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Um beim legendärsten Rennen der Welt teilzunehmen, nimmt der Ruderer Roman Röösli vieles in Kauf

Roman Röösli (vorne) mit Barnabé Delarze, seinem Partner im Doppelzweier, auf dem Rotsee.

Roman Röösli (vorne) mit Barnabé Delarze, seinem Partner im Doppelzweier, auf dem Rotsee.

Der Plan schien perfekt: Zuerst die Olympiamedaille, danach das Studium in Oxford. Doch dann wurde für den Luzerner Ruderer Roman Röösli, 26, plötzlich vieles ungewiss.

Roman Röösli hat einen erstaunlichen Durchhaltewillen. Das merkten auch seine WG-Mitbewohner, als er in Bern studierte. Sie sahen den Luzerner kaum. An fünf Tagen trainierte er, meist in Sarnen, an zwei Tagen lernte er in seinem Zimmer.

Andere feierten Partys, er verfolgte hartnäckig seine Ziele. Das Bachelorstudium schloss er ab, er wurde Gesamtweltcupsieger, er holte EM- und WM-Medaillen. Er musste auf viele Dinge verzichten, er lernte zu leiden.

In jedem Rennen stellt es Röösli unter Beweis. Vor allem auf den letzten 250 Metern, wenn es nur darum geht, noch mehr Kraft aus den übersäuerten Muskeln zu pressen.

Auf seiner Webseite schreibt Röösli: «Nur wer sich hohe Ziele setzt, kommt voran.» Was auch in einem uninspirierten Kalender stehen könnte, lebt Röösli jeden Tag, wie ein selbst auferlegter Eid. In den vergangenen Jahren hatten sich zwei Ziele dieser Grössenordnung ergeben: Eine Olympiamedaille gewinnen und in Oxford studieren.

Und wäre 2020 ein gewöhnliches Jahr, würde er in diesen Tagen in Tokio rudern und im Herbst ein Masterstudiengang in Oxford beginnen, an einer der besten Universitäten überhaupt.

Es brauchte eine Pandemie, um die durchdachten Pläne zu torpedieren. Als Ende März klar wurde, dass die Sommerspiele nicht stattfinden können, befand sich Röösli auf einmal im luftleeren Raum, vielleicht zum ersten Mal überhaupt.

Nur der Förster ist noch fitter

Ein paar Tage hätte er gebraucht, um die Lage zu analysieren, sagt er. Er kam zum Schluss, dass er seine Ziele nicht aus den Augen verlieren dürfe. Die Olympiamedaille ist ein Jahr später noch möglich, doch was ist mit dem Studienplatz?

Im Herbst wie geplant nach Oxford zu gehen, war ausgeschlossen. So würde er nicht mit seinem Partner im Doppelzweier, dem Waadtländer Barnabé Delarze, trainieren können. Und fehlende Trainings würden das Ziel der Olympia-Medaille 2021 zur Träumerei verkommen lassen.

Also versuchte Röösli das Studium um ein Jahr zu verschieben. Letzte Woche bekam er nun Bescheid, dass er auch im Herbst 2021, nach Olympia, in Oxford studieren darf.

Elitärer Sport hin, bedeutende Uni her: Roman Röösli ist kein Snob. Weil er erst am späteren Abend für ein Telefoninterview Zeit hat, sagt er: «Tut mir leid, dass ich Sie in der Freizeit störe.» Privat treffe er sich nicht nur mit Sportlern und Akademikern, das helfe, um den Sinn für die Realität nicht zu verlieren.

Er sagt: «Als Sportler kommst du schnell in einen Tunnel.» Einmal half er aus Neugier einem Förster ein paar Tage bei der Arbeit, es war eine unerwartete Erfahrung.

Er wolle als ganz normaler Mensch wahrgenommen werden, sagt er. Wahrscheinlich geht er Dinge viel konsequenter an als ganz normale Menschen. Erkennt er Schwächen, bügelt er sie mit viel Fleiss aus. Im aufwendigen Aufnahmeverfahren für Oxford wurden auch seine Fähigkeiten in Englisch geprüft. Noch im Gymnasium hatte er Mühe damit. Jetzt lernte er wie wild und bestand den Englischtest schliesslich.

Das einzige Bootsrennen der Welt

Um nach Oxford zu gelangen, muss man ein langwieriges Bewerbungsverfahren überstehen. Es ist wie geschaffen für Roman Röösli. Für den Master-Studiengang in «Water Science, Policy and Management», den Röösli gewählt hat, bewerben sich jährlich 100 Personen, ein Viertel von ihnen wird zugelassen.

Das Studium dauert ein Jahr, inhaltlich ist es breit gefächert. Chemische und physische Prozesse im Wasser werden vertieft, aber auch politische und geografische Aspekte werden aufgegriffen, etwa das Weltklima, oder die Schwankungen des Meeresspiegels.

Der Schluss liegt nahe, dass der Glanz seiner Rudererfolge die Aufnahme ermöglichte. Denn die Universität ist auf gute Ruderer angewiesen. Jeweils im Frühling duellieren sich die Unis von Oxford und Cambridge beim legendären «Boat Race» auf der Themse in London, es ist ein Prestigeanlass. 1829 wurde das Rennen erstmals ausgetragen, die Briten nennen es «The Boat Race», als wäre es das einzige Bootsrennen auf der ganzen Welt.

«The Boat Race»: Das Achterrennen zwischen Cambridge und Oxford in London.

«The Boat Race»: Das Achterrennen zwischen Cambridge und Oxford in London.

In der Gesamtwertung führt Cambridge aktuell mit vier Siegen Vorsprung. Abwegig wäre es nicht, wenn Oxford deshalb einen Spitzenruderer für einen Studiengang zulassen würde. Röösli aber legte den Sport bei seiner Bewerbung nicht in die Waagschale, nachdem ihm englische Ruderer davon abgeraten haben. «Mir wurde gesagt, ich dürfe das Rudern auf keinen Fall erwähnen. 50 Prozent der Zulassungsbehörde stehe überhaupt nicht auf Sport.»

Letztlich war das geschichtsträchtige Rennen im Achter der Grund, warum er unbedingt nach Oxford wollte. Die Bedeutung des Rennens wurde ihm spätestens nach einem Gespräch mit dem mehrfachen Olympiateilnehmer André Vonarburg klar. Vonarburg stammt wie Röösli vom Seeclub Sempach. Nach seinem Rücktritt erzählte er einmal, nicht ohne Wehmut, dass er allzu gerne beim «Boat Race» teilgenommen hätte. Damit hatte er Röösli einen Floh ins Ohr gesetzt.

Röösli wäre der erste Schweizer Teilnehmer. Sicher ist seine Teilnahme aber noch nicht. Es wird - wie bei allem in Oxford - ein selektives Aufnahmeverfahren geben. Röösli sagt: «Es gibt dort ‹soooo› viele Ruderer.»

Wieviel, weiss er nicht. 24 werden in die engere Auswahl kommen. Die acht schnellsten werden schliesslich ausgesucht. Zu ihnen will Röösli gehören. Und wenn er solche Vorgaben formuliert, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis er sie erfüllt.

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