Star-Allüren? Von wegen! Lässig gekleidet betritt Marcel Hirscher das Hotel Adler in Adelboden durch den Haupteingang und wird sofort erkannt. Geduldig erfüllt der 25-Jährige die Wünsche seiner Fans. Dann setzt er sich hin und gähnt. Müde? «Ja, sehr.»

Es sind strenge Tage für den Österreicher. Sich deswegen zu verstecken? Das will er nicht. «Ich fühle mich wohl in der Rolle des Stars. Wohler als jemals zuvor», sagt er. An die Aufmerksamkeit musste er sich – auch aufgrund seines raschen Aufstiegs – erst gewöhnen. «Am Anfang war das nicht leicht. Aber ich habe schnell gelernt.» Mit 18 Jahren, erzählt er, habe er das Gefühl gehabt, dass das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl nur durch Erfolge im Skifahren gestärkt werden können. «Damals fühlte ich mich durch Siege stark. Heute weiss ich, dass es mehr gibt, dass das Leben ausmacht.»

Eloquent und fundiert

Dreimal hintereinander hat Marcel Hirscher den Gesamtweltcup gewonnen und sorgt mit seinen Siegen im Slalom und Riesenslalom dafür, dass Österreich nicht in Richtung Krise rutscht. «Wenn ich ausscheide, schreit das ganze Land auf», sagt er. Verärgert ist er darüber nicht. Er erzählt eloquent, differenziert und fundiert, wie es nur wenige andere können. «Die Last einer Nation kann ich nicht tragen. Es gibt mich nur einmal, aufteilen in fünf Marcels kann ich mich nicht.»

Er ist in den technischen Disziplinen streckenweise der Alleinunterhalter der Österreicher. «Unser neuer Cheftrainer Andreas Puelacher hat es nicht leicht. Er muss mit den Fehlern leben, die weit in der Vergangenheit gemacht worden sind», sagt Hirscher. Er übt leise Kritik an der Nachwuchsarbeit. Verweist aber auch auf Fortschritte, die er mittlerweile erkennt.

Hier bestehen Parallelen zur Schweiz. Auch bei Swiss-Ski wurden Fehler gemacht. Und weil ein Ausnahmekönner wie Marcel Hirscher in den technischen Disziplinen fehlt, ist Situation düster. Der neue Schweizer Cheftrainer Tom Stauffer sagte zuletzt, «dass er sich natürlich einen Hirscher oder Ligety wünschen würde.» Weil die Siege dem Team Ruhe bringen.

Mit drei Siegen und einem dritten Platz in den vier Riesenslaloms dieser Saison reiste Hirscher ins Berner Oberland. Das macht ihn heute am Chuenisbärgli zum Topfavoriten. «Bei der Fahrt hinauf nach Adelboden habe ich mir gedacht: Es ist schon ein geiler Hang.» Und einer, der ihm liegt. Viermal hat er hier schon gewonnen. 2012 im Riesenslalom und in den letzten drei Jahren im Slalom. Heute könnte Hirscher die Rekordmarke von fünf Siegen in Adelboden des Schweden Ingemar Stenmark egalisieren.

Mut für die Schweizer

Zum Abschluss des Gespräches will Hirscher der Schweizern Athleten Mut machen. «Wenn Gino Caviezel in einem zweiten Durchgang Laufbestzeit fahren kann, muss das Tempo stimmen», sagt er. «Die Schweizer müssen nur Geduld haben.»

Als Schnellster sagt sich das leicht. Sein Tempo begründet er vor allem mit seinen neuen Ski. Was ist denn das Geheimnis daran? «Wenn ich das verraten würde, wäre ich ein Depp», sagt er und lacht.