Eishockey
Vom Freund und Trauzeugen «verraten»: Raeto Raffainer in der Bredouille

Raeto Raffainer ist die zentrale Figur beim SC Bern. Das bringt ihn in den Pre-Playoffs gegen den HC Davos in eine schwierige Situation. Kippt er mit dem SCB seinen ehemaligen Klub aus dem Wettbewerb, schadet er auch seinem Freund Christian Wohlwend.

Klaus Zaugg
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SCB-Obersportchef Raeto Raffainer (links) im Gespräch mit Journalist Klaus Zaugg im Ilfisstadion.

SCB-Obersportchef Raeto Raffainer (links) im Gespräch mit Journalist Klaus Zaugg im Ilfisstadion.

Marcel Bieri/Keystone

Wie viel Einfluss hat ein einziger Mann in einem Geschäft, das sich gerne als letzter wahrer Mannschaftssport zelebriert? Wenn wir an all die Explikationen zum Thema denken – «wir siegen und verlieren als Team» – müssten wir eigentlich sagen: keinen. Die Praxis unterscheidet sich erheblich von der Theorie.

Im Januar verlässt Raeto Raffainer (39) den HC Davos, um Obersportchef beim SC Bern zu werden. Natürlich nicht wegen des Geldes. Sondern wegen der neuen Herausforderung. In Davos war er nur Sportchef. In Bern wird er Obersportchef. Es ist ein Wechsel, der die Hockeylandkarte verändert. Am Tag, an dem Raffainer sein SCB-Büro bezieht, hat der Meister exakt 1,0 Punkte pro Spiel geholt. Am Ende werden es 1,167 sein. Genug für Platz 9 und die Pre-Playoffs gegen den HCD (8.). Mit 1,0 Punkten hätte es nicht gereicht.

Was hat sich durch Raeto Raffainers Ankunft in Bern verändert? Hüten wir uns vor Polemik und «Heldenverehrung», und begnügen wir uns mit Fakten. Gut drei Wochen nach seiner Ankunft erwacht der SCB aus einer Art Agonie und transferiert: Aus Lausanne kommt Cory Conacher. Der Kanadier wird zur zentralen Figur der «Auferstehung» und ist mit 1,19 Punkten pro Spiel mit Abstand der produktivste SCB-Spieler der Saison. Natürlich betont der Obersportchef, er habe nichts mit dem Transfer zu tun. Das habe alles Untersportchefin Florence Schelling eingefädelt. Ganz so, wie es ihm Manager und Mitbesitzer Marc Lüthi eingeschärft und aufgetragen hat. Wer’s glaubt, zahlt einen Taler.

Der SCB-Obersportchef ist ein grosser Kommunikator. Fast (aber nur fast) wie Ralph Krueger. Auch er hat verstanden, dass Kommunikation Sauerstoff und Energiespender in diesem Geschäft sein kann. Seine offene, unkomplizierte Art hat im erstarrten SCB-Innenleben Tauwetter ausgelöst. Perestroika. Raeto Raffainer ist es gelungen, die Schockstarre aufzulösen, die den SCB nach der Entlassung von Kari Jalonen, dem Verpassen der Playoffs im Frühjahr 2020 und der unglücklichen Trainerwahl (Don Nachbaur) erfasst hatte. Mit ihm ist das Vertrauen in die sportliche Führung zurück. Der SCB ist auf bescheidenem Niveau wieder konkurrenzfähig.

Eigentlich wollte er für ein paar Tage abtauchen

Raffainer und seine Art tun dem SCB gut. Er könnte entspannt den Pre-Playoffs entgegensehen. Aber der Gegner ist der HC Davos. Der Klub, der ihm eigentlich am Herzen liegt. So hat er es jedenfalls immer und immer wieder erklärt, als er im Frühjahr 2019 die Beamtenstelle als Verbandssportdirektor aufgegeben hatte, um den HCD-Neuaufbau nach der Ära Del Curto zu orchestrieren. Er hat in Davos seinen Freund Christian Wohlwend (44) installiert. Der HCD-Trainer ist mehr als sein Hockey-Kumpel. Die beiden Engadiner sind seit Jahren weit übers Hockey hinaus befreundet. Raffainer war Trauzeuge bei Christian Wohlwends Hochzeit und ist der Götti des neunjährigen Tim Wohlwend.

Kippt Bern Davos aus dem Wettbewerb, wird die Autorität des HCD-Trainers die ersten Risse bekommen; seine dritte Saison in Davos könnte eine ganz, ganz schwierige werden. Und der «Verrat» seines Freundes und Trauzeugen wäre daran mitschuldig. Auch der Hinweis, der HCD habe doch nach seinem Abgang den Punkteschnitt noch verbessert, würde Raeto Raffainer nicht helfen. Es wäre nicht zu verhindern, dass das böse Wort «Verrat» ausgesprochen wird. Nicht im direkten Gespräch. Aber im Fuchsbau des renovierten HCD-Stadions.

Seit Anfang 2021 arbeitet Raeto Raffainer für den SC Bern.

Seit Anfang 2021 arbeitet Raeto Raffainer für den SC Bern.

Anthony Anex/Keystone

Diese Pre-Playoffs machen Raeto Raffainer zum Medienthema. Die Absicht, für ein paar Tage von der Bühne zu verschwinden und das Hosentelefon abzuschalten, hat er nicht in die Tat umgesetzt. «Ich werde bei den Spielen im Stadion präsent sein.» Er ist rhetorisch so begabt, dass er nicht durch unbedachte verbale Ausrutscher die Davoser oder – noch schlimmer – die Berner gegen sich aufbringt. Von irgendwelchen sportlichen Einschätzungen hütet er sich wohlweislich. Und nun hilft ihm die Freundschaft mit dem HCD-Trainer. Auf die Frage, wann er mit Christian Wohlwend zuletzt gesprochen habe, sagt er: «Letzte Woche.» Und worüber haben Sie sich mit ihm unterhalten? «Über seinen Sohn Tim.» So ist er fein raus.

Bleibt noch die sportliche Einschätzung, vor der sich der SCB-Obersportchef hütet. Nun, die Berner sind zwar langsamer als die Bündner. Logisch. Aber sie sind defensiv solider, rauer und haben die besseren Torhüter. Das bedeutet auch in den Pre-Playoffs das Weiterkommen. Der SCB ist 80:20 Favorit. «Wir werden sehen», sagt ­Raeto Raffainer, ganz Diplomat, zu dieser Prognose.