Da wird einer immer schneller und keiner merkts. Und das in einem Alter, wo viele schon ans Aufhören denken. Marc Berthod dachte auch schon daran, entschloss sich dann aber zu einem Branchenwechsel und versucht nun in der Abfahrt mit 50er-Nummern das Feld von hinten aufzurollen. Die Perspektiven sind verheissungsvoll: Der 31-jährige Rookie in der Speed-Disziplin ist vor allem beim Gleiten blitzschnell und wartete in Lake Louise wie in Beaver Creek mit Abschnitts-Bestzeiten auf. Und Val Gardena gilt als Gleiterstrecke …

In Lake Louise verblüffte Berthod mit bester zweiter Zwischenzeit. In Beaver Creek war er im Startabschnitt über eine Sekunde schneller als Carlo Janka, schied aber – bei miserabler Sicht – in der gleichen Kurve aus wie Patrick Küng. Im ersten Training von Val Gardena waren die Fahrer mit hohen Startnummern, die hier oft im Vorteil sind, chancenlos. Doch Trainer wie Berthod sind überzeugt: Bei fairen Bedingungen könnte es passen.

Die leidigen Rückenprobleme

Marc Berthod weckte einst den Schweizer Skisport in Adelboden mit seinem sensationellen Slalom-Triumph mit Startnummer 60 aus dem Dornröschenschlaf. Und gewann ein Jahr später auch den Riesenslalom. «Ich möchte seinen Schwung», schwärmte Dominique Gisin, «so schnell wie er fährt keiner um die Tore». Jahrelange Rückenprobleme brachten aber die Karriere des St. Moritzers ins Stocken, und nach einem Sturz in Sölden spülte es ihn in der Weltrangliste vom 20. auf den 60. Rang zurück. «Mit einer solchen Nummer», sagte einst Daniel Albrecht, «muss man schneller fahren als Marcel Hirscher, um wieder in die erste Gruppe zu kommen.»

Marc Berthod befand sich an einem Wendepunkt. In einem aussichtslosen Mix von Riesenslaloms und vereinzelten Abfahrten geriet er in eine Sackgasse. Gleichwohl glaubte Alpinchef Rudi Huber an ihn: «Ich sehe Marc an der WM 2017 in St. Moritz in der Abfahrt am Start. Aber nur, wenn er wirklich will und sich bedingungslos engagiert.»

Berthod verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. Er übte das, mit dem er bisher auf Kriegsfuss stand – Gradausfahren. «Ich trainierte im Sommer Gleitkurven und habe die Materialabstimmung angepasst. Das Set-up stimmt. Im Flachen spüre ich die Ski besser.» Mit einem kleinen Nachteil: «Jetzt bin ich besser im Gleiten und habe dafür Mühe in den Kurven. Aber das kriege ich wieder hin.» Es müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn der Mann mit dem schnellsten Schwung nicht mehr um die Kurven käme.

Die WM in St. Moritz lockt

«Ich fühle mich in der Abfahrt konkurrenzfähig», sagt Berthod mit Überzeugung. «Ich kann in die ersten 20 oder 15 fahren. Das macht Freude und gibt Zuversicht.» Und das Ziel WM 2017 in St. Moritz, wo er 2003 in der WM-Kombination dank einem Karl-Frehsner-Bonus einst als Zwanzigjähriger sein Debüt bei den Grossen gab, rückt wieder näher. «Ende Saison möchte ich beim Weltcup-Finale der besten 25 starten. Oder wenigstens in den Top 30 sein, damit ich wieder ins A-Kader aufsteige. Ich bin auf Kurs.»

«Mir kommt entgegen», sagt Berthod, «dass ich immer wieder mal auf den langen Latten stand. So hatte ich gewisse Erfahrungswerte.» Was nichts daran ändert, das Berthod erst ein Dutzend Weltcup-Abfahrten bestritten hat. In Val Gardena war er noch nie im Ziel, «und», so Berthod, «am Lauberhorn bin ich noch nie über die ganze Strecke gefahren.» Doch auch mit 31 kann ein Abfahrts-Rookie schnell sein, wie Lake Louise und Beaver Creek beweisen.

Und obwohl er inzwischen Familienvater und seit diesem Sommer Vater von Zwillingen ist, zeigt er Bereitschaft, an die Grenzen zu gehen. «Es ist kalkuliertes Risiko. Dank meiner gelegentlichen Abfahrtseinsätze fühle ich mich sicher auf meinen Geräten. Ich möchte ja auch noch fit sein, wenn meine Jungen älter sind.» Damit sie ihren Vater «zu Hause» an der WM 2017 sehen können, die Grossvater Martin in leitender Funktion mitorganisiert.