Eidgenössisches Turnfest Aarau

Überlegen bis zum Reck-Schock: Nach einem Patzer muss Oliver Hegi zittern - und sichert sich letztlich doch den Turnfestsieg

Nur ganz wenig hat gefehlt und Oliver Hegi wäre vom Reck gefallen. Der Europameister kriegte die Stange im letzten Augenblick zu fassen und zitterte sich zum Sieg am Eidgenössischen Turnfest.

An seinem Heimspiel am Eidgenössischen Turnfest in Aarau muss der Lokalmatador und Reck-Europameister Oliver Hegi wegen einem Patzer am Reck um den Turnfestsieg zittern – und darf am Schluss doch jubeln und sich in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle feiern lassen.

Am Schluss wird die Sache doch noch zur Zitterpartie. Oliver Hegi hat sich in den ersten fünf Geräten zwar einen ordentlichen Vorsprung herausgeturnt, doch ausgerechnet am Reck patzt er. Am Reck, wo er letzten Herbst Europameister wurde, wo er zu den besten Turnern der Welt gehört.

Um ein Haar fällt er, kann sich gerade noch mit letzter Kraft mit einem Arm am Gerät halten. «Wenn so etwas passiert, dann muss man das so schnell wie möglich abhaken und die Übung spontan umstellen, damit es doch noch funktioniert», analysiert der Schafisheimer den Moment der Angst.

Die Umstellung gelingt, Hegi rettet sich gerade noch. Aber er bekommt nur 13,500 Punkte. Das Zittern beginnt, denn der bis dahin stark aufturnende Christian Baumann, ebenfalls Aargauer, ebenfalls Mitfavorit auf den Festsieg, liegt nur knapp sieben Zehntel hinter Hegi.

«Ich war ziemlich nervös»

«Das Risiko, dass Christian (Baumann; Anm. d. Red.) in diesem Moment noch vorbeizieht, war sehr hoch. Mit einer guten Übung hätte er es auch geschafft», sagt Hegi wenige Minuten später. Da war alles klar, der Lokalmatador hat sich den Festsieg gekrallt.

Doch es war «nervenaufreibend», wie er selbst sagt. Denn Hegi musste zuschauen, wie Baumann turnt, und hoffen, dass seinem Verbandskollegen ein Fehler unterläuft. «Ich war ziemlich nervös in diesem Augenblick», gesteht Baumann rückblickend. Auf einmal war der Coup nicht bloss ein Traum, sondern er war zum Greifen nah.

Natürlich, Baumann gehörte zu den Mitfavoriten. Aber im Vorfeld lag der Fokus vor allem auf den Vorzeige-Turnern Oliver Hegi und Pablo Brägger, den beiden Reck-Europameistern. Und dann gelingt ihm, Christian Baumann, ein bis zum letzten Gerät perfekter Abend.

Die Leere nach dem verpassten Coup

Selbstbewusst, sicher, souverän – Baumann turnt fast ohne Wackler und übersteht auch das Zittergerät, das Pauschenpferd, mit Bravour. Im Gegensatz zu Pablo Brägger, der den Turnfestsieg schon am zweiten Gerät des Abends vergibt.

Er hängt am Pauschenpferd an, muss absteigen und verliert auf Hegi mehr als zwei Punkte. Den Vorsprung auf Brägger verwaltet Hegi danach souverän, auch mit dem Zitterer am Reck ist klar, dass Hauptkonkurrent Brägger ihm nicht mehr gefährlich werden kann.

Baumann kann. «Mir war klar, dass ich gewinnen kann, wenn ich die perfekte Übung turne – und dann habe ich danebengegriffen», sagt Baumann. Er starrt Löcher in die Luft, die innere Leere kann er nicht verstecken.

Mit Lorbeerkranz und Goldmedaille

Er hat am Sieg gerochen, fällt aber wegen seines Abflugs am Reck am Schluss fast noch vom Podest, klassiert sich hauchdünn vor dem Berner Benjamin Gischard. Und Brägger verbessert sich auch dank Baumanns Patzer am letzten Gerät auf Platz 2.

An Hegi aber ist an diesem Abend kein Vorbeikommen. Mit Lorbeerkranz und Goldmedaille um den Hals feiern ihn die Zuschauer, sein Fanclub, seine Freunde. «Ich habe es extrem genossen, vor dem Wettkampf zu Hause bei meinen Eltern schlafen zu können. Für mich war es definitiv ein Heimvorteil», sagt Hegi.

Brägger hängt an, Hegi zieht davon

Den Unterschied hat er an diesem Abend am Pauschenpferd gemacht. Dort hat er mit Abstand die höchste Note bekommen (14.766 vor Gischard mit 14.233). «Ich wusste, dass ich am Pferd Punkte gewinnen kann», sagt Hegi, «bei Pablo ist es eher ein schwaches Gerät.» Dass er vom Gerät steigen muss, weil er anhängt, kostet Brägger letztlich wohl den Festsieg, und so beendet er das Eidgenössische Turnfest nach 2013 in Biel zum zweiten Mal als Zweiter.

Hegi aber erfüllt sich einen Traum. Nach mehreren Schweizer-Meister-Titeln und dem Europameistertitel am Reck holt er sich also auch den Turnfestsieg. «Ich bin am Eidgenössischen schon zwei Mal gescheitert, jetzt ist es aufgegangen, und darauf bin ich extrem stolz», sagt Hegi.

Aussergewöhnlich hoher Andrang

Er will diesen Sieg nicht mit einer Europa- oder Weltmeisterschaft vergleichen, aber der grosse Publikumsandrang ist für Schweizer Verhältnisse aussergewöhnlich. Die Keba in Aarau war bis auf den letzten Platz gefüllt, vor Beginn der Elitewettkämpfe mussten Dutzende von Zuschauern draussen bleiben, weil man aus Sicherheitsgründen die Eingänge schloss. Und während sich drinnen die Star-Turner einwärmen, frieren etliche Fans draussen im Regen.

Turner sind in der Regel nicht nur stark an den Ringen, sondern auch im Feiern. Für Oliver Hegi aber wurde es keine wilde Partynacht. Schon am Sonntagmorgen um 10 Uhr stand wieder eine Autogrammstunde an, später tauchte er bei der Schlussfeier der Jugend auf und auch nächste Woche wird er in seiner Heimat für seinen Sport werben. «Irgendwann werde ich sicher ein Zeitfenster finden, um ein bisschen zu feiern», sagt er. Den Festsieg kann ihm keiner mehr klauen. Das Zittern ist vorbei.

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