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So einsam feiern die Young Boys den Meistertitel im Wallis – St. Gallen zeigt sich als fairer Verlierer

Der Meisterjubel: Die Young Boys feiern im Tourbillon ihren 14. Titel.

Der Meisterjubel: Die Young Boys feiern im Tourbillon ihren 14. Titel.

Während sich die YB-Spieler bei der Meisterfeier selber hochleben lassen müssen, applaudieren die St. Galler Fans ihren Akteuren für eine starke Saison.

Es ist eine Meisterfeier, wie sie die Schweiz noch nicht gesehen hat. Diesmal feiern die YB-Spieler ganz alleine. In diesem Jahr, in dem alles so anders ist, ist auch die Meisterfeier ungewohnt. Normalerweise würden nach einer solchen Saison Tausende von Berner Fans mit ins Wallis reisen, um ihre Helden hochleben zu lassen. Nun singen die Spieler selber. Die YB-Spieler reihen sich kurz nach Spielschluss wie für ein Klassenfoto vor der Haupttribüne auf und singen jenes Lied, dass die Fans auch gerne für ihre Helden gesungen hätten: «Fuessballschwiizermeister, Fuessballschwizermeister, BSC.» Sie schreien die Botschaft in die Walliser Nacht hinaus. Wieder hat es geklappt mit dem Titel für YB, zum dritten Mal in Folge.

Dabei ist es für den Titelverteidiger keine leichte Saison gewesen. Zunächst gab es viele Verletzte im Herbst, später die Coronapause, dazu kam ein hartnäckiger Konkurrent aus St. Gallen. YB hält den Fokus, ist in der entscheidenden Schlussphase das konstanteste Team. Bei diesem letzten Schritt zum Titel müssen die Berner aber nochmals zittern. 1:0 für YB steht es auf der Anzeigetafel, als sich die Ersatzspieler von der Tribüne erheben. Zum einen, weil sie schon bereit sind für die Feier. Zum anderen aber auch, weil es durchaus nervöse Minuten sind. Die Young Boys spielen auf den letzten Metern überhaupt nicht so, wie man dies kennt. Längst schlagen sie die Bälle nur noch lang, igeln sich in der eigenen Platzhälfte ein. Trainer Gerardo Seoane sollte später erklären, die Spieler hätten in der Schlussphase begonnen zu realisieren, wie nah der Titel sei.

Als der Schlusspfiff schliesslich ertönt, fällt die ganze Last von den Schultern der Akteure ab. Die Last eines intensiven Spiels. Aber vor allem auch die Last einer intensiven Saison. «Wir mussten am Schluss nochmals mitleiden, aber darum ist nun die Freude umso grösser. Wir geniessen den Moment riesig», sagt Seoane. Der zweimalige Meistertrainer hob als erstes jene Spieler hervor, die zur Titelpremiere kamen. Einer davon ist Captain Fabian Lustenberger. Endlich einen Titel zu holen sei unbeschreiblich, sagt er. «Ganz realisiere ich es gar nicht. Und ja, vielleicht hatten wir nicht die Souveränität und Überlegenheit der letzten zwei Jahre, aber wir sind Meister geworden und das zählt.»

Nicht nur die Überlegenheit der Berner war in dieser Saison kleiner als in den letzten Jahren, auch die Meisterfeier findet wegen den Coronaeinschränkungen im kleineren Rahmen statt. Schon die Feier auf dem Platz ist so anders, als man es sich von YB gewohnt ist. Nichts erinnert an jene feuchtfröhlichen Nacht in Bern im April 2018, als sich die Young Boys erstmals seit 32 Jahren wieder zum Titel krönten. Damals waren alle Dämme gebrochen, bis tief in die Nacht hatten die Spieler mit Tausenden von Fans im Wankdorf-Stadion gefeiert. Diesmal sind es die Akteure selber, gemeinsam mit ihrem Staff und genau sechs YB-Fans, welche die Spieler auch noch eine Weile nach Spielschluss im Stadion in Sion feiern.

In den vorangegangenen 90 Minuten hatten die Berner nicht gerade ein Meisterstück abgeliefert. Spielerisch überzeugt YB auch gegen Sion nicht, siegte aber wie zuletzt gegen Xamax und Luzern erneut mit 1:0. Für einmal zeichnete sich aber aber nicht der 30-fache Saisontorschütze Jean-Pierre Nsame als Siegtorschütze aus. Christopher Martins hatte in der 14. Minute alle im Stadion, insbesondere aber Sion-Keeper Kevin Fickentscher, überrascht. Aus spitzem Winkel hämmert er den Ball in die Maschen. Eigentlich wäre es eine frühe Führung, die viel Sicherheit hätte geben können. Doch Sion wehrt sich gegen die drohende Barrage. Mit viel Kampf und Leidenschaft, aber einem gewissen Manko an Kreativität kommen die Walliser dem Ausgleich nah, realisieren ihn aber nicht. Zwei, dreimal braucht es die Reflexe von David von Ballmoos im YB-Tor.

Es ist kurz vor 23 Uhr, als sich jener David von Ballmoos auf den Rasen im Tourbillon setzt. Alleine sitzt er da, nur noch einige wenige Menschen sind auf der Tribüne. Er schaut auf sein Handy, wo wohl einige Glückwunschnachrichten auf ihn warten. Plötzlich singt er für sich alleine: «Fuessballschwiizermeister, Fuessballschwiizermeister, Fuessballschwiizermeister, BSC».

St. Galler Gala, die nichts nützt

Cedric Itten und Ermedin Demirovic feiern den Kantersieg gegen Neuchâtel Xamax.

Cedric Itten und Ermedin Demirovic feiern den Kantersieg gegen Neuchâtel Xamax.

Es war noch einmal ein berauschender Abend in St.Gallen. 6:0 gewann Grün-Weiss gegen ein Xamax, das nie wusste, wie ihm geschah. 10:0 hätte es eigentlich heissen müssen. Wirklich kümmern musste das am Ende niemanden. Die verpasste Finalissima? Fast bei niemandem ein Thema. Es überwog der Stolz auf das, was der Verein im letzten Jahr erleben durfte.

Die 1000 Fans, die ins Stadion kommen durften, liessen ihre Helden noch einmal hochleben. Lukas Görtler schenkte einem Fan seine Schuhe. Ermedin Demorovic durfte bei seinem Abschiedsspiel im Kybunpark noch einmal Sonderovationen entgegen nehmen. Sportchef Alain Sutter war stiller Geniesser mit Dauerlächeln auf der Tribüne. Es schien, als wäre der ganze FC St.Gallen mitsamt Umfeld im Reinen mit sich und der Welt.

Präsident Matthias Hüppi gelang es, innert 30 Sekunden Redezeit folgende Wörter aneinander zu reihen: grossartig, fantastisch, Enthusiasmus, Energie, Leidenschaft, Freude. Mehr braucht man über diesen FCSG Ausgabe 2019/20 eigentlich gar nicht zu wissen.

Trainer Peter Zeidler rief kurz bevor sich der Tross auflöste in Erinnerung: «Können Sie mir ein anderes Stadion in Europa nennen, wo die Fans den Präsidenten mit Sprechhören hochleben lassen?» Auch er war in bester Laune, Komplimente zu verteilen: «Heute ist vielleicht der Moment, einmal ganz besonders zu betonen, wie stolz ich bin. Auf die Spieler. Den Staff. Die Fans. Das Umfeld. Auf alles.»

Natürlich, dass auch sie Züge des Menschlichen aufweisen, wollten die St.Gallen Exponenten nicht verschweigen. Lukas Görtler etwa sagte: «Ein einziges Spiel fehlt zur Finalissima. Das ist schon bitter.» Und auch Zeidler gab zu: «Klar denke ich ab und zu noch an den Elfmeter in diesem wahnsinnigen Spiel gegen YB kurz vor Schluss.» Wäre dieser nicht wiederholt worden, St.Gallen hätte das Spiel 3:2 gewonnen und es käme zur Finalissima.

Auch Cédric Itten, der seinen ersten Hattrick in der Super League erzielte, erinnerte an das YB-Spiel und den Penalty, sagte St.Gallen hätte die Finalissima wohl verdient, fügte aber offen und ehrlich an: «Ich denke, über die Saison haben sich die strittigen Situationen ausgeglichen. Und wir hätten genügend Möglichkeiten gehabt, die nötigen Punkte zu holen.» Die Worte sprechen für ihn.

Vielleicht kommt am nächsten Montag rund um St.Gallen etwas Wehmut auf, dass diese aussergewöhnliche Saison nun endet. Auch wenn es nicht mit dem grossen Finale ist. Aber wie sagt doch Trainer Zeidler: «Immerhin haben wir uns damit noch ein bisschen Luft nach oben gelassen. Vielleicht erleben wir das ja dann doch noch irgendwann.» Dass er sogleich anfügte, dass er die Latte nicht allzu hoch legen möchte, sei fairerweise aber auch erwähnt.

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