Schon rein statistisch ragt der junge Mann aus dem Val Hérémence heraus, der am 29. Oktober 18-jährig wurde. Vor ihrem 18. Geburtstag stiegen nur Pirmin Zurbriggen und Joël Gaspoz in den Weltcup ein. Zurbriggen war 17 Jahre und 11 Monate alt, als er sein Debüt gab. Der Rest ist bekannt: Olympiasieger, Weltmeister und 40 Weltcupsiege.

Gaspoz war bei seinem Einstand sogar erst 17 Jahre und 2 Monate alt und stand sechs Wochen später in Adelboden bereits auf dem Podest. Sieger Ingemar Stenmark prophezeite: «Joël wird einmal mein Nachfolger». Gaspoz gewann zwar sieben Weltcuprennen. Von einem Sturz beim drittletzten Tor im WM-Riesenslalom 1987 in Crans-Montana mit deutlichem Vorsprung erholte er sich mental aber nie mehr richtig und beendete seine Karriere vorzeitig.

Ein schneller Aufstieg

Allein aus solcher Optik machen die Perspektiven von Loïc Meillard fast bange. Wird heute am Chuenisbärgli eine Jahrzehnt-Karriere lanciert? Selbst der mit Komplimenten stets zurückhaltende Osi Inglin, einstiger Cheftrainer der Schweizer und heute verantwortlich für das C-Kader, in das Meillard als einziger Westschweizer eingeteilt ist, sagt überzeugt: «Skifahrerisch hochbegabt, ein Musterathlet mit einer guten Einstellung, die jedem Trainer Freude macht. In den FIS-Rennen hat er gezeigt, dass er in allen Disziplinen auf unterschiedlichsten Pisten schnell fahren kann.»

Fast immer klassierte sich Meillard in den FIS-Rennen in den Top-Ten, sodass er schon bald Europacup-Aufgebote erhielt. Im ersten Einsatz in einer Super-Kombination wurde er gleich vierter, und im Dezember verblüffte er in seinem ersten und einzigen Europacup-Riesenslalom in Pozza di Fassa mit der Startnummer 47 mit einem 9. Rang. Nun steigt er in Adelboden in der Direttissima in den Weltcup auf. «Das ist auch für mich eine Überraschung – aber eine schöne», schmunzelt Loïc Meillard: «Die harte Arbeit im Sommer zahlt sich aus».

Inglin hat keine Angst, dass Meillard überfordert sein könnte: «Für sein Alter ist er sehr reif und im hohen Masse selbstständig. Er konzentriert sich auf das Wesentliche. Wenn es mal nicht läuft, stürzt für ihn nicht die ganze Welt zusammen». Meillards Philosophie tönt fast altklug: «Fehler gehören zum Skisport. Die macht jeder. Daraus kann man lernen.» Trotz Fokussierung ist der Skisport für ihn nicht alles. Daneben absolviert er eine Banklehre, «weil man im Skisport nie genau weiss, was passiert. Eine Verletzung kann alles infrage stellen.»

Das erlebte Justin Murisier, der vor fünf Jahren ähnlich früh wie Meillard in den Weltcup gehievt wurde und mit zwei Kreuzbandrissen praktisch drei Saisons verlor. Murisier verpasste bei seinem Debüt den zweiten Lauf nur um fünf Hundertstel. Ein solcher Exploit ist, bei fairen Bedingungen, heute auch Meillard zuzutrauen: Auf Platz 112 ist der Westschweizer im Weltranking mit Abstand der Beste seines Jahrgangs 1996, dazu auch die Nummer 1 in der Superkombination, die Nummer 3 im Super-G und die Nummer 5 in Slalom und Abfahrt.

Auch die Schwester ist schnell

Vor sechs Jahren sind seine Eltern von Neuenburg ins Val d’Hérémence umgezogen, wo sie immer schon ein Appartement besassen und Loïc von klein auf Ski fuhr. Sein Vater war ebenfalls ein sehr schneller Skifahrer und sogar einmal Schweizer Meister – im Speedski. Mit einem Tempo von 213,777 km/h gehört er zum erlauchten Klub jener, die schon mal offiziell mit über 200 Sachen über Skipisten gebrettert sind.

Trotz skisportlicher Vergangenheit gehören Mutter und Vater Meillard, der in Neuenburg ein Elektrogeschäft betrieb, nicht zu den Skisport-Eltern, die den Karrierenverlauf ihrer Schützlinge mit der Lupe genau überwachen – obwohl Tochter Mélanie ebenso talentiert und die Nummer 1 mit Jahrgang 1998 ist. «Die Eltern kommen im Frühling einmal», sagt Inglin, «sagen Grüssgott und gehen wieder.» Sie wähnen ihre Schützlinge in kompetentem Umfeld: Skiklub-Präsident von Hérémence ist der Ex-Weltcup-Crack Luc Genolet, Trainer beim NLZ Brig war Thierry Meynet, der einst sechs Slalom-Fahrerinnen in die Top 17 brachte.

Und noch ein gutes Omen: Der letzte Westschweizer Adelboden-Sieger war Didier Cuche, ein Neuenburger wie Loïc Meillard, auch wenn dieser längst als Walliser gilt.