French Open

Aus der Traum: Bacsinszky verpasst die Sensation

Gestern zog Timea Bacsinszky in Paris als erste Schweizerin seit 2004 in einen Grand-Slam-Halbfinal ein. Am Donnerstag bot ihr die Chance auf ihren ersten Grand-Slam-Final, den sie jedoch nach grandiosem Start gegen Serena Williams verpasste.

Die Rückhand segelte weit hinter die Grundlinie – dann war es vorbei. Timea Bacsinszky musste den Traum von ihrem ersten Grand-Slam-Final auf der roten Asche des Court Philippe Chatrier begraben. Die 25-jährige Waadtländerin konnte ihre Tränen nur mit Mühe zurückhalten, als sie den Platz unter dem tosenden Beifall der 15 000 Zuschauer verliess.

Der ganze Druck, alle Erlebnisse bei diesem furiosen French Open, bei dem sie zum ersten Mal in den Halbfinal eines Majors gestürmt war, sackten in ihr Bewusstsein und übermannten sie. Dann war da noch die Enttäuschung. Zwar hatte niemand von Bacsinszky erwartet, dass sie die 19-malige Grand-Slam-Siegerin Serena Williams schlagen würde.

Doch plötzlich lag diese riesengrosse Chance wie auf dem Präsentierteller vor ihr. Bacsinszky führte mit Satz und Break – und trotzdem hatte es nicht gereicht. Mit 4:6, 6:3 und 6:0 zog am Ende doch die Nummer eins der Welt in ihr drittes Pariser Endspiel ein, hinterliess aber einen irritierenden Eindruck. «Klar bin ich enttäuscht, keiner verliert gerne», sagte Bacsinszky, «aber ich bin stolz, wie ich mit der Situation in meinem ersten Halbfinal umgegangen bin.

Und Serena ist die Einzige, die weiss, wie es ihr wirklich ging.» Es war wieder einmal eine seltsame Vorstellung, die Williams zwei Stunden lang bot. Sie schwankte zwischen der Theatralik eines sterbenden Schwans und der kühlen Effektivität einer gnadenlosen Vollstreckerin. Die Wahrheit lag – wie meistens bei der Diva – irgendwo in der Mitte.

Zu Beginn dominierend ...

Ihr Trainer und ehemaliger Lebensgefährte Patrick Mouratoglou hatte vor Beginn der Partie berichtet, Williams leide an den Folgen einer Grippe. So schleppte sich die 33-Jährige dann auch über den Platz, bewegte sich kaum und überliess Bacsinszky die Kontrolle der Ballwechsel. Die Schweizerin schickte Williams mit Stopp und Lob kreuz und quer über den Platz, holte sich das Break zum 3:2 und schliesslich auch den Satz.

Bei jedem Seitenwechsel schlich Williams zu ihrer Bank, legte sich dicke Eisbeutel um die Schultern. Sie kühlte ihre Wangen, ihre Stirn. Ob die Siegerin von 2002 und 2013 tatsächlich Fieber oder Schmerzen hatte, war schwer zu sagen.

Denn immer, wenn es gerade so aussah, als würde sie mitten im Spiel in Tränen ausbrechen oder gleich ganz zusammenbrechen, donnerte Williams Aufschläge mit fast 200 km/h ins Feld. Oder hämmerte Bacsinszky einen ihrer insgesamt 30 Winner entgegen. Danach schlich sie beim Seitenwechsel wie in Zeitlupe zu ihrer Bank. Wieder das kühlende Eis, wieder das buchstäbliche Leiden, als wolle sie sich gleich hier zum Sterben niederlassen.

... zum Schluss überrollt

Das Pariser Publikum litt mit ihr. Es schenkte ihr Mitleidsapplaus. Die Situation war nicht einfach für Bacsinszky. So recht wusste sie ja auch nicht, was hier Theater und was echt war. «Ich habe nur versucht, mich auf mich zu konzentrieren», sagte sie. Im zweiten Satz schaffte die Weltnummer 24 geduldig im sechsten Anlauf erneut das Break zur 3:2-Führung und spielte mutig auf.

Es war das erste Mal für Williams, dass sie bei einem Grand Slam in vier Matches einen 0:1-Satzrückstand aufholen musste. Aber dass es der Amerikanerin erneut gelang, spricht für ihre berüchtigte Willensstärke. Williams glich zum 3:3 im zweiten Satz aus, schnappte sich mit einem wuchtigen Volley-Winner die 5:3-Führung. Von da an überrollte sie die Schweizerin, die bis zum Schluss zehn Spiele in Folge abgegeben hatte. «Ich habe heute trotzdem schon besser gespielt, als bei unserem letzten Duell», bemerkte Bacsinszky.

Williams litt und schlich weiterhin zwischen den Punkten, quälte sich aber auch durch eine Rallye mit zwölf Schlägen, die ihr das Break zum 3:0 bescherte. Bacsinszky kämpfte, doch sie leistete sich einige Fehler durch Unkonzentriertheiten. Williams schaffte es nach dem Matchball kaum noch bis ans Netz zum Handshake, brach auch das Siegerinterview auf dem Platz hustend mit dem kurzen Kommentar «Ich bin krank» ab. Bacsinszky durfte sich dennoch über den bisher grössten Erfolg ihrer Karriere freuen. Und zu ihrem 26. Geburtstag am Montag wird sie zudem erstmals als Nummer 15 der Rangliste geführt. 

Paris. French Open. Grand-Slam-Turnier (26,93 Mio. Euro/Sand). Frauen. Einzel. Halbfinals: Serena Williams (USA/1) s. Timea Bacsinszky (Sz/23) 4:6, 6:3, 6:0. Lucie Safarova (Tsch/13) s. Ana Ivanovic (Ser/7) 7:5, 7:5. - Final: Williams (1) - Safarova (13).

Den Liveticker zum Nachlesen gibt's hier:

Liveticker: Timea Baczynski - Serena Williams; Halbfinal French Open

Meistgesehen

Artboard 1