Durchforstet man die Startliste des grössten Eintagesrennens der Schweiz, des Grossen Preises des Kantons Aargau, dann bleibt das Auge des Betrachters spätestens bei der Nummer 145 hängen: Der Name Nino Schurter steht dort. Nino Schurter? Der siebenfache Mountainbike-Weltmeister und Olympiasieger bei einem Strassenrennen? Ja, das ist eine Rarität. Aber keine Premiere.

Der Bündner wird heute Donnerstag zum dritten Mal nach 2014 und 2016 im Norden des Kantons Aargau am Start stehen. Aber wieso ausgerechnet wieder in diesem Jahr? «Es passt für mich vom Timing her sehr gut in meine Planung. Ich habe eine einmonatige Pause im Mountainbike-Weltcup. Da ist dieses Rennen ein guter Belastungstest. Ausserdem macht es Spass, mal eine andere Challenge in Angriff zu nehmen», erklärt der 33-Jährige.

Auf dem klassischen Rennrad heimisch

Als die Anfrage kam, ob er Lust habe, mit der Schweizer Nationalauswahl (wie schon 2016) in Leuggern an den Start zu gehen, sagte er spontan zu. Schurter betont aber auch, dass die Bäume für ihn, den Mountainbike-Spezialisten, im Feld der Radprofis natürlich nicht in den Himmel wachsen werden. «Es sind wirklich zwei verschiedene Sportarten. Aber ich werde mich sicher nicht verstecken und auch mal etwas probieren, wenn sich die Gelegenheit bietet.» So wie vor drei Jahren, als Schurter lange Zeit zu einer Fluchtgruppe gehörte, die erst wenige Kilometer vor dem Ziel wieder gestellt wurde.

Auch wenn Nino Schurter davon spricht, dass er heute eigentlich eine «andere Sportart» bestreite, so ist er auf dem klassischen Rennrad durchaus heimisch. Gut 400 Stunden verbringt er pro Jahr auf dem Renner. «Ich brauche diese Einheiten oft zur Erholung. Man ist vier bis fünf Stunden mit konstanter Kadenz unterwegs. Das ist auf dem Bike mit den vielen Steigungen und Abfahrten nicht möglich», erklärt der amtierende Schweizer Sportler des Jahres.

Zielgerade hat es in sich

Schurter erhofft sich von seinem Renneinsatz im Kanton Aargau natürlich einen konkreten Trainingseffekt – vor allem punkto Tempohärte: «Man kann im Training solche Rennen kaum simulieren.» Und schliesslich sollen ihm diese Wettkampfkilometer auch dabei helfen, einen seiner wenigen Schwachpunkte etwas auszumerzen. «Wenn es nicht so steil raufgeht oder auch in den flachen Passagen der Mountainbike-Rennen möchte ich gerne mehr Zug entwickeln, höhere Kadenzen fahren können», erklärt der Bündner.

Hohe Kadenzen sind beim Grossen Preis des Kantons Aargau mit Sicherheit gefragt, wenn es um die Ausmarchung des Tagessiegs geht. Die ansteigende Zielgerade zwischen Gippingen und Leuggern hat es in sich. Hier setzt sich nur durch, wer nach über 180 Kilometern noch genügend Kraft in den Beinen hat.

Dritter Sieg für Kristoff?

Der Norweger Alexander Kristoff bewies vor einem Jahr seine grosse Klasse und setzte sich im Stile eines Favoriten durch. Kristoff wird auch heuer wieder am Start stehen und strebt seinen dritten Sieg nach 2015 und 2018 an. Unterstützt wird der 31-Jährige in seiner UAE-Emirates-Equipe dabei unter anderem vom portugiesischen Ex-Weltmeister Rui Costa, der auch schon dreimal die Tour de Suisse gewann.

Allerdings wäre es falsch, das Teilnehmerfeld des Gippinger Rennens auf Kristoff zu reduzieren. Der Norweger ist zwar der Favorit. Aber es gibt andere heisse Sieganwärter. Wie beispielsweise den Waldshuter Nico Denz. Er ist allerdings nicht der einzige Fahrer aus Deutschland, dem eine Überraschung zuzutrauen ist. Auch die Fahrer von Bora-Hansgrohe, allen voran Rüdiger Selig und Michael Schwarzmann, werden mit einem starken Team im Rücken um den Sieg kämpfen. Katusha hat mit Simon Spilak, dem zweifachen Tour-de-Suisse-Sieger (2015 und 2017), und dem Deutschen Erik Zabel zwei ganz heisse Eisen im Feuer.

Viele Schweizer am Start

Erfreuliches gibt es aus Schweizer Sicht zu vermelden: Es sind so viele Einheimische am Start wie schon lange nicht mehr. Was damit zu tun hat, dass die nationalen Continental-Pro-Teams in Gippingen mitfahren können.

Sowohl die Fahrer von Akros-Thömus wie auch die von IAM Excelsior und von der Swiss Racing Academy sind aber weit mehr als Lückenbüsser. Mit den beiden Lokalmatadoren Fabian Lienhard (Steinmaur) und Timo Güller (Döttingen) starten auch zwei Athleten, die vor allem bei einer Spurtankunft zu beachten sind.