US Open
Medwedew, Nadal, Tsitsipas oder Kyrgios? Nach dem Djokovic-Aus werden die Karten neu gemischt – wer das beste Blatt hat

Mit Novak Djokovic fehlt der erfolgreichste Hartplatzspieler bei den US Open. Und bei Rafael Nadal gibt es einmal mehr Fragezeichen. Deshalb gestaltet sich die Ausgangslage bei den Männern offen wie selten zuvor. Das sind die grössten Favoriten – und so stehen ihre Chancen.

Simon Häring Jetzt kommentieren
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AP

Daniil Medwedew

Er ist die Nummer 1 der Welt und bei den US Open Titelverteidiger, seit er vor Jahresfrist Novak Djokovic daran gehindert hat, den Kalender-Grand-Slam zu vervollständigen. Zudem hat der Russe Daniil Medwedew, der in Wimbledon nicht antreten durfte, in den letzten beiden Jahren mehr Spiele auf Hartbelägen gewonnen als jeder andere. Anfang Jahr stand Medwedew im Final der Australian Open, wo er gegen Rafael eine 2:0-Satzführung aus der Hand gab. Die Saison des 25-Jährigen war bisher durchschnittlich, er gewann erst das kleine Turnier in Los Cabos. Zuletzt zeigte Medwedews Formkurve mit dem Halbfinal-Einzug in Cincinnati steil nach oben. Das, gepaart mit der Erfahrung, macht den Russen zu unserem Favoriten.

Prognose: Turniersieg

Titelverteidiger und Topfavorit: Daniil Medwedew.

Titelverteidiger und Topfavorit: Daniil Medwedew.

Elise Amendola / AP

Rafael Nadal

Weil seine schwangere Frau Maria Francisca in der Woche vor den US Open in ein Spital eingeliefert worden war, wurde spekuliert, dass Rafael Nadal gar nicht erst antreten würde. Am Donnerstag aber stand er bei einem Benefizspiel auf dem Platz – einer Teilnahme steht wohl nichts im Weg. Erstaunlich: Mit vier Titeln seit 2010 hat der 36-Jährige die US Open im letzten Jahrzehnt öfter gewonnen als jeder andere. Gleich oft verpasste der Mallorquiner das Turnier – 2020 gab er während der Pandemie den French Open den Vorzug, die im Herbst stattfanden, im Vorjahr fehlte er wegen einer Verletzung. Auch in diesem Jahr gibt es wieder Fragezeichen. Nachdem Nadal in Wimbledon wegen eines Risses im Bauchmuskel nicht zum Halbfinal hatte antreten können, spielte er nur in Cincinnati, wo er gleich sein erstes Spiel gegen den späteren Sieger, Borna Coric, verlor.

Prognose: Viertelfinal.

Vierfacher US-Open-Sieger: Rafael Nadal.

Vierfacher US-Open-Sieger: Rafael Nadal.

John Walton / AP

Carlos Alcaraz

Gewinnt er das Turnier, ist der 19-Jährige die neue Nummer 1 der Welt - die jüngste in der Geschichte. Im Vorjahr erlebte Carlos Alcaraz bei den US Open seinen grossen Durchbruch, als er unter anderem Stefanos Tsitsipas ausschaltete und in die Viertelfinals vorstiess. Inzwischen ist Alcaraz in der Weltspitze angelangt, gewann vier Titel, darunter zwei Masters-Turniere, das erste davon im Frühling in Miami auf Hartbelag. Längst ist nicht mehr die Frage ob, sondern wann der Spanier sein erstes Grand-Slam-Turnier gewinnt. Gut möglich, dass sich Carlos Alcaraz bereits in New York krönt.

Prognose: Final

Könnte jüngste Nummer 1 der Welt werden: Carlos Alcaraz.

Könnte jüngste Nummer 1 der Welt werden: Carlos Alcaraz.

Aaron Doster / AP

Stefanos Tsitsipas

Mit seinem Finalvorstoss in Cincinnati, wo er Daniil Medwedew besiegte, dann aber Überraschungsmann Borna Coric unterlag, bewies Stefanos Tsitsipas, dass auch auf Hartplatz mit ihm zu rechnen ist. Allerdings liegen ihm die US Open nicht, weiter als bis in die dritte Runde kam er noch nie. Zudem ist die Auslosung denkbar ungünstig, bereits im Achtelfinal dürfte der 25-jährige Grieche auf Matteo Berrettini treffen. Der Italiener liegt im Direktvergleich zwar 0:2 hinten, ist auf schnellen Belägen inzwischen aber stärker einzustufen als Tsitsipas, den French-Open-Finalisten von 2021.

Prognose: Achtelfinal

Bei den US Open bisher glücklos: Stefanos Tsitsipas.

Bei den US Open bisher glücklos: Stefanos Tsitsipas.

Jeff Dean / AP

Félix Auger-Aliassime

Im achten Anlauf in einem Final gewann Félix Auger-Aliassime in diesem Jahr erstmals ein Turnier. Inzwischen hat sich der 21-jährige Kanadier in den Top Ten der Weltrangliste etabliert. Vor Jahresfrist erreichte er bei den US Open die Halbfinals, Anfang Jahr in Australien die Viertelfinals, wo er jeweils an Daniil Medwedew scheiterte. Gleiches Schicksal könnte Auger-Aliassime in New York erneut ereilen, wo Medwedews nach Papierform sein designierter Viertelfinal-Gegner ist. Die bisherigen vier Duelle mit der Nummer 1 der Welt, verlor er alle, in Australien denkbar knapp in fünf Sätzen nach einer 2:0-Satzführung. In Montreal und Cincinnati erreichte Auger-Aliassime jeweils die Viertelfinals. Gut, aber noch nicht gut genug.

Prognose: Viertelfinal.

Im Vorjahr US-Open-Halbfinalist: Félix Auger-Aliassime.

Im Vorjahr US-Open-Halbfinalist: Félix Auger-Aliassime.

Paul Chiasson / AP

Nick Kyrgios

Im Alter von 27 Jahren befindet sich der streitbare Australier in der Form seines Lebens, erreichte in Wimbledon den Final, den er gegen Djokovic verlor und gewann danach das Turnier in Washington. Nick Kyrgios' Pech ist, dass in Wimbledon keine Punkte vergeben wurden, weshalb er in der Weltrangliste «nur» im 26. Rang geführt wird. Die Folge: Geht es nach der Papierform trifft er bereits in den Achtelfinals auf die Nummer 1 der Welt, Daniil Medwedew. Gegen den Russen führt Kyrgios im Direktvergleich zwar mit 3:1 und hat diesen zuletzt in Montreal bezwungen, allerdings zeigte er in den letzten Wochen doch Ermüdungserscheinungen. Deshalb ist fraglich, ob er die Energie für einen weiteren Effort aufbringt. Obwohl: Bei Kyrgios ist alles möglich: Vom Aus in der ersten Runde gegen seinen Doppelpartner und Freund Thanasi Kokkinakis bis zum Turniersieg.

Prognose: Achtelfinal.

Kam in New York nie über die dritte Runde hinaus: Nick Kyrgios.

Kam in New York nie über die dritte Runde hinaus: Nick Kyrgios.

Paul Chiasson / AP

Andrei Rublew

Es gibt nicht wenige, die dem Russen vorhalten, er stagniere. Seit Jahren gehört Andrei Rublew zu den Top Ten der Weltrangliste, gewinnt auch regelmässig kleinere Turniere, auch in diesem Jahre sind es wieder deren drei. Bei Grand-Slam-Turnieren resultieren bisher aber erst drei Siege gegen Spieler aus den Top Ten, allerdings alle bei den US Open, wo er 2017 und 2020 jeweils die Viertelfinals erreicht hat. Höchste Zeit also für den 24-Jährigen, einen Schritt nach vorne zu machen. In Australien scheiterte Rublew bereits in der dritten Runde, in Paris stand er in den Viertelfinals, in Wimbledon durfte er nicht antreten. Der Formstand wirft zudem Fragen auf: in Montreal und Cincinnati gewann Rublew nur eine Partie.

Prognose: Halbfinal.

Die US Open sind sein bestes Grand-Slam-Turnier: Andrei Rublew.

Die US Open sind sein bestes Grand-Slam-Turnier: Andrei Rublew.

Nick Wass / AP

Taylor Fritz

Taylor Fritz ist der Hoffnungsträger des Heimpublikums und führt eine junge, ambitionierte und talentierte Gruppe amerikanischer Spieler an. Bei seinem Vorstoss in den Wimbledon-Viertelfinal bestätigte der 23-Jährige auch erstmals die Vorschusslorbeeren, die ihn seit Jahren begleiten. Dort wurd Fritz allerdings die Unerfahrenheit zum Verhängnis, als er es nicht schaffte, den offensichtlich eingeschränkten Rafael Nadal zu bezwingen, der sich danach wegen eines Risses des Bauchmuskels aus dem Turnier verabschieden musste. Ebenfalls verletzt war Nadal im Frühjahr, als Fritz ihn im Final von Indian Wells besiegte und sein erstes Masters-Turnier gewinnen konnte. Bei den US Open kam Fritz bisher nie weiter als bis in die dritte Runde. Es wäre eine Enttäuschung, wenn das so bleiben sollte.

Prognose: Viertelfinal.

Hoffnungsträger der Amerikaner: Taylor Fritz.

Hoffnungsträger der Amerikaner: Taylor Fritz.

Jeff Dean / AP

Matteo Berrettini

Der Italiener ist der Pechvogel des Jahres. Im Frühling musste er sich an der rechten Hand operieren lassen und kehrte erst im Sommer zurück, in Wimbledon zog er sich vor Turnierbeginn zurück, weil er an Covid-19 erkrankt war. Wenn er spielte, war Matteo Berrettini aber erfolgreich: Bei den Australian Open erreichte er den Halbfinal (Niederlage gegen Nadal), vor Wimbledon gewann er die ersten zwei Turniere nach seiner Rückkehr. Nicht täuschen lassen sollte man sich von den beiden Startniederlagen in Montreal und Cincinnati: Berrettini weist auf dieser Stufe eine miserable Bilanz auf. Bei allen vier Grand-Slam-Turnieren erreichte er hingegen mindestens schon einmal die Viertelfinals. Zudem hat Berrettini gute Erinnerungen an die US Open: 2019 stand er dort in den Halbfinals.

Prognose: Halbfinal.

Ein Mann für die grosse Bühne: Matteo Berrettini.

Ein Mann für die grosse Bühne: Matteo Berrettini.

Hamish Blair / AP

Marin Cilic

Im Sommer erlebte Marin Cilic so etwas wie seinen zweiten Frühling, als er bei den French Open überraschend bis in die Halbfinals vorstiess. Seine gute Form unterstrich er danach mit dem Halbfinalvorstoss in Queens, ehe sich der Finalist von 2017 (Niederlage gegen Roger Federer) wegen einer Covid-19-Infektion noch vor Turnierstart von Wimbledon zurückziehen musste. Seither hat der 33-Jährige Kroate nur zwei Turniere bestritten und dabei nur mässig überzeugt. Bei den US Open dürft aber wieder mit Cilic zu rechnen sein. 2014 gewann er dort seinen einzigen Grand-Slam-Titel.

Prognose: Achtelfinal.

Der US-Open-Sieger von 2014: Marin Cilic.

Der US-Open-Sieger von 2014: Marin Cilic.

Jeff Dean / AP

Wie offen sich die Ausgangslage gestaltet, zeigt ein Blick auf die Sieger der beiden Masters-Turniere im Vorfeld der US Open: In Montreal (Pablo Carreno Busta) und Cincinnati (Borna Coric) gewannen zwei ungesetzte Spieler ihr erstes Masters-Turnier. Die Aussichten auf zwei Wochen voller Spannung waren schon lange nicht mehr so gut wie in diesem Jahr.

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