Biathlon

Gasparin: «Das konnte sich so keiner vorstellen»

Jedes Jahr leistet sie deshalb in der wettkampf- und trainingsfreien Zeit Einsätze an der Grenze. Wegen des Coronavirus war es nun im April sogar ein ganzer Monat

Jedes Jahr leistet sie deshalb in der wettkampf- und trainingsfreien Zeit Einsätze an der Grenze. Wegen des Coronavirus war es nun im April sogar ein ganzer Monat

Während viele Sportler derzeit mühsam nach einer Beschäftigung suchen, ist Biathletin Selina Gasparin im Ernsteinsatz. Die Olympiazweite bewacht im Puschlav die Schweizer Südgrenze.

Am letzten Apriltag ist es gegen Mittag ruhig am untersten Ende des Puschlav. Touristen - ob zum Einkaufen oder in die Berge zu gehen - dürfen die Grenze zwischen Italien und der Schweiz nicht überqueren. Selina Gasparin ist aber seit halb vier Uhr morgens in Campocologno. Am Morgen war mehr los. "Primär schauen wir jetzt darauf, wer kommt und ob dieser in die Schweiz einreisen darf", erklärt die Spitzen-Biathletin. "Am Morgen waren es viele Arbeiter aus Italien. Da sieht man schnell, dass sie zum Arbeiten kommen."

Die Situation ist paradox. "Es hat viel weniger Verkehr als normal", stellt Gasparin fest. Dennoch braucht es in den Bündner Südtälern mehr Personal. Weil jetzt jedes Fahrzeug und deren Insassen kontrolliert werden. Die 36-jährige Engadinerin hatte nach dem vorzeitigen Ende der Weltcupsaison eigentlich Ferien, die Teilnahme bei einigen Events und ein paar Tage Einsatz bei der Eidgenössischen Zollverwaltung geplant gehabt. Nun wurde wegen des Coronavirus ein ganzer Monat daraus. "Was ich geplant hatte, war nicht möglich, also war klar, dass ich meinen Kollegen aushelfe."

Athleten in einer Blase

Auch das Saisonende war für die Biathletinnen kurios. Am 14. März lief Gasparin erstmals seit vier Jahren erstmals aufs Podest - im finnischen Kontiolahti und ohne Zuschauer. Danach gab es ein eigentliches Wettrennen, um vor den Grenzschliessungen fast überall auf der Welt rechtzeitig nach Hause zu kommen. "Wir Athleten waren in unserer Blase und haben nicht so ganz realisiert wie ernst die Situation war", erinnert sich Gasparin. Krass sei es bei den Amerikanern gewesen. "Als (Präsident) Trump die Schliessung der Grenzen ankündigte, wurden sie in der Nacht geweckt und reisten Hals über Kopf ab, weil sie Angst hatten, nicht mehr nach Hause zu kommen." Die zweifache Mutter und ihre Teamkollegen hatten nicht ganz so viel Stress, doch kurz nach ihrer Rückkehr schloss auch die Schweiz ihre Grenzen für nicht absolut notwendige Einreisen. "Das hat es so noch nie gegeben und konnte sich keiner vorstellen, auch ich nicht", gibt Gasparin zu. "Dass Grenzen in der Nacht geschlossen sind und wieder jeder kontrolliert wird, das war völlig unvorstellbar."

Dadurch bekam sie nun mehr Arbeit als vorgesehen. Gasparin ist wie fünf weitere Biathleten sowie vier Langläufer zu hundert Prozent bei der Eidgenössischen Zollverwaltung angestellt. Die Trainingsblöcke und Wettkämpfe zählen natürlich auch als Arbeitszeit, aber daneben leisten sie auch normale Dienste - im Gegensatz zu vielen ausländischen Spitzensportlern. So sagte die zweifache Weltmeisterin und Gesamtweltcup-Siegerin Dorothea Wierer, die bei der italienischen Finanzwacht angestellt ist, sie habe seit ein paar Kursen zu Beginn noch keinen Tag wirklich auf diesem Beruf gearbeitet. Hätte es Gasparin auch lieber so? "Es hat Vor- und Nachteile", sagt sie. "Sportlich wäre es sicher einfacher ohne die Doppelbelastung." Psychologisch sehe sie hingegen einen Mehrwert. "Zum einen ist es eine Abwechslung, vor allem aber habe ich einen Beruf, in den ich ohne lange Ausbildung einsteigen könnte. Das kann mental ein Vorteil sein."

Mit Pistole ganz anders als mit Gewehr

An der Grenze erlebt sie schliesslich auch schöne Begegnungen. Manche erkennen die erfolgreichste Biathletin der Schweiz, manche reagieren sogar mit einem Witz. "Wenn ich frage, ob sie etwas mit sich führen, sagte auch schon jemand: Ja, ein Biathlon-Gewehr. Oder eine Olympia-Medaille", erzählt sie schmunzelnd. Apropos Gewehr: Eine Waffe braucht Gasparin ja auch beim Grenzschutz. Dabei gibt es für sie aber einen gewichtigen Unterschied. Einerseits technisch. "Vor allem aber, weil das eine Fun und Challenge und das andere eine Sache des Überlebens ist", wie die Engadinerin erklärt. "Das macht einen riesigen Unterschied." In der Ausbildung hat sie gelernt wie sie in heiklen Situationen reagieren muss. "Was habe ich für Möglichkeiten, vom Pfefferspray über den Schlagstock bis zur Pistole. Was ist wann sinnvoll?"

Im Mai ist der Einsatz nun zu Ende, Gasparin wechselt wieder von der Mitarbeiterin der Zollverwaltung zur Sportlerin. Und während sie froh ist, dass sie die Pistole noch nie im Einsatz abfeuern musste, hofft sie, dass das Biathlon-Zentrum in Lenzerheide bald wieder öffnen kann. "Ich sollte wieder mal schiessen", sagt sie. Diesmal aber mit dem Gewehr.

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