Polo Hofer nahm in Bern das letzte Tram. Mathias Seger fuhr am 18. April 2012 in Zürich mit dem Tram mitten durch die morgendliche Rushhour. Der ZSC-Captain war nach der Meisterfeier auf dem Heimweg – mit dem grossen gelben Pokal vor den Füssen: «Weshalb sollte ich ein Taxi nehmen, die nächste Tramstation war ja gleich in der Nähe», lieferte er die Erklärung. Seine Sitznachbarin im «Elfer» sagte den Medien später: «Ich hielt die Trophäe für einen Schirmständer.»

In diesem Jahr wird Mathias Seger den hässlichen Staubfänger kaum in die Hände kriegen. Obwohl die ZSC Lions zuletzt aus ihrer sportvirtuosen Selbstgefälligkeit ausbrachen, dürfte seine Karriere in den nächsten Wochen ohne Champagner und Meisterzigarre zu Ende gehen – still und leise, unauffällig und etwas melancholisch. Wie ein Tram, das spätabends ins Depot fährt.

Es wäre ein unpassender Schlusspunkt für einen Spieler, der Massstäbe setzte. Seger wurde fünfmal Meister, gewann die Champions League und den Victoria Cup – er nahm an 15 WM-Turnieren und 4 Olympischen Winterspielen teil.

Er hat mehr Länderspiele für die Schweiz und mehr Partien in der NLA absolviert als jederandere. Seit 19 Jahren trägt er das Trikot des ZSC. Auf seine entgangene Nordamerika-Karriere angesprochen, sagte er: «Als ich jung war, wusste ich gar nicht so richtig, was die National Hockey League ist.»

Doch Seger wird auch so als herausragende Figur in die Geschichte des Schweizer Eishockeys eingehen. Während sein langjähriger Verteidigerpartner Mark Streit die Welt eroberte, blieb Seger der König im Dorf.

Er trug unter der Ausrüstung ein Trikot des EHC Flawil, gehörte auf dem Zeltplatz am Open Air St. Gallen zu den Stammgästen, als er sich auch eine Suite im «Baur au Lac» hätte leisten können. Er schrieb für das Fussballmagazin «Zwölf» die Kolumne «Serienseger».

Er fuhr mit dem Velo ins Training – und mit dem VW-Bus in die Ferien. Er vergass nie, wem er noch ein Bier schuldete. Er hätte wohl eher vier Wochen bei der Zürcher Müllabfuhr ausgeholfen, als mit seiner Familie für eine Homestory posiert.

Die Eishockey-Saison 2018/2019 wird im kommenden September auch ohne Mathias Seger beginnen. Sportlich haben schon jetzt andere seine Rolle übernommen. Doch menschlich ist Mathias Seger nur schwer zu ersetzen – fürs Schweizer Eishockey und für die Zürcher Verkehrsbetriebe.