt hatten. Am Morgen hatte ich das Taktikgespräch mit dem Trainer. Wir machten ab, dass ich meinen schwierigsten Sprung ‹Full-Full-Full›, diesen Dreifach-Salto mit drei Schrauben, nicht zeigen werde, wenn ich nach dem ersten Sprung unter den ersten drei platziert bin. Diesen Sprung hatte ich zuvor nie in einem Wettkampf gestanden.

Am Nachmittag schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich unabhängig vom Resultat nicht in ein Loch fallen werde. Aber alles für eine Medaille geben will. Bei den Probesprüngen kam mein Trainer und verlangte, dass ich auch den Full-Full-Full nochmals übe. Ich wollte das nicht, erinnerte mich dann aber an meinen Eintrag im Tagebuch. Der Sprung misslang, aber ab diesem Moment war für mich klar, dass ich ihn im Wettkampf unbedingt zeigen will.

In der Konzentrationsphase zum ersten Sprung ging mir durch den Kopf, dass dieser gar nicht allzu gut sein darf, weil ich sonst den Full-Full-Full ja nicht zeigen kann. Prompt hatte ich bei der Landung etwas Mühe und war nur auf dem fünften Platz. Danach ging ich zum Trainer und sagte fast jubelnd, dass ich ihn jetzt zeigen darf. Von diesem Moment an war es für mich ein ganz spezieller Wettkampf. All diese einzelnen Bausteine passten auf einmal in meinem Kopf zusammen. Ich wusste irgendwie, dass dies mein Moment sein wird.

Ich war brutal bereit, das zeigte mir auch mein Gesichtsausdruck auf den TV-Bildern. Als ich realisierte, dass ich den Sprung stand, sprudelte es nur noch in mir vor Emotionen. Du weisst gar nicht mehr, was du vor lauter Freude noch alles machen sollst. Das war wirklich ein ganz, ganz spezieller Moment. Ich blickte immer mit grosser Bewunderung zu den Olympiasiegern hoch. Und nun war ich es selber. Ich dachte, in diesem Moment gebe es so etwas wie einen Knall. Aber ich war immer noch Evelyne Leu. Ich weiss noch, wie ich zurück in mein Zimmer kam und dachte: ‹Meine Socken stinken immer noch.›»