Die «Streif» in Kitzbühel ist wohl die anspruchsvollste Abfahrt der Welt. Das anerkennt selbst der abtretende Lauberhorn-Doyen Fredy Fuchs. Aber «sein» Lauberhorn nimmt ein anderes Primat in Anspruch: Die 4,415 Kilometer lange Piste ist das kniffligste Ski-Puzzle der Welt, ein tückisches Zusammensetzspiel, das gnadenlos die Spreu vom Weizen trennt.

Während auf andern Pisten der Sieger meist auf allen Streckenabschnitten zu den Besten gehört, muss in Wengen jeder irgendwo einen «Absturz» in Kauf nehmen. Hannes Reichelt und Aksel Svindal, die Trainingsschnellsten von gestern, waren am Hundschopf nur 20. und 25., Carlo Janka, der Trainingsdritte, beim Silberhorn-Sprung und Ziel-S nur 20. und 18., Vorjahressieger Klaus Kröll (6. im Training) gar nur 45. am Hundschopf.

Die Abfahrt am Lauberhorn

Die Abfahrt am Lauberhorn

Das Lauberhorn-Labyrinth in der Übersicht:

START. Dieser Abschnitt ohne Höchstschwierigkeiten ist der tückischste der Abfahrt, eine Sphinx für die Serviceleute. «Dieser Teil ist eine Material- und Wettersache», erklärt Didier Défago, Sieger von 2009: «Die Luft- und Schneetemperatur können sich oberhalb der Waldgrenze stark ändern, manchmal innerhalb von Minuten.» Vor zwei Jahren stürzte Kröll gleich beim Start, brach sich die Hand und fuhr trotzdem noch ins Ziel. Auf 45 Sekunden sind dort Abstände von einer Sekunde keine Seltenheit.

HUNDSCHOPF/MINSCHKANTE. Ein Abschnitt für filigrane Skifahrer. «Das ist mein Ding», sagt Carlo Janka, der Sieger von 2010: «Vom Hundschopf bis ausgangs Brüggli ist meine liebste Passage, auch wenn ich im letzten Jahr diesen Abschnitt verhauen habe.» Nach dem Sprung am Hundschopf folgt, kaum am Boden, die Minschkante, benannt nach dem vor drei Jahren verstorbenen Altmeister Jos Minsch, der dort einst das Hüftgelenk brach. Anschliessend geht es in eine Linkskurve, die Canadien-Corner heisst, weil dort einmal fast alle Kanadier spektakulär stürzten. Im Training erwischte es Défago: «Plötzlich spürte ich nichts mehr unter den Füssen.» Die Bindung war aufgesprungen, der linke Ski machte sich selbstständig. Diese Kurve ist besonders wichtig, weil man dort das Tempo in den flachen Alpweg mitnehmen muss.

BRÜGGLI/KERNEN-S. Das ist die langsamste Passage im Weltcup insgesamt, kaum 80 km/h. 2010 fuhr Janka auf der Passage vom Hundschopf zum Brüggli allen davon und nahm dem Zweiten Manuel Osborne-Paradis acht Zehntelsekunden ab. Im letzten Jahr, als er Dritter wurde, musste er sich mit einer Geschwindigkeit von 74,4 km/h begnügen. 27 andere waren schneller. «Hier», empfiehlt Carlo Janka, «muss man dem Instinkt gehorchen.» Das Brüggli-S heisst jetzt Kernen-S, doch viele sagen immer noch Brüggli-S, weil sich das so ins Bewusstsein eingeprägt hat.

LANGENTREJEN. Das ist der Teil mit unspektakulären Super-G-Kurven, weshalb er selten im Fernsehen zu sehen ist. Man staunt, wenn dann bei der Zwischenzeit im folgenden Hanegg-Schuss plötzlich Zeitunterschiede von einer Sekunde entstanden sind. Das ist Bode-Miller-Gelände, der in der Regel am schnellsten um diese Kurven schleicht. «Hier», findet Feuz, «darf man nicht zu hart auf den Ski stehen und lässt sich besser mal aus der Ideallinie treiben.»

HANEGGSCHUSS. Dieser Teil ist nur interessant, weil dort die höchste Geschwindigkeit gemessen wird. Im Training war Kröll mit 146,46 km/h der Schnellste.

ZIEL-S. Der Knackpunkt der Abfahrt. Diese Kurvenkombination optimal zu erwischen, ist eine Herausforderung für jeden. Oft fiel dort schon die Entscheidung. «Da brennen die Oberschenkel», gesteht Beat Feuz, «aber zum Glück geht es jedem so.» Sowohl Feuz wie Patrick Küng testeten dort gestern noch eine andere Linie. Nachdem die Kante beim Ziel-S vor drei Jahren abgetragen worden ist, gibt es zum Glück keine so fürchterlichen Stürze mehr wie jene von Gernot Reinstadler, Silvano Beltrametti, Adrien Duvillard oder Peter Müller.