Schweizer Sportler des Jahres

Sports Awards 2016: Gut und Cancellara sind die Schweizer Sportler des Jahres

In Zürich fanden am Sonntagabend die Credit Suisse Sports Awards statt. Fabian Cancellara und Lara Gut wurden als Schweizer Sportler und Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Zum Abschluss des Jahres feierte sich der Schweizer Sport im Rahmen einer TV-Gala selbst.

Sportler des Jahres

Olympiasieger Fabian Cancellara ist der Sportler des Jahres 2016.

Olympiasieger Fabian Cancellara ist der Sportler des Jahres 2016.

Einen besseren Abgang als jenen von Fabian Cancellara hat es in der Sportwelt noch nicht oft gegeben. Der Berner krönte seine aussergewöhnliche Karriere in Rio de Janeiro mit dem zweiten Olympiagold im Zeitfahren nach 2008 - ein Rücktritt auf dem absoluten Höhepunkt.

Etwas beweisen hätte Cancellara in seiner letzten Saison als Radprofi niemandem mehr müssen. Zu viel hatte er in den 15 Jahren davor erreicht, zu viele glanzvolle Siege errungen, um nicht als einer der erfolgreichsten Rennfahrer in die Geschichte des Radsports einzugehen. Doch der 35-Jährige Ausnahmeathlet trat mit einem perfekten Auftritt von der grossen Bühne ab.

Nach einer Saison, die für seine Verhältnisse alles andere als optimal gelaufen war und in der er keinen wirklich grossen Sieg mehr hatte feiern dürfen, schrieb Cancellara am Strand von Rio in seinem letzten wichtigen Rennen ein Kapitel Sportgeschichte. In der Disziplin, in der er gross geworden war, zeigte er sich noch einmal unwiderstehlich und dominierte die Prüfung gegen die Uhr «à la Cancellara».

Kaum jemand hatte ihm diesen Coup zugetraut. Cancellara verstand es aber ein letztes Mal, all die Leiden auf sich zu nehmen, um am Tag X die absolute Topform zu erreichen. Der Lohn war ein Triumph, der über allem steht, was er davor erreicht hatte. Und Cancellara gewann immerhin je dreimal die Flandern-Rundfahrt und Paris - Roubaix, vier WM-Titel im Zeitfahren, elf Etappen an der Tour de Suisse und acht Teilstücke an der Tour de France.

In seiner zweiten Karrierehälfte hatte Cancellara nicht mehr derart klar auf die Zeitfahren gesetzt wie zu Beginn. Sein letzter grosser Sieg in einer langen Prüfung gegen die Uhr lag vor Rio drei Jahre zurück (2013 an der Vuelta), der letzte WM-Titel gar sechs. Zum Abschied setzte er aber noch einmal auf seine Spezialdisziplin - und sagte mit der Klasse eines Champions: «Tschou zäme».

Sportlerin des Jahres

Lara Gut hat allen Grund zum Jubeln: Sie ist die Schweizer Sportlerin des Jahres 2016

Lara Gut hat allen Grund zum Jubeln: Sie ist die Schweizer Sportlerin des Jahres 2016

Lara Gut hat sich mit dem Gewinn des Gesamtweltcups endgültig im Kreis der ganz Grossen im Skizirkus etabliert. Für die Tessinerin hat die Wahl zur Sportlerin des Jahres doppelte Bedeutung.

Mit ihren Ergebnissen im vergangenen Winter lieferte Lara Gut genügend Argumente, um als beste Schweizer Sportlerin 2016 ausgezeichnet zu werden. Als erste Schweizer Alpine seit 21 Jahren und Vreni Schneider - und als erst siebente Fahrerin von Swiss-Ski überhaupt - durfte sie die grosse Kristallkugel entgegennehmen. Dazu entschied sie die Super-G-Wertung für sich. Mit sechs Siegen in vier Disziplinen und insgesamt 13 Klassierungen unter den ersten drei weist auch ihre saisonale Bilanz imposante Werte aus.

Dass ihre stärksten Konkurrentinnen, die Österreicherin Anna Fenninger, die nach ihrer Heirat ihr Comeback als Anna Veith geben wird, die Slowenin Tina Maze oder die Amerikanerinnen Lindsey Vonn und Mikaela Shiffrin, den gesamten Winter verpasst haben oder teilweise ausgefallen sind, schmälert den Wert von Lara Guts Gesamtsieg in keiner Weise.

Bei Sportlerwahlen sind die Leistungen bekanntermassen nicht immer das einzige Kriterium. Neben den sportlichen Aspekten wird beim Athleten oder der Athletin auch das Menschliche ins Votum miteinbezogen. Lara Gut im Besonderen kann ihre Wahl als deutliches Zeichen werten, in der Gunst von Fachleuten und Publikum einen Schritt nach vorne getan zu haben.

Die Sympathie-Werte von Lara Gut in der Öffentlichkeit waren lange nicht die besten gewesen. Mit ihrer forschen, gradlinigen Art hatte sie für manches Unverständnis gesorgt und grossflächig Raum zur Kritik geboten. Doch die Hochbegabte ist mittlerweile auch als Person gereift. Der Spagat zwischen der kompromisslosen, auf den Erfolg fokussierten Athletin und dem nahbaren Menschen ist ihr gelungen.

Trainer des Jahres

Zoltan Jordanov zusammen mit Giulia Steingruber an den olympischen Spielen in Rio.

Zoltan Jordanov zusammen mit Giulia Steingruber an den olympischen Spielen in Rio.

Der Höhenflug der Schweizer Kunstturnerinnen in den letzten Jahren hat einen Namen: Zoltan Jordanov. Der 64-jährige Ungar führte als Nationaltrainer Ariella Kaeslin und Giulia Steingruber an die Weltspitze. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens tritt er ab.

Das Schweizer Frauen-Kunstturnen lag am Boden, als Zoltan Jordanov 2007 aus Grossbritannien zum Schweizerischen Turnverband stiess. Der Ungar mit britischem Pass folgte auf den Franzosen Eric Demay, gegen den sich die Athletinnen um Ariella Kaeslin aufgelehnt hatten.

Jordanov entwickelte sich zum Glücksfall für den STV. «Er prägte das Schweizer Frauen-Kunstturnen wie kein Zweiter seit den ’Martschini-Girls’ in den Siebzigerjahren», sagte Felix Stingelin, der Chef Spitzensport im STV. Unter Jordanovs Führung gelang Ariella Kaeslin der Aufstieg an die europäische Spitze. Als erste Schweizerin gewann sie 2009 Edelmetall an internationalen Titelkämpfen, 2010 folgte mit WM-Silber die nächste Premiere.

Giulia Steingruber knüpfte nach dem Rücktritt Kaeslins nahtlos an die Erfolge an. Fünf EM-Titel und vier weitere EM-Medaillen errang die Ostschweizerin und entwickelte sich unter Jordanov von der Sprung-Spezialistin zur Allrounderin. Der Höhepunkt folgte 2016 mit dem Gewinn von zwei EM-Titeln in Bern und der Olympia-Bronzemedaille am Sprung in Rio.

Die Medaille - es war auch Trainer Jordanovs erste an Olympischen Spielen - widmete Steingruber ihrem langjährigen Förderer. Einen besseren Trainer könne sie sich nicht vorstellen. Jordanov wusste, wann er seine Athletinnen fordern konnte. Er wusste aber auch, wann er die Belastung zu reduzieren hatte.

Auf dem Höhepunkt und mit etwas Wehmut tritt Jordanov, der einst slawische Sprachen und Sport studierte, Ende Jahr ab. «Es war der beste Entscheid meines Lebens, in die Schweiz zu kommen», sagte er.

Newcomer des Jahres

Armon Orlik überraschte am Schwingfest alle.

Armon Orlik überraschte am Schwingfest alle.

  

Zu Beginn der Schwingersaison 2016 war Armon Orlik nicht allgemein bekannt. Spätestens seit dem eidgenössischen Fest Ende August, als er Matthias Glarner im Schlussgang forderte, ist der junge Bündner aus Maienfeld in aller Munde.

Noch musste Orlik in Estavayer dem fast zehn Jahre älteren Glarner den Vortritt lassen. Aber schon kurz nach dem Schlussgang hob der neue Schwingerkönig aus Meiringen den Jungspund in den Adelsstand. Vor den 50’000 in der Arena sagte Glarner über Orlik, es sei «wahnsinnig, wie der schwingt». Ein wertvolleres Kompliment als das des Sportlehrers und Sportwissenschaftlers Glarner kann es nicht geben. Danach blickte der König noch in die Zukunft und sagte: «Armon hat das Potential, um unseren Sport in den nächsten Jahren zu dominieren.»

Tatsächlich hat der Bauingenieur-Student aus Maienfeld mit seinen 21 Jahren schon weit gebracht. In Bezug auf die Festsiege war der Newcomer des Jahres der erfolgreichste Schwinger des ablaufenden Jahres. Nebst drei Kantonalfesten im Nordostschweizer Verband gewann er das Nordostschweizer Teilverbandsfest, den Schwägalp-Schwinget und in der Fremde den ebenfalls zu den Bergkranzfesten gehörenden Weissenstein-Schwinget. Damit war ihm auch der 1. Rang in der Jahreswertung sicher.

Die Fachleute waren sich lange nicht einig, was die vielen Festsiege zu bedeuten hatten, zumal Orlik die meisten davon im eigenen Verbandsgebiet errang. Die Expedition zum Schwarzsee-Schwinget missriet. Er musste sich dort der Berner Übermacht beugen und ohne Kranz heimreisen.

Seit dem Auftritt am Eidgenössischen Fest wissen jedoch alle, wie sie Orliks Leistungsvermögen einzuschätzen haben. Er ist ein Topathlet, der, wenn er gesund bleibt, in den nächsten Jahren keinen anderen Bösen fürchten muss.

Behindertensportler des Jahres

Der Thurgauer Rollstuhlsportler Marcel Hug mit einer der Goldmedaillen, die er an den Sommer-Paralympics 2016 in Rio de Janeiro gewann.

Der Thurgauer Rollstuhlsportler Marcel Hug mit einer der Goldmedaillen, die er an den Sommer-Paralympics 2016 in Rio de Janeiro gewann.

Marcel Hug zählt seit Jahren zu den besten Rollstuhl-Leichtathleten der Welt. Diesen Sommer erfüllte er sich einen weiteren grossen Traum: In Rio de Janeiro durfte er sich die lang ersehnten ersten beiden Paralympics-Goldmedaillen umhängen lassen.

Dass Hug nach den Erfolgen von Brasilien zum vierten Mal in Serie und zum insgesamt fünften Mal als Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet worden ist, entspricht deshalb der Logik. Hug brachte von den Paralympics nicht nur die goldenen Auszeichnungen aus den Wettkämpfen über 800 m und aus dem Marathon nach Hause, sondern zusätzlich noch zwei Silbermedaillen (1500 und 5000 m).

Die Paralympics in Rio waren der bisherige Höhepunkt in der erfolgreichen Karriere von Marcel Hug. Der 30-jährige, in der Zentralschweiz lebende Thurgauer bezeichnete die Saison 2016 in seinem persönlichen Rückblick denn auch als erfolgreichste seiner 20-jährigen Laufbahn.

Die vier Medaillen von Rio waren nicht die einzigen Erfolge von Hug. Gleich zum Auftakt der Saison unterbot er in den Vereinigten Arabischen Emiraten seinen eigenen Weltrekord über 5000 m um vier Sekunden. Weil der Veranstalter es verpasste, die nötigen Formulare rechtzeitig einzureichen, wurde die Bestmarke aber nicht anerkannt. Hug entschied zudem die Gesamtwertung der erstmals durchgeführten Städte-Marathon-Serie «World Marathon Majors» für sich - mit notabene sechs (!) Siegen in Boston, London, Berlin, Rio, Chicago und New York.

Hug ist längst einer der Stars in der Szene. Der mit einem offenen Rücken (Spina Bifida) geborene Athlet widmet sein Leben seit der Kindheit dem Sport und ist einer der wenigen Profis unter den Rollstuhl-Leichtathleten. Auch wegen seiner besonnenen Art geniesst er weit herum Respekt und gilt er als Vorbild für den Rollstuhlsport.

Noch sind Hug die Ziele nicht ausgegangen. Kommendes Jahr peilt er den bereits 17 Jahre alten Weltrekord in seiner Paradedisziplin Marathon an. Und mit mindestens einem Auge schielt er bereits auf die Paralympics 2020 in Tokio.

Team des Jahres

Der Leichtgewichts-Vierer in Rio.

Der Leichtgewichts-Vierer in Rio.

Der Leichtgewichts-Vierer mit Mario Gyr, Simon Niepmann, Simon Schürch und Lucas Tramèr hielt dem enormen Druck an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro stand. Das Ruder-Quartett wurde dank einer Willensleistung souverän Olympiasieger.

Mit welcher Konsequenz die vier zu ihrem grossen ziel angetreten waren, zeigte sich in einer Szene: Vor den letzten 500 Metern wurde es Schlagmann Mario Gyr, dem wichtigsten Mann im Boot, schwarz vor Augen. Im Ziel wusste der 31-jährige Luzerner nicht, ob es zum Sieg gereicht hatte.

Die Mission Gold begann nach dem 5. Rang an den Olympischen Spielen 2012. «Wenn wir es machen, dann machen wir es richtig», sagten sich die vier Athleten nach London. Deshalb überliessen sie nichts dem Zufall, jedes noch so kleine Detail beachteten die Weltmeister von 2015 akribisch. In Rio wohnten sie nicht nur in einem Appartement in der Nähe der Strecke, sie hatten zum Beispiel auch einen eigenen Koch dabei.

Eigentlich konnte das Quartett nur verlieren. «Wenn in einer Umfrage 98 Prozent von allen Schweizern verlangen, dass wir eine Medaille gewinnen, und davon 90 Prozent Gold, dann ist es nicht einfach», brachte es Gyr nach dem Triumph auf den Punkt. Unter diesen Voraussetzungen zu bestehen, ist eine Tugend, die nur wenige besitzen. Den grössten Druck machten sich die vier selbst. Nie liessen die Athleten einen Zweifel offen, dass für sie nur der oberste Podestplatz gut genug ist.

Das Schweizer Paradeboot liess sich auch von Rückschlägen nicht vom Weg abbringen. So musste sich Gyr Anfang 2015 zwei Nierenoperationen unterziehen, in diesem Mai zog er sich zudem einen Rippenbruch zu. Das schwache Abschneiden im Vorlauf, als sie nur auf Platz 3 ruderten, brachte die Schweizer ebenfalls nicht aus der Ruhe. Sie trotzten am Tag X auch den schwierigen Bedingungen in Form von Gegenwind - mit Überzeugung und Hartnäckigkeit. 

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