Fangewalt
Keine Gästefans, keine Stehplätze, personalisierte Tickets: So stellt sich der Bundesrat die Schweizer Fussballstadien vor

Der Bundesrat fordert in einem Bericht, dass die Fans künftig härter angefasst werden sollen - und wird dafür kritisiert, etwa von den Städten.

Dominic Wirth
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Die Fans sagen Nein, der Bundesrat Ja: Die Debatte um die personalisierten Tickets birgt viel Zündstoff.

Die Fans sagen Nein, der Bundesrat Ja: Die Debatte um die personalisierten Tickets birgt viel Zündstoff.

Keystone

Er hat zwar in der Angelegenheit nicht viel zu sagen, weil die Fussballspiele in der Verantwortung der Kantone und Städte liegen. Doch weil er vom Parlament dazu aufgefordert wurde, hat sich der Bundesrat zum Thema Fangewalt geäussert. Die Form: Ein Bericht. Der Inhalt: Sehr brisant.

Mit «Bekämpfung des Hooliganismus» ist das Dokument überschrieben. Darin kommt der Bundesrat zum Schluss, dass die Kantone - namentlich über das Hooligan-Konkordat - genug Instrumente zur Verfügung haben, um Fangewalt zu verhindern. Und es folglich keine neuen Kompetenzen für den Bund braucht.

Eines macht der Bundesrat aber sehr deutlich: Er findet, dass die Kantone derzeit zu wenig machen. Er fordert sie einerseits auf, bestehende Instrumente wie Meldeauflagen für gewalttätige Fans öfter zu nutzen, mehr Personal bei der Täteridentifikation einzusetzen und den Dialog mit Fans zu verbessern. Und er schreibt, dass Massnahmen, die im Zuge des Corona-Pandemie eingeführt worden waren, «nach Auffassung des Bundesrates flächendeckend weiterzuführen» seien.

Die Fans befürchten schon länger schärfere Regeln

Zu diesen Massnahmen gehörten etwa die Abschaffung der Stehplätze, ein Verbot von oder Restriktionen bei den Gästefans und personalisierte Tickets. Das alles soll nun in den Augen des Bundesrats Normalzustand werden. Das ist dicke Post aus Bern, gerichtet an die Vereine und, allen voran, an die Fussballfans. Sie haben die Pandemie-Massnahmen zwar stets kritisiert, aber doch akzeptiert - und gleichzeitig davor gewarnt, sie dauerhaft einzuführen. Das werde man «entschieden bekämpfen», schrieben verschiedene Fangruppen schon 2020.

Sportministerin Viola Amherd.

Sportministerin Viola Amherd.

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Jetzt geht der Bundesrat auf Konfrontationskurs - und wandelt damit auf einem Pfad, den die Sportministerin Viola Amherd schon länger beschreitet. So sprach sich die Walliserin mehrmals für die Einführung personalisierter Tickets aus.

Diese Forderung haben im letzten Herbst auch die kantonalen Polizeidirektoren (KKJPD) verabschiedet. Von einem Verbot von Gästefans und Stehplätzen war damals jedoch nicht die Rede. Florian Düblin, der KKJPD-Generalsekretär, sagt, man sei mit Erkenntnissen des bundesrätlichen Berichts «grundsätzlich einverstanden». «Auch wir finden, dass man den Kampf gegen die Gewalt im Umfeld von Sportanlässen verstärken muss», so Düblin. Die konkreten zusätzlichen Massnahmen müssten aber im Rahmen der nun anstehenden Arbeiten gemeinsam mit der Fussballliga SFL geprüft werden.

Damit ist schon gesagt, dass der Positionsbezug des Bundesrats gut getimt erfolgt. Denn seit im letzten Herbst Anhänger des FC Zürich Pyro-Material in den Sektor der Fans von Stadtrivale GC warfen, wird in der Schweizer wieder einmal über die Einführung von personalisierten Tickets diskutiert.

Die Uneinigkeit der Bewilligungsbehörden

Als die KKJPD im Herbst ihre Forderung formulierte, tat sie das unter dem Eindruck der Geschehnisse in Zürich. Es klang damals so, als sei die Einführung nur eine Frage der Zeit; als Termin wurde da gar die Mitte Juli beginnende neue Saison genannt. Doch letztlich entscheiden nicht die kantonalen Polizeidirektoren, welche Regeln für Fussballfans gelten. Sondern die jeweils zuständigen Bewilligungsbehörden an den Standorten der Fussballklubs.

Gemeinsame Massnahmen sind dabei das Ziel - und werden in einer Arbeitsgruppe abgesprochen. Dort sitzen je nach Zuständigkeiten kantonale Vertreter, etwa aus Luzern, aber auch solche aus den Städten Bern, St. Gallen oder Zürich. Und es waren dem Vernehmen nach zwei Vertreterinnen von Städten, die bei den personalisierten Tickets auf die Bremse standen: Karin Rykart, Sicherheitsdirektorin der Stadt Zürich, und ihre Amtskollegin Sonja Lüthi aus St. Gallen.

Sonja Lüthi, St. Galler Sicherheitsdirektorin

Sonja Lüthi, St. Galler Sicherheitsdirektorin

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Sie machten sich an der Seite der Fussballliga dafür stark, dass vor der Einführung der personalisierten Tickets zuerst eine Machbarkeitsstudie durchgeführt wird. Zuletzt äusserte sich die Arbeitsgruppe Bewilligungsbehörden dazu vor zwei Wochen - und klang weniger verbindlich als auch schon.

Und jetzt also der bundesrätliche Bericht. Darin findet sich neben Forderungen auch das Angebot des Bundes, die Kantone künftig stärker zu unterstützen, etwa mit der Weiterentwicklung der Hooligan-Datenbank Hoogan. Sonja Lüthi, die St. Galler Stadträtin, die auch Co-Präsidentin der Konferenz der städtischen Sicherheitsdirektorinnen ist, sieht die Forderungen aus Bern kritisch. «Der Bundesrat fordert mehr Repression, aber auch mehr Dialog - ich bin skeptisch, ob das zusammengeht», sagt Lüthi.

Würden die Forderungen des Bundesrats umgesetzt, träfe das die Vereine hart. Bei der Fussballliga SFL will man sich vorderhand nicht äussern zum Bericht der Regierung.

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