Tour de Suisse
Thurgauer Tag im Zeitfahren: Stefan Küng hat knapp das bessere Ende vor Stefan Bissegger

Im Zeitfahren der Tour de Suisse brillieren die Thurgauer Lokalmathadoren. Stefan Küng siegt hauchdünn vor Stefan Bissegger.

Raphael Gutzwiller
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Strahlt in gelb: Stefan Küng.

Strahlt in gelb: Stefan Küng.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

In Frauenfeld kennen Stefan Küng und Stefan Bissegger jeden Zentimeter Beton. Sie wissen, welche Fussgängerstreifen rutschig sind. Sie wissen, wie viel Risiko genommen werden kann, in der Hoffnung auf das schnellste Tempo. Niemand kontrolliert sein Velo im Thurgau so gut wie die beiden Einheimischen. Wie wohl sich die beiden auf den heimischen Strassen fühlen, zeigen sie im Zeitfahren zum Start der Tour de Suisse. Die Thurgauer landen einen Doppelsieg, Küng übernimmt das Leadertrikot, Bissegger wird Zweiter und ist der beste Jungfahrer. «Es gibt einen gewissen Heimvorteil für uns auf dieser Strecke. Dass es so aufgeht, ist grossartig», sagt Stefan Küng.

Ein bisschen wehmütig stellt man sich im lieblosen Zielraum in Frauenfeld vor, was wohl los gewesen wäre, wenn das Heimpublikum den doppelten Triumph der beiden Lokalmatadoren hätte bejubeln können. Stattdessen sind nur akkreditierte und regelmässig getestete Personen zugelassen, für Zuschauer ist der Ziel- und Startbereich abgesperrt. «Hier ist es wie ausgestorben. Es ist sehr schade, dass die Zuschauer gefehlt haben», stellt Küng fest. Nur am Streckenrand haben sich ein paar Schweizer Radfans versammelt, darunter auch die Familie sowie Freunde von Küng. «Insgesamt hatte es aber wenige Zuschauer, die Schweizer sind halt pflichtbewusst. Mich haben viele gefragt, ob sie überhaupt vorbeikommen dürfen. Ich finde aber, am Streckenrand mit Maske und Abstand geht das», so der Tagessieger.

Alles nur eine Frage des Wetters?

Diejenigen, die gekommen sind oder wie von den Organisatoren gewünscht auf dem heimischen Sofa zuschauen, erleben, weshalb die Stefans aus dem Thurgau als Favoriten ins Rennen gestiegen sind. Beide sind in herausragender Form, auf dem Zeitfahrvelo sind sie derzeit kaum zu schlagen.

Stefan Bissegger fährt sehr stark, hat aber knapp das Nachsehen.

Stefan Bissegger fährt sehr stark, hat aber knapp das Nachsehen.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Zunächst zeigt dies der Jüngere, Stefan Bissegger. Der 23-Jährige fährt in hohem Tempo an seinem zu Hause in Felben vorbei. Dort wo er schon tausende Male trainiert hat. Dort, wo er jeden Zentimeter kennt. Wegen des Regens kann Bissegger nicht schräg in die Kurven liegen, schnell ist er trotzdem. Viel schneller als alle vor – und auch für lange Zeit nach ihm. Die Konkurrenz beisst sich an seiner Fahrt die Zähne aus. «Ich bin zufrieden mit meiner Leistung. Mir ist eine sehr gute Fahrt geglückt», sagt Bissegger nach seinem starken Auftritt. Euphorisch ist er nicht. Denn sein grösster Konkurrent steht noch am Start. Der einzige, der die Strecke genau so gut kennt wie er. Im Ziel wartend, weiss er: Er muss noch warten. Auf den anderen Stefan.

Und das Wetter hilft Küng. Der Regen lässt nach, die Strecke bleibt aber feucht. Ob der Wetterumschwung vier Sekunden ausmacht? Wer weiss. Klar ist: Der Zeitfahr-Europameister fährt überragend. So gut, wie ihn selbst die Radlegende Fabian Cancellara noch nie gesehen hat. Die Position auf dem Rad ist perfekt, Küng geht Risiken ein, hat aber das Velo jede Sekunde im Griff. Und so fährt er vier Sekunden schneller ins Ziel. «Ich glaube nicht, dass das Wetter einen Einfluss hatte», sagt Küng, der sich dank seines Triumphes zum zweiten Mal das gelbe Trikot des Leaders der Tour de Suisse überstreifen darf.

Stefan Küng ist knapp der Schnellste.

Stefan Küng ist knapp der Schnellste.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Das Trikot will Küng möglichst lange verteidigen. Aber er weiss: Läuft alles normal, ist er dieses schon nach der morgigen Etappe los. Von Neuhausen geht es nach Lachen. Es ist eine hügelige Strecke, die einfacher klingt als sie ist. Für Zeitfahrer dürfte sie auf wenig Gegenliebe stossen. Sowieso weiss Küng, dass es vermessen wäre, von einem Gesamtsieg zu träumen. Sein Fokus liegt ab sofort auf der Tour de France und den Olympischen Spielen.

Ein anderer Schweizer Hoffnungsträger wurde derweil bereits arg zurückgebunden. Marc Hirschi liegt als 98. schon deutlich hinter den anderen Favoriten Julian Alaphilippe (5.), Maximilian Schachmann (12.) und Richard Carapaz (15.) zurück. Die Ausgangslage für einen Schweizer Triumph an der Tour de Suisse ist schwierig. Trotz Thurgauer Startfurioso.