Interview
Swiss-Olympic-Chefarzt Noack: «Ein Impfobligatorium an den Olympischen Spielen in Tokio wäre das Beste»

Der ranghöchste Schweizer Sportarzt spricht im Interview unter anderem über erstaunliche sportliche Leistungen in der Coronazeit und mögliche Gründe dafür, ein Impfobligatorium an Olympia sowie über Egoismus in Zeiten der Pandemie.

Nico Conzett
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Das Coronavirus stellt Swiss-Olympic-Chefarzt Patrik Noack vor zahlreiche Herausforderungen.

Das Coronavirus stellt Swiss-Olympic-Chefarzt Patrik Noack vor zahlreiche Herausforderungen.

Anthony Anex/Keystone

Wir sind seit gut zehn Monaten mit dem Coronavirus konfrontiert. Was bleibt Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung?

Patrik Noack: Ich habe als Allgemeinmediziner und als Sportmediziner zwei verschiedene Perspektiven. Als Allgemeinmediziner finde ich vor allem die Unterschiede im Verhalten der Menschen zwischen der ersten und zweiten Welle erstaunlich. Während die Leute zu Beginn der Pandemie sehr vorsichtig und teils ängstlich waren, macht sich mittlerweile eine gewisse Müdigkeit und Gleichgültigkeit bei den Menschen breit. Man sehnt sich nach Normalität.

Was war aus sportmedizinischer Sicht besonders prägend?

Für mich war eindrücklich, dass in Einzelsportarten wie im Kunstturnen oder in der Leichtathletik in dieser Zeit ausserordentlich starke Leistungen erbracht wurden. Gewisse Athleten waren so gut wie noch nie zuvor. Das wirft einige Fragen auf – war durch die weggefallenen Wettkämpfe ein effizienteres Grundlagentraining möglich? War der wegfallende Selektionsdruck entscheidend? Oder gibt es andere Gründe?

Von welchen anderen Gründen sprechen Sie?

Man muss zum Beispiel auch erwähnen, dass durch die Pandemie zahlreiche Dopingkontrollen wegfielen. In der Schweiz wurden etwa die Hälfte, weltweit nur fünf bis zehn Prozent der üblichen Tests durchgeführt. Ich will hier nicht direkt etwas Böses vermuten, es muss aber erwähnt werden.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Pandemie begann, wie haben Sie die Situation im ersten Moment eingeschätzt?

Bei mir war im ersten Moment eine gewisse Skepsis vorhanden. Ich fühlte mich zuerst an die Schweinegrippe erinnert, bei der man zu Beginn auch gewisse Befürchtungen hatte, die dann aber zum Glück relativ harmlos verlaufen ist. Durch meine Funktion als Arzt für verschiedene nationale Sportverbände konnte ich mich aber schnell mit Kollegen aus den Niederlanden, Australien oder England austauschen und mir einen ersten Überblick verschaffen. Dadurch habe ich dann rasch realisiert, dass das Virus definitiv gefährlicher ist als die Grippe und auch, dass es uns wohl über den Sommer hinaus beschäftigen wird.

Sie haben für Swiss Olympic einen Leitfaden erarbeitet, der Sportlerinnen und Sportlern im Falle einer Infektion zeigt, wie sie sich verhalten sollten. Was hat es damit genau auf sich?

Es handelt sich um sechs verschiedene Szenarien, die bisher alle schon eingetreten sind. Je nach Stärke der Symptome und Verlauf der Infektion zeigen die Szenarien, wie ein Sportler medizinisch abgeklärt werden sollte und wie er in den Trainings- und Wettkampfbetrieb zurückkehren kann.

Der Leitfaden empfiehlt bei einem positiven Coronatest in jedem Fall zehn Tage absolutes Sportverbot. Weshalb diese Empfehlung?

80 Prozent der Infektionen bei jungen Athleten verlaufen zwar asymptomatisch oder mit milden Symptomen. Dennoch gibt es einige Fälle von Athleten, die bei einer Infektion ohne Symptome normal weitertrainiert haben und dann Folgen spürten, vor allem im Lungenbereich. Sie hatten zum Beispiel mit Atembeschwerden unter Belastung zu kämpfen. Auch eine Beeinträchtigung des Herzmuskels kann – wenn auch selten – vorkommen. Das kann wiederum gefährlich sein. Der plötzliche Herztod ist in der Sportmedizin ein latentes Thema. Es gibt immer wieder Sportler, die auf dem Spielfeld zusammenbrechen und sterben. Aus diesem Grund sind die Szenarien eher konservativ gestaltet und wir empfehlen in jedem Fall, zehn Tage absolut keinen Sport zu betreiben.

Was passiert bei einem Angriff auf den Herzmuskel?

Vereinfacht erklärt, handelt es sich beim Coronavirus um ein kardiotropes Virus. Das heisst, es kann den Herzmuskel und die Gefässe angreifen. Daraus kann eine Herzmuskelentzündung entstehen, welche sich auf das Gewebe auswirkt. Dieses wird fibrös und damit weniger elastisch, wodurch sich die Pumpfunktion verringert. Dadurch kann das Herz die Pumpfunktion bei Bedarf nicht mehr wie vorher steigern, was Folgen für die Durchblutung hat und letztendlich die Leistungsfähigkeit senkt. Gerade im Spitzensport, wo Nuancen entscheidend sind, kann es damit einschneidende Folgen haben. Zum Glück sind diese Fälle selten, aber wir haben einfach noch nicht genügend Langzeitdaten und sind dementsprechend vorsichtig.

Haben Sie selbst Sportler behandelt, bei denen die Infektion einen drastischen Verlauf genommen hat?

Ich habe bis anhin drei solcher Fälle behandelt. Einer davon betrifft einen sehr talentierten jungen Athleten, welcher in seiner Sportart Juniorenweltmeister wurde. Bei ihm wurden während mehrerer Wochen erhöhte Herzenzyme im Blut nachgewiesen, was auf eine Beteiligung des Herzmuskels schliessen lässt.

Ist abzuschätzen, ob eine Coronainfektion Langzeitschäden verursachen kann?

Aufgrund der bisherigen Erfahrung kann man sagen, dass Personen, welche weder hospitalisiert noch künstlich beatmet werden mussten, keine langfristigen Schäden an der Lunge erleiden. Es scheint sich um temporäre Einschränkungen zu handeln. Bei Fällen, in denen der Herzmuskel betroffen ist, haben wir noch keine Langzeitdaten. Diese Patienten müssen weiterhin genau beobachtet werden. Über die langfristigen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Herzens kann man derzeit noch keine Aussage machen.

Alle Schweizerinnen und Schweizer müssen sich in den kommenden Monaten mit der Frage befassen, ob sie sich impfen lassen. Was empfehlen Sie den Menschen, insbesondere auch Sportlern?

Ich empfehle, sich impfen zu lassen. Klar ist, dass Sportler nicht erste Priorität haben, aber sobald es möglich ist, sollten auch sie sich impfen lassen. Ich bin auch für ein Impfobligatorium an den Olympischen Spielen in Tokio. Als medizinischer Leiter wäre es gar das Beste, was mir passieren könnte, da sich die ewigen Impfdiskussionen dann erübrigen würden.

Es gibt verschiedene Bedenken in Bezug auf die Impfung, beispielsweise die kurze Dauer bis zur Zulassung oder die Angst vor Impfschäden. Können Sie diese Bedenken nicht nachvollziehen?

Klar, das Zulassungsverfahren wurde schneller als üblich abgewickelt. Das liegt aber daran, dass alle verfügbaren Ressourcen mobilisiert wurden. Eine unseriöse Prüfung der Impfstoffe können sich die Behörden gar nicht erlauben. Ich glaube an die Sicherheit der Impfstoffe und erachte es als erschreckend, wie tief aktuell die Impfbereitschaft ist. Wenn wir zurück zur Normalität wollen, müssen wir einsehen, dass dies nur mit flächendeckenden Impfungen möglich ist. Wie erwähnt, sehnen sich die Menschen nach Normalität. Wenn es aber um die Impfung geht, machen viele einen Rückzieher. Aktuell kommen wir vielleicht auf eine Impfquote von 40 bis 50 Prozent. Auch in meinem Umfeld bekomme ich ständig Ausreden, zu hören. Derzeit existiert ein gewisser Egoismus, der meines Erachtens völlig fehl am Platz ist.

CH Media

Zur Person

Patrik Noack arbeitet im Medbase Zentrum für Medizin und Sport in Abtwil. Er ist einer der renommiertesten Sportärzte der Schweiz. Der 47-Jährige ist Chefmediziner von Swiss Olympic, Swiss Athletics und Swiss Cycling. Zudem ist er Verbandsarzt für diverse andere Sportverbände. 2018 betreute Noack die Schweizer Delegation als Chefarzt an den Olympischen Spielen in Pyeonchang, auch in Tokio 2021 wird er diese Position innehaben. (nic)