FC Basel

Trainer Sforza im grossen Duell-Interview vor YB: «So entwickeln wir eine Winnermentalität»

Ciriaco Sforza ist zufrieden, obwohl er sportlich mit seinem FCB noch nicht sonderlich überzeugt hat.

Ciriaco Sforza ist zufrieden, obwohl er sportlich mit seinem FCB noch nicht sonderlich überzeugt hat.

FCB-Trainer Ciriaco Sforza spricht vor dem Knüller gegen Meister YB über besondere Duelle. Sportlicher und persönlicher Natur. Der 50-Jährige lacht während dem Online-Gespräch immer wieder in sein I-Pad. Er ist gut drauf, obwohl ihm im Spitzenspiel am Samstag wieder drei Spieler wegen Corona fehlen.

Was war das emotionalste Duell Ihrer Karriere?

Ciriaco Sforza: Da gibt es viele. Aber wenn Sie mich so fragen: Das Spiel Schweiz – Rumänien (WM 1994, Anm. d.Red.). Das war ein intensives und emotionales Spiel. Es war auch für die Schweiz als Nation sehr bedeutend. Ich höre oft, dass es eines der besten Spiele war, die wir an einer WM je erlebt haben. Das ist mir auch hängen geblieben.

Und aus Ihrer Zeit in den Klubs?

Aus Bayern-Sicht waren das Derby gegen 1860 und auch die Spiele gegen Dortmund immer besonders. Mit Kaiserslautern waren die Duelle gegen Bayern im Aufstiegsjahr, als wir direkt Meister wurden, sehr speziell. Vor allem das erste Spiel in München. Otto Rehhagel war zuvor bei Bayern Trainer und wurde kurz vor Saisonende entlassen. Dann hat er mit dem Aufsteiger gegen seinen Ex-Verein gewonnen. Eine gelungene Revanche. Das hat man gesehen, als er nach dem Schlusspfiff 50 Meter über den Platz zu den Fans gesprintet ist. Innerlich war das für ihn wie der Weltmeisterschaftssieg.

In Italien haben Derbys gar eine noch grössere Bedeutung.

In Italien musst du mit Inter das Derby gegen Milan gewinnen und gegen Juventus gut aussehen. Dann ist die Saison gerettet. Eine Derbyniederlage habe ich mit Inter nie erlebt. Und auch mit Bayern nicht. Ich bin in Derbys immer als Sieger vom Platz. (lacht)

Wie ordnen Sie das Derbytum in der Schweiz ein?

Zu meiner aktiven Zeit war GC gegen FCZ schon etwas Spezielles. Es war immer intensiv, schon Tage vor dem Spiel. Das traurigste war der Spielabbruch 2011, den ich als Trainer erlebt habe. Da sind die Fans auf dem Platz aufeinander losgegangen. Auch in der Schweiz löst ein Sieg in einem Derby eben besondere Gefühle aus.

Wo rangiert für Sie das Duell FCB gegen YB?

Aufgrund seiner Geschichte will in der Schweiz jedes Team gegen Basel unbedingt gewinnen. Das ist normal. In den letzten Jahren hat sich YB gut entwickelt und ist dreimal Meister geworden. Darum ist dieses Duell zu einem Knüller geworden und wir freuen uns darauf.

Machen Sie da in der Vorbereitung auf so einen Knüller etwas anders?

Nein. Wir müssen uns in der Vorbereitung vermehrt auf uns konzentrieren. So entwickelt man eine Winnermentalität. Das habe ich von meinen Ex-Trainern gelernt.

Ihre Ex-Trainer trugen grosse Namen wie Rehhagel, Hitzfeld oder Hodgson. Was haben Sie sonst von ihnen mitgenommen?

Von jedem etwas. Von Rehhagel den menschlichen Teil, von Hitzfeld die Disziplin und die angesprochene Winnermentalität und von Hodgson das Taktische. Aber am Ende musst du als Trainer deinen eigenen Weg suchen.

Otto Rehhagel war mit Ciriaco Sforza in Kaiserslautern sehr erfolgreich.

Otto Rehhagel war mit Ciriaco Sforza in Kaiserslautern sehr erfolgreich.

Wissen Ihre jungen Spieler eigentlich, wer der Fussballer Ciriaco Sforza war?

Das ist eine gute Frage. Für unsere jüngeren Spieler ist es sicher schwierig. Aber denen, die 20 und aufwärts sind, ist das schon ein Begriff.

Zurück zum Duell gegen YB. Bernhard Burgener sagte einst, wenn der FCB die Duelle gegen YB gewinnt, wird er auch Meister. Stimmen Sie zu?

Klar ist es gut, wenn du gegen die direkten Konkurrenten gewinnst, aber du musst auch die anderen Gegner respektieren.

Burgener lobte Sie zuletzt immer wieder öffentlich. Wie gut tut dieser Support?

Es kommt nicht nur vom Präsidenten, sondern vom ganzen Verein. Sie sehen einen ehrlichen, offenen und ruhigen Trainer, der den Jungen eine Chance gibt, auch wenn es mal Rückschläge gibt. Diese Philosophie wollen wir konsequent durchziehen.

Sie sehen auch einen Trainer, der Spielern wie Oberlin oder Kalulu mitteilen muss, dass Sie gegen eigene, sogenannte Konzept-Spieler, keine Chance haben.

Es ist korrekt analysiert, wenn Sie sagen, dass es dabei ums Konzept geht. Wir haben das aber intern allen so mitgeteilt. Ich habe mich für gewisse Prioritäten entschieden und auf die werde ich konsequent setzen.

Hat man als Trainer solche Gespräche am wenigsten gerne?

Nein, das gehört dazu. Das musste ich auch lernen.

Sind Sie diesen «Duellen» früher aus dem Weg gegangen?

Das ist gut möglich. Aber man muss auch die weniger guten Sachen ehrlich ansprechen, um vorwärts zu kommen. Für mich ist wichtig, dass ich jeder Person in die Augen schauen und sagen kann: Ich habe das mit dir diskutiert.

Sie selbst sind als Spieler einst geflüchtet, als Ottmar Hitzfeld sie vom Zentrumsspieler zum Verteidiger umschulen wollte. Haben Sie als Trainer ähnliche Erfahrungen gemacht?

Nicht direkt, aber ich habe zum Beispiel mit Aldo Kalulu ein Gespräch geführt. Ich habe ihn nach seiner Lieblingsposition gefragt und er hat mir eine ehrliche Antwort gegeben. Damit kann ich dann arbeiten. Ich lasse keinen Spieler da spielen, wo er nicht gerne spielt. Das macht keinen Sinn, weil dann hat er keine Freude und das ist nicht gut.

Bei Bayern durfte Ciriaco Sforza dann auch unter Hitzfeld im Zentrum spielen.

Bei Bayern durfte Ciriaco Sforza dann auch unter Hitzfeld im Zentrum spielen.

Haben Sie das Gefühl, die Spieler haben heute mehr Druck als früher?

Gross gewandelt hat sich die Situation nicht. Wenn du gewinnst, ist immer noch alles gut, wenn du verlierst nicht. Sportlichen Druck hast du immer. Heute kommt vielleicht noch dazu, dass der mediale Druck noch grösser ist als früher.

Konsumieren Sie, was über Sie geschrieben wird?

Klar. Ich informiere mich wie jeder andere auch. Aber ich weiss damit besser umzugehen als vor zwanzig Jahren.

Inwiefern?

Früher war ich sicher sensibler und dünnhäutiger. Aber das ist normal, weil ich damals noch keine Erfahrung hatte. Heute nehme ich es auf, ordne es ein und starte positiv in den neuen Tag.

Haben Sie das Gefühl, dass die Aussendarstellung Ihrer Person korrekt ist?

Das möchte ich gar nicht bewerten. Ich bin einfach der Meinung, dass man einen Menschen erst kennenlernen sollte, bevor man über ihn urteilt.

Beispielsweise in dem man ihnen lediglich das Prädikat verleiht, mit Jungen gut umgehen zu können?

Es ist einfach so, dass ich mit vielen Jungen gearbeitet und sie weiterentwickelt habe. Aber ich habe auch kein Problem mit erfahrenen Spielern zu arbeiten. Überhaupt nicht. Wenn jemand aber sagt, ich könne nur mit Jungen, dann muss ich sagen: Der kennt mich wohl zu wenig. Ich habe auch das Gegenteil schon bewiesen. Bei GC hatte ich Ricardo Cabanas oder Boris Smiljanic im Team und wir sind hervorragender Dritter geworden.

Etwas, was Sie selbst der Öffentlichkeit preisgegeben haben, war, dass sie an einem Burnout erkrankt waren. Reden Sie da weiterhin offen darüber?

Ich habe keine Hemmungen, darüber zu reden. Aber ich muss es nicht ständig wiederholen. Heute bin ich gesund, glücklich und habe Power, darum muss ich diese Schublade nicht immer wieder öffnen. Aber wenn mich jemand fragt, wie das war und ob ich Tipps geben kann, dann rede ich gerne darüber.

Was für Tipps oder gar Schutzmechanismen haben Sie sich persönlich angeeignet?

Ich brauche Ruhe, Klarheit und keine schnellen Entscheidungen, hinter denen ich dann nicht stehen kann. Das hilft.

Ciriaco Sforza macht einen entspannten Eindruck.

Ciriaco Sforza macht einen entspannten Eindruck.

Reagieren Sie auch auf körperliche Zeichen Ihrerseits früher?

Das passiert minim. Ich durfte und wollte lernen, wie ich mit meinem Körper umgehen muss. Dazu musst du ihm Zeit und Raum geben, ohne immer unter Druck zu sein. Wir haben vorhin über Druck geredet: Klar spürt man diesen, aber man muss ihn auch mal rausnehmen. Als Cheftrainer musst du gute Leute um dich haben, loyale Qualitätsleute, denen man Arbeit abgeben und sich dann selbst auch mal zurückziehen kann. Das tut dem Körper und dem Geist gut. Das bringt dich weiter.

Sind Sie denn gut darin, einen halben oder einen ganzen Tag einfach mal abzuschalten?

Ja, weil das wichtig ist. Wenn man nonstop nur im Fussball ist, was wir beim FCB mit den vielen Spielen natürlich ein Stück weit sind, bin ich froh, wenn ich mich mal ein paar Stunden zurückziehen kann.

Wie sieht ein solches Abschalten bei Ihnen aus?

Ich bewege mich gerne im Freien, gehe  spazieren und essen mit der Familie oder mit Freunden zu Mittag oder zu Abend. Dort redet man dann auch über andere Themen. Ich habe auch gehört, dass es in Basel viele gute Restaurants geben soll. Die möchte ich unbedingt bald  ausprobieren.

Ist feines Essen eine Leidenschaft von Ihnen?

Für mich kann auch etwas ganz Einfaches fein sein. Die Stimmung und die Gruppe müssen passen.

Wie steht es um Ihre eigenen Kochkünste?

Kochen kann ich nicht, dazu stehe ich. Aber ich muss auch nicht alles können (lacht). Und wenn ich mal kochen müsste, dann bestelle ich etwas. Es gibt immer einen Weg.

Früher haben Sie freie Stunden auf der Harley oder dem Motorboot verbracht.

(lacht) Ja, das habe ich alles gerne gemacht, aber mittlerweile habe ich beides abgegeben. Ich habe kleine Kinder, Zeit mit ihnen zu verbringen tut mir gut und gibt mir Energie. 

Haben Sie die Familie schon mit nach Basel geholt?

Momentan pendle ich noch. Die Kleine ist eben erst in den Kindergarten gekommen in Wohlen und da möchte ich sie nicht gleich wieder rausnehmen. Wir sind aber dabei, eine Wohnung Basel zu suchen, weil ich Basel kennenlernen möchte. Aktuell liegt der Fokus aber auf dem Stadion und der Geschäftsstelle. Ich finde es wichtig, als Cheftrainer da präsent zu sein und die Leute kennen zu lernen.

Haben Sie nach bald drei Monaten das Gefühl, die Leute zu kennen und angekommen zu sein im Verein?

Ob ich alle kenne, weiss ich noch nicht. Aber ich versuche mein Bestes. Menschlich zu sein, die menschliche Seite eines Gegenübers kennen zu lernen, das macht glücklich.

Wie weit sind Sie da bei Ihren Spielern? Kennen Sie auch deren menschlichen Facetten, wer mehr oder weniger Betreuung und Gespräche braucht?

Bis man sich auf einer gewissen Ebene kennt, braucht es Zeit. Aber wir sind auf einem guten Weg, zu wissen, wie man die verschiedenen Charaktere abholen kann.

Wie haben Sie das Gefühl, in Basel aufgenommen worden zu sein? Zu Beginn machten sich Leute über Sie lustig, weil sie sich in einem Interview versprochen haben.

Das ist für mich längst abgehakt. Ich finde, das hat auch mit Respekt zu tun. Das kann jedem passieren. Grundsätzlich fühle ich mich sehr gut aufgenommen.

Haben Sie denn das Gefühl, es mangelte an Respekt Ihnen gegenüber?

Nein, darum geht es nicht. Ich kann mich schon wehren und tue es auch. Aber es geht mir darum, dass man allgemein mehr Respekt haben sollte. Aber ich bin niemand, der nachtragend ist.

Das ist eine Stärke, die Sie aber auch erst lernen mussten, oder? Früher haben Sie Konfrontationen eher gemieden als dass Sie sie gesucht hätten.

Das ist korrekt, ja. Ich muss nicht mit jedem ein Ja und Amen beten können, jeder darf seine Meinung haben. So lange diese ehrlich ist.

Sie sagen selbst, dass Sie sich sehr verändert haben. Ist die abgelegte Konfliktscheue die grösste Wandlung, welche Sie vollzogen haben?

Das ist sicher eine der grössten Wandlungen, ja. Das ist eine Sache, die tiefer, die unterbewusst ist. Ich habe in meiner Karriere gelernt, Probleme zu analysieren und zu bearbeiten.

Haben Sie noch viel mit dem Menschen, der sie vor fünf oder zehn Jahren waren, zu tun?

Nein, das muss ich wirklich sagen.

Welche Eigenschaften haben Sie sich erhalten?

Dass ich weiss, was ich will. Ich musste lernen, dass es nicht immer so schnell geht, wie ich das möchte. Das kann man auch auf den Sport adaptieren, in der Entwicklung mit Jungen beispielsweise. Da kann nicht immer alles sofort perfekt sein.

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