Ski alpin

Michelle Gisins Countdown zu einer grossen Allround-Karriere?

Michelle Gisins Augenmerk liegt auf dem Slalom, doch wenns da läuft, will sie auch in den Speed-Rennen angreifen.

Michelle Gisins Augenmerk liegt auf dem Slalom, doch wenns da läuft, will sie auch in den Speed-Rennen angreifen.

Die jüngste der Gisin-Geschwister schielt im Weltcup-Slalom im finnischen Levi auch auf die Speed-Disziplinen. Nach ihren Gesamtsieg im Europacup stehen ihr alle Türen offen.

Wenn heute Samstag im finnischen Levi der Auftakt zur Slalom-Saison erfolgt, ist das für eine junge Schweizerin womöglich auch das Startsignal für eine Karriere mit nach oben offener Richterskala. So wird in der Seismologie freigesetzte Energie gemessen. Michelle, der jüngste Spross der Skifamilie Gisin aus Engelberg, sprüht vor Power und hat sich in diesem Winter viel vorgenommen: «Wenns im Slalom klappt, möchte ich auch in den Speed-Disziplinen Vollgas geben.»

Für Michelle Gisin, die am 5. Dezember erst 21-jährig wird, ist klar: «Priorität hat der Slalom. Der bleibt das Herzstück. Aber wenn es gut läuft, möchte ich auch die andern Optionen ziehen, zumal ich überall Fixplätze habe.» Als Europacup-Gesamtsiegerin geniesst sie privilegiertes Startrecht in sämtlichen Disziplinen. Im letzten und vorletzten Winter bestritt sie auf Weltcup-Stufe ausschliesslich Slaloms – mit einem 9. Rang in Flachau im Januar 2013 als Bestresultat.

Doch die relevanten Fakten bleiben in den Schlussklassements verborgen: Bereits in ihrem allerersten Rennen qualifizierte sie sich locker als 17. für den Finaldurchgang und wurde erst kurz vor dem Ziel durch einen ärgerlichen Fehler um die Früchte ihrer Anstrengungen geprellt. Und im erwähnten Slalom von Flachau fuhr sie im zweiten Lauf Bestzeit. Das illustriert, wozu sie fähig wäre, wenn sie mit gleich langen Spiessen kämpfen kann wie die anderen. Zurzeit trägt sie noch 30er-Nummern.

Das grosse Europacup-Palmarès

Eindrucksvolle Beweise ihres Talents lieferte sie im Europacup, wo sie dreimal gewann und siebenmal auf dem Podest stand. Bei ihrem Triumph in Kirchberg (Ö) verwies sie die WM-Zweite Michaela Kirchgasser und die Slalom-Queen Marlies Schild auf die Plätze – und das nicht zu knapp. Ihr Vorsprung betrug beinahe eine Sekunde. Auch bei den Europacuprennen in Levi im letzten Jahr überzeugte sie mit einem 2. und 3. Rang – ein gutes Omen für das Rennen von heute.

Im vorgängigen Weltcup-Slalom von Levi 2013 schied sie nach einem 10. Rang im ersten Lauf aus. «Es war damals mein erstes Rennen des Winters», sagt Gisin, «heuer habe ich die Premiere mit dem ganzen Rummel, der Anspannung und Nervosität dank dem Riesenslalom von Sölden bereits hinter mir. So kann ich Levi locker angehen.» Aus dem als Saisonprolog gedachten «Aufwärm»-Rennen entstand zwar ein grösserer Rummel als progammiert, weil niemand, auch sie nicht, mit einem solchen Topresultat rechnete.

«Ich bin überwältigt», entfuhr es ihr nach ihrem 17. Rang (mit Startnummer 65!) in ihrem ersten Weltcup-Riesenslalom. Final-Qualifikationen gleich beim Debüt, und das im Slalom und Riesenslalom, das schaffte nicht einmal Mikaela Shiffrin – Lindsey Vonn erst recht nicht.

Alle Türen stehen offen

An der tollen Form von Michelle Gisin trägt auch Väterchen Staat seinen Anteil. «Ich war», so Gisin, «zusammen mit Priska Nufer, Joana Hählen, Jasmin Flury und Andrea Thürler in der Spitzensport-RS in Magglingen. Die Trainingsmöglichkeiten waren Weltklasse. Es war eine Hammer-Zeit». Vor allem Kondition hat sie gebüffelt, bis zum Abwinken: «Die Tonnen, die ich gestemmt habe, habe ich nicht gezählt, aber es waren extrem viele. Hinterher musste ich büssen, eine Zeit lang ging gar nichts mehr.»

Dass ihr Körper bei extremen Belastungen auch mal rebellieren kann, erlebte Gisin im letzten Winter: «Gegen Ende der Saison hatte ich eine Entzündung in der Hüfte, sodass ich einige Rennen auslassen musste. Das waren wohl die Folgen der Anspannung: Vieles kam vom Kopf und hatte einen psychosomatischen Zusammenhang. Ich war völlig ausgepowert. Drei Monate hat es gedauert, bis sie das Gefühl hatte: Jetzt stimmt wieder alles».

Für den Europacup-Final hätte sie «die letzte Energie zusammengekratzt». Es hat sich gelohnt. Dank dem Gesamtsieg stehen ihr alle Türen offen. Und wenn sie ihr Temperament zügeln, ihre Energie bündeln kann und den «Motor» nicht wieder überdreht, können die Türen zum grossen Portal aufgehen.

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