Tennis
Münzwurf, Rassismus, erfüllter Traum am Tag des Albtraums – Daniil Medwedew ist der Mann, der Djokovic vom Thron stösst

Der Russe Daniil Medwedew ist Heisssporn, Schachspieler mit Vorliebe für schnelle Autos und ab Montag die Nummer eins der Weltrangliste.

Simon Häring
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Daniil Medwedew ist die neue Nummer eins der Welt.

Daniil Medwedew ist die neue Nummer eins der Welt.

Bild: David Guzman/EPA

Es ist keine vier Wochen her, da war Daniil Medwedews Moral im Keller, nachdem er im Final der Australian Open eine 2:0-Satzführung gegen Rafael Nadal nicht zum Sieg hatte nutzen können. Noch viel mehr hatte ihn aber getroffen, dass die Zuschauer nach seiner Wahrnehmung nicht ihn als Gewinner sehen wollten, sondern eben den Spanier, der mit seinem 21. Grand-Slam-Titel Tennisgeschichte schrieb. Anders als viele seiner Konkurrenten wird Daniil Medwedew nicht etwa schmallippig, wenn er frustriert ist, oder sich ungerecht behandelt fühlt. Er wird philosophisch.

Also setzte er, Minuten nach einem Abnützungskampf über 5:24 Stunden, zu einem Monolog an. Medwedew erzählte von seiner Beziehung zum Tennis und von sich als «Kind, das aufgehört hat, zu träumen». Er werde von nun an für sich, seine Familie und seine Freunde spielen. Und für seine russischen Fans. So sehr hatte ihn die Reaktion des Publikums gekränkt. In den Runden zuvor hatte er die Zuschauer provoziert und während des Halbfinals den Schiedsrichter als «inkompetenten Idioten» beschimpft, wofür er mit einer Busse über 10'000 australische Dollar belegt wurde.

Daniil Medwedews Monolog nach den Australian Open 2022.

Bild: Youtube

Am Tag, an dem Russland die Ukraine angriff

Und nun, einen Monat später, geht für Medwedew, den 26-Jährigen, ein Traum in Erfüllung, den er eben erst beerdigt hatte: Am Montag löst er Novak Djokovic an der Spitze der Weltrangliste ab und erklimmt den Thron im Männertennis, als dritter Russe nach Jewgeni Kafelnikow und Marat Safin und als erster ausserhalb des Quartetts Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray, die seit dem 2. Februar 2004, also seit über 18 Jahren, das Ranking angeführt hatten. Nur 5 der 27 Nummern eins waren älter als Medwedew, als sie erstmals die Spitze übernahmen.

Das Schicksal will es, dass der Tag, an dem Medwedews persönlicher Traum in Mexiko wahr wurde, auf den Tag fällt, an dem Russland in der Ukraine einmarschierte und Europa zum Kriegsschauplatz machte. Medwedew sagte dazu: «Es war ein Tag voller Emotionen, guter und schlechter. Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. An Tagen wie diesen wird uns vor Augen geführt, dass das Tennis nicht so wichtig ist.»

Die Niederlage im Final der Australian Open gegen Rafael Nadal hat bei Daniil Medwedew Narben hinterlassen.

Die Niederlage im Final der Australian Open gegen Rafael Nadal hat bei Daniil Medwedew Narben hinterlassen.

Bild: Freshfocus/Juergen Hasenkopf

Münzwurf und Disqualifikation wegen Rassismus

Daniil Medwedew zählte nie zu den Spielern, denen man zutraute, Nadal, Djokovic, Federer und Murray zu beerben. Dass nun er es ist – und nicht etwa ein Grigor Dimitrov, Nick Kyrgios, Kei Nishikori, Alexander Zverev oder Stefanos Tsitsipas – ist dennoch wenig überraschend. Es ist eine Zeitenwende, die sich in den letzten zwei Jahren abgezeichnet hatte. 2019 stand Medwedew im Final der US Open, 2020 gewann er die ATP Finals, im letzten Herbst gewann er an seinem Hochzeitstag die US Open, womit er Djokovic am 21. Major-Titel und am Kalender-Grand-Slam hinderte.

Neben dem Platz wirkt Medwedew unscheinbar und zurückhaltend, umso extrovertierter tritt er auf, wenn er eine Arena betritt. Immer wieder legte er sich in der Vergangenheit mit den Zuschauern an. «Ich habe keine Ahnung, weshalb die Dämonen aus mir herausbrechen, sobald ich Tennis spiele», sagte er der «New York Times». 2017 hatte er in Wimbledon nach einer Niederlage der Stuhlschiedsrichterin Münzen vor den Stuhl geworfen und ihr damit Bestechlichkeit vorgeworfen. Im Jahr zuvor war er in Paris wegen rassistischen Verhaltens disqualifiziert worden.

Medwedew mag ein Heisssporn und eine streitbare Figur sein, zugleich gilt er als selbstkritisch, intelligent und ist ein begnadeter Schachspieler. Bevor er sich auf die Tenniskarriere konzentrierte, besuchte er Mathematik- und Physikstunden für Hochbegabte. Nach dem Umzug in eine französische Tennisakademie lernte er innerhalb weniger Monate Französisch. Bereits mit 22 Jahren heiratete er seine Freundin Daria. Medwedew, der eine Vorliebe für schnelle Autos hat, lebt in Monte Carlo und trainiert in der Nähe von Nizza. Und nun ist er die Nummer eins der Weltrangliste. Vieles spricht dafür, dass er gekommen ist, um zu bleiben.