Ein wenig Ruhe haben vor dem Sturm. Mit dieser Devise hat sich am Dienstag EM-Gastgeber Frankreich in die Tiroler Alpen zurückgezogen. Freudig begrüsst im Fünfsternehotel Jagdhof in Neustift von Fanfarenklängen und einer Trachtengruppe. «Wir sind noch lange genug in unserem Trainingszentrum in Clairefontaine», hat Didier Deschamps zuvor den Tapetenwechsel begründet. Der Nationalcoach weiss aus seiner langen Erfahrung als Profi, dass ein Lagerkoller Gift ist für jede Mannschaft. Nichtsdestotrotz reisen «Les Bleus» nun schon heute, also einen Tag früher als vorgesehen,nach Metz, wo am Samstag die EM-Hauptprobe gegen Schottland ansteht. Der in der Heimat angekündigte Streik der Fluglotsen hat zu dieser Entscheidung geführt.

Es lässt sich wahrlich nicht sagen, der Kurztrip der Franzosen nach Österreich sei unter einem glücklichen Stern gestanden. Haben sie im Stubaital ihre Ruhe gefunden? Nein. Haben sie hier ihre Sorgen vergessen? Nein. Hat wenigstens das Wetter gepasst? Nein.

Schon am ersten Abend prasselt der Regen mit einer solchen Wucht auf das eigens für die 80 Journalisten aufgestellte Medienzelt, dass Deschamps nur schlecht zu verstehen ist, als er den nächsten verletzungsbedingten Ausfall bekannt gibt. Beim 3:2-Sieg in Nantes gegen Kamerun hat das verletzte Knie von Lassana Diarra den Belastungstest nicht bestanden. Der wichtige Mittelfeldspieler ist umgehend nach Frankreich zurückgereist, die Absenzenliste ist mittlerweile auf Mannschaftsstärke angewachsen (siehe rechts). Die Laune des Nationalcoaches ist aber auch deshalb nicht die beste, weil er sich noch immer über die Pfiffe der Zuschauer gegen Stürmer Olivier Giroud aufregt. «Wir können nur bestehen, wenn wir und die Fans eine ‹heilige Einheit› bilden», sagt Deschamps fast beschwörend.

In der benachbarten Jausenstation «Seestüberl», wo riesige Bärlauchknödel serviert werden, sagt ein Gast mit glänzenden Augen: «Die Titelchancen für Frankreich sind gut. 2008 haben sich die Spanier hier einquartiert und sind dann zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder Europameister geworden.» Um nachzuschieben: «Nach dem Final sind sie aber nicht gleich heimgeflogen, sondern noch einmal nach Neustift gekommen und haben mit uns gefeiert. Fernando Torres ist bis zum frühen Morgen durchs Dorf gezogen.»

Aber damals hat es vermutlich nicht so oft geregnet wie in diesen Tagen. Immerhin kann der am Mittwoch wegen Diarras Ausfall verschobene Fototermin der «Equipe tricolore» am Donnerstag im Garten des «Jagdhofs» ohne Überdachung stattfinden. Dazu leistet der Platzwart des SSV Neustift ganze Arbeit, schneidet den Rasen im Kleinstadion trotz des strömenden Regens millimetergenau auf die verlangte Höhe. Die Spieler werden am Abend für das einzige öffentliche Training einen perfekten Teppich mit Wembley-Qualität vorfinden.

Doch zur Ruhe kommen die Franzosen auch am zweiten Tag ihres Regenerationsaufenthalts nicht. Für Aufregung sorgt ein Interview von Karim Benzema in der spanischen Sportzeitung «Marca». Der Stürmer,der wegen der Erpressungsaffäre «Valbuena» nicht im Aufgebot steht, hat Deschamps vorgeworfen, dem Druck rassistischer Kräfte nachgegeben zu haben. Das Dementi, auch des Verbandspräsidenten Noel Le Graët, lässt nicht auf sich warten. Doch es wird darauf verzichtet, Öl ins Feuer zu giessen. Dafür hat bereits Eric Cantona gesorgt. Das einstige Enfant terrible des französischen Fussballs ist Benzema in einemInterview zur Seite gesprungen. Deschamps will ihn angeblich verklagen. Doch es scheint: Black-Blanc-Beur, das 1998 nach dem Gewinn des WM-Titels gefeierte Modell einer geglückten Integrationspolitik, ist wohl nur noch ein Mythos. Die Rechtspopulisten im Land haben erreicht, dass es auf der Kippe steht.

Kein Rassismus-Problem

Am Nachmittag stehen der der Reihe nach der junge Kingsley Coman von Bayern München, Blaise Matuidi von Paris Saint-Germain und Antoine Griezmann von Atlético Madrid den Medien Red und Antwort. Griezmann sagt: «Ich bin noch immer traurig über die Niederlage im Final der Champions League. Doch nun bin ich froh, hier zu sein und auf andere Gedanken zu kommen.» Der junge, dunkelhäutige Coman sagt: «Ich sehe keinen Rassismus bei der Nationalmannschaft. Das ist Quatsch. Ich habe auch keine Angst vor dem Terror. Wir Spieler sind sehr, sehr gut geschützt. Aber die Fans?»

Matuidi sagt: «Ich bin jetzt in Österreich und weiss nicht, was Benzema gesagt haben soll. Ich konzentriere mich auf den Fussball.» Und: «Die Schweiz? Ja die kennen wir. Vor zwei Jahren haben wir in Brasilien gegen sie gespielt. Sie ist ziemlich gut, im Moment aber nicht unser grösstes Problem.»

Zum öffentlichen Training kommen 300 Stubaier. Die Dorfjugend ruft: «Pogba!Pogba!» Die Spieler laufen gegen den Computer, dann gibt es noch ein Spielchen elf gegen elf. Leider auf der entgegenliegenden Platzhälfte. Die Kinder haben einen Ball gefunden, beginnen zu kicken; die Grossen beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Der ORF-Reporter interviewt Einheimische. Ein Herr Schneider sagt: «Vor acht Jahren haben wir Spanien zum Europameister gemacht, jetzt tun wir es mit Frankreich!»

Das Training ist zu Ende, Paul Pogba schiesst noch ein paar Bälle aufs Tor. «Pogba, Pogba!», rufen die Buben und schwenken die Notizblöcke. Der Juve-Star winkt, doch zum Zaun geht er nicht. Zeit, um Autogramme zu schreiben, bleibt keine. Im «Jagdhof» wartet das Nachtessen.

Am Donnerstag fragt ein Lokalreporter Anthony Martial, ob er sich vorstellen könnte, einmal für Ferien ins Stubaital zu zurückzukommen. «Nein», sagt der Manchester-United-Stürmer, «hier regnet es ja noch häufiger als in Manchester.»