Eishockey

Tschüss Valascia: Abschied von Ambris Seele aus Stein

Nach dieser Saison wird mit der Valascia ein Kraftort unseres Hockeys für immer von der Landkarte verschwinden. Ein letzter Rundgang durchs mythischste Stadion unseres Eishockeys.

Vielleicht muss es so sein. Wir wollen nicht grübeln. Vielleicht wollen die Hockey-Götter, dass Ambri seine letzte Saison in der Valascia ohne Zuschauer («Geisterspiele») verbringen muss. In seiner letzten Saison ist Ambris Hockey-­Tempel – man möge uns den Pathos verzeihen – leergefegt von allem, was die Melancholie des Abschiedes stört. Vom Lärm des Publikums und – um es im Sinne des Buches der Bücher zu sagen – von den «Geldwechslern und Taubenhändlern», von den Geschäftemachern.

Im Sommer 2021 wird Ambri nach 62 Jahren die 1959 eröffnete Kunsteisbahn Valascia verlassen. Weiterziehen. Quer durchs Dorf. Hinüber ins neue, von Stararchitekt Mario Botta konzipierte, fast 50 Millionen teure Stadion auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes. Verliert Ambri ohne die Valascia die Identität? Wird Ambri am Ende in der neuen Arena gar wie Lugano oder Zug? Nein. Es gilt, was der englische Staatsmann Thomas Morus schon vor fast 500 Jahren gesagt hat: «Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.» So ist es. Die Flamme wird weitergegeben. Hinüber in den neuen Hockey-Tempel.

Eine Art Rückzugsort der Tempelritter

Abschied von der Valascia. Ohne Publikum. In Begleitung von Pius Koller. Offiziell Fotograf. Aber eigentlich mehr Künstler, Hockey-Romantiker und im Herzen einer von Ambri. Und wer hätte für uns ein besserer «Reiseführer» sein können als Paolo Duca. Ein Sohn der Leventina, der Ambri einst als Spieler und Captain prägte und nun als Sportdirektor durch schwierige Zeiten navigiert. Und siehe da: Still und leer übt die Valascia eine noch grössere, seltsame, beinahe unheimliche Faszination aus. Müsste Dan Brown ein Hockey-Stadion in seinen düster-magischen Geschichten einbauen – er würde die verlassene Valascia eines Spätsommertages beschreiben. Sie wirkt wie eine Mischung aus einem geheimen Rückzugsort der Tempelritter und einem Atombunker für den Bundesrat. Die Valascia ist Ambris zu Stein gewordene Seele.

Sicht auf die legendäre Curva Sud.

Sicht auf die legendäre Curva Sud.

Fremder, trittst Du ein in den Bauch der Valascia, dort, wo die Spieler das Eis betreten und verlassen, dann siehst Du auf der linken Seite erst einmal den langen Gang, der direkt zum Heiligtum, zur Kabine Ambris führt. Gäbe es in der Hockey-Kultur eine Bundeslade – in der Kabine dieses Hockey-Tempels würde sie stehen. Ich habe unzählige Stadien gesehen, auch in Nordamerika und in Russland. Aber so etwas wie diesen Gang mit dem sterilen Charme eines Bunkers, bemalt mit den blauen Klubfarben gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.

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Hier bin ich nach einem Spiel schon oft gestanden. Aber weiter bin ich noch nie gekommen. Und nun führt uns Paolo Duca durch ein unterirdisches Reich, wie es sonst keines gibt im Eishockey. Logisch, hier befinden wir uns ja auch in einer gigantischen Zivilschutzanlage. Mit mächtigen, dicken Mauern, die auch den Lawinen widerstehen, die von den steilen Bergflanken herabdonnern können. Die Valascia ist tatsächlich in lawinengefährdetem Gebiet erbaut worden und das ist auch ein Grund, warum sie geschlossen und dann vollständig abgebaut wird.

Die Valascia gibt es seit 1959.

Die Valascia gibt es seit 1959.

Weitverzweigt ist dieses Schattenreich und manchmal sucht Paolo Duca einen Lichtschalter. Auch die Suche nach dem Licht passt zu Ambri und hilft uns, die Seele des Klubs zu verstehen.

Sportgeschichte.

Sportgeschichte.

Historiker vermuten, dass die Ortsbezeichnung Ambri vom Wort «Ombra» kommt. Schatten. Das Dorf und die Valascia liegen am rechten Rand des Tals. Auf der Schattenseite. Im November verschwindet die Sonne hinter den hohen Bergen, hinter dem 2 760 Meter hohen Piz Massari, einem Gipfel der Lepontinischen Alpen. Sie geht erst im Februar wieder auf. Mehr als drei Monate lang kein Sonnenstrahl. Diese Melancholie aus der scheinbar ewigen Nacht vom November bis Februar erklärt uns ein wenig die Melancholie, die mitschwingt bei einem Klub, der noch nie Meister geworden ist. Und vielleicht nie Meister werden wird.

Geheimer Hinterausgang für die Schiedsrichter

Wie ein Fuchsbau aus Beton ist dieser Bauch der Valascia. Ohne kundige Führung würde sich der Unkundige in dieser Unterwelt verirren. Gewaltige Betontüren werden geöffnet. Wieder befinden wir uns in einem langen Gang. An den Wänden Bilder aus der ruhmreichen Vergangenheit.

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Links und rechts lassen sich Türen öffnen. Es gibt in dieser unterirdischen Welt zusätzliche Kabinen für die Gästemannschaft und für die Junioren.

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Ein Trainerbüro.

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Verwinkelte Krafträume für die Spieler.

Fitnessraum Luftschutzkeller, Stadion Valascia, HCAP, HC Ambri Piotta, National League, Eishockey, 07.07.2020 Bildnachweis: pkp/Pius Koller Belegexemplar an: pkp h o t o g r a p h y, B a h n h o f s t r. 31, CH-6210 S u r s e e Tel. +41 79 415 64 86 email: pikoller68@gmail.com Honorarpflichtig gem. MFM B a n k k o n t o   S c h w e i z: V a l i a n t   B a n k , 6210 S u r s e e, Kto. 161.842.590.09  BC 6300 IBAN CH39 0630 0016 1842 5900 9 B a n k k o n t o  D e u t s c h l a n d: S p a r k a s s e  M a r k g r a e f l e r l a n d, D-W e i l  am  R h e i n Kto. 107 610 107  BLZ 683 518 65 IBAN:  DE67683518650107610107 Swift-Code: SOLADES1MGL

Fitnessraum Luftschutzkeller, Stadion Valascia, HCAP, HC Ambri Piotta, National League, Eishockey, 07.07.2020 Bildnachweis: pkp/Pius Koller Belegexemplar an: pkp h o t o g r a p h y, B a h n h o f s t r. 31, CH-6210 S u r s e e Tel. +41 79 415 64 86 email: pikoller68@gmail.com Honorarpflichtig gem. MFM B a n k k o n t o S c h w e i z: V a l i a n t B a n k , 6210 S u r s e e, Kto. 161.842.590.09 BC 6300 IBAN CH39 0630 0016 1842 5900 9 B a n k k o n t o D e u t s c h l a n d: S p a r k a s s e M a r k g r a e f l e r l a n d, D-W e i l am R h e i n Kto. 107 610 107 BLZ 683 518 65 IBAN: DE67683518650107610107 Swift-Code: SOLADES1MGL

Einen Aufenthaltsraum für die Frauen und Freundinnen der Spieler und für die Kinder. Räumlichkeiten zum Verstauen von Material. Und natürlich eine Kabine für die Schiedsrichter. Weil die Männer im schwarz-weiss gestreiften Dress («Zebras») manchmal den Volkszorn erregen, gibt es für sie sogar einen geheimen Hinterausgang. Aber all diese Räume finden wir nicht auf einer Ebene. Wir steigen Treppen hinauf und Treppen hinab. Wie viele Kammern sind es? Ich habe sie nicht gezählt. Aber 20 sind es mindestens.

An einer Wand lese ich einen Leitspruch und wer ihn gelesen hat, weiss, warum sich Ambri seit dem Wiederaufstieg von 1985 im Hockey-Geschäft zu behaupten vermag wie das gallische Dorf von Asterix und Obelix im römischen Weltreich. Auch ohne den Zaubertrank von Miraculix.

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(Wenn du nicht laufen kannst, dann gehe. Wenn Sie nicht gehen kannst, dann krieche. Tu, was du tun musst, aber geh vorwärts und gib nie Sie auf. Gib niemals auf!)

Ambri-Sportchef Paolo Duca bei der Baustelle des neuen Stadions.

Ambri-Sportchef Paolo Duca bei der Baustelle des neuen Stadions.

In der Valascia könnte sich nebst der Bevölkerung des Dorfes auch eine ganze Kompagnie unserer Gebirgstruppen einrichten. Inklusive Arrestlokal. Hätte es die Valascia in den 1930er- und 1940er-Jahren in dieser Form schon gegeben, dann wäre sie ein Eckpunkt des «Réduit», der weltberühmten Alpenfestung von General Henri Guisan geworden. Das ist die Valascia eben auch: ein «Réduit», eine Trutzburg, ein sicherer Rückzugsort. In Beton gegossene Geschichte. In Beton gegossene Leidenschaft. In Beton gegossener Ruhm. Aber auch in Beton gegossene Weltoffenheit und Versöhnung. Wenn der Gotthard als steinerne Seele der Schweiz bezeichnet wird, dann ist die Valascia mit der dazugehörenden Zivilschutzanlage die steinerne Seele Ambris, ja, unseres Hockeys. Wir nehmen Abschied von Ambris Seele aus Stein und Beton.

Diese Anlage, während des Kalten Krieges gebaut, um uns vor einem Feind aus dem Osten, vor den Russen zu schützen, haben die Russen schliesslich tatsächlich erobert. Igor Tschibirew, Pjotr Malkow, Waleri Kamenski, Dimitri Kwartalnow, Juri Leonow, Igor Fedulow und Oleg Petrow haben uns mit ihrer Kunst die Hockey-Seele in so manchen bitterkalten Winternächten gewärmt. Und nie ist Ambri höher gestiegen als mit Oleg Petrow – bis hinauf auf den Gipfel des Qualifikationssieges. Bis hinauf in den Final. Und den hat Ambri im Frühjahr 1999 verloren.

Gegen Lugano.

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