Vendée Globe
Alan Roura schliesst nach 95 Tagen auf See seine Tochter wieder in die Arme und sagt: «Wegen Billie habe ich das Ziel erreicht»

Mit der Vendée Globe hat der Genfer Solo-Segler Alan Roura bereits zum zweiten Mal die schwierigste Segel-Regatta der Welt beendet. Im Ziel nahm er seine erst acht Monate alte Tochter Billie in den Arm.

Simon Häring
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An Bord seines Bootes schliess Alan RouraTochter Billie in die Arme.

An Bord seines Bootes schliess Alan RouraTochter Billie in die Arme.

Screenshot Youtube

Es war eisig kalt, Minus 3 Grad, Schneeflocken legten sich in sein von Sonne und Kälte gegerbtes Gesicht, doch als er am Donnerstagabend die Lichter von Les Sables-d'Olonne erblickte, fiel die ganze Anspannung, der ganze Druck, von ihm ab. 95 Tage, 6 Stunden, 9 Minuten und 56 Sekunden war er bei der Weltumseglung Vendée Globe Wind, Wetter, Einsamkeit und Schlafentzug ausgesetzt. Das sind 10 weniger als bei seiner Premiere vor vier Jahren. Doch schon früh hatte sich abgezeichnet, dass der 27-jährige Genfer, der auch diesmal der jüngste Teilnehmer war, sein Ziel, in unter 80 Tagen den Start- und Zielhafen von Les Sables-d'Olonne an der französischen Westküste wieder zu erreichen, deutlich verpassen wird.

Doch das alles spielte keine Rolle mehr. Denn an diesem Abend schloss er nach drei Monaten Tochter Billie wieder in die Arme. Roura sagt:

«Es gab schwierige Momente, weil ich meine Liebsten vermisst habe. Meine Frau, meine Tochter, und meine Eltern. Doch ich wollte ihnen, vor allem meiner Tochter, beweisen, dass ich mich all diesen Schwierigkeiten stelle. Wegen Billie habe ich das Ziel erreicht.»

Billie war erst dreieinhalb Monate alt, als Alan Roura zu einem Abenteuer aufbrach, von dem keiner wusste, ob er zurückkehren würde. Er verpasste die ersten Weihnachten als Familienvater. Er verpasste, wie Bille wuchs. Er verpasste Stunden, die er gerne mit ihr und seiner Frau Aurélia verbracht hätte. Aber da ist auch diese magische Anziehungskraft der Ozeane, die Roura verspürt. Er ist auf dem Meer aufgewachsen, mit acht Jahren hatte er mit seiner Familie erstmals den Atlantik mit dem Segelboot überquert, mit 13 hatte er in einer Wert in Venezuela als Arbeiter angeheuert. Er sagt:

«Ich brauche das Meer, ich brauche das Wasser, ich brauche das Segeln. Das ist meine Leidenschaft, mein Leben, mein Beruf, und das einzige, was ich kann. »

Vergessen waren Wut und Enttäuschung, Hunger und Verzweiflung, auch die Tränen, die immer wieder flossen. Denn bei der Vendée Globe lief für Alan Roura fast nichts so, wie er sich das vorgestellt hatte. Er sagt: «Es war vom ersten bist zum letzten Tag ein Kampf.» Schlechte Windverhältnisse machten das Rennen langsam, zwei Mal erlitt sein Boot einen Ölschaden.

Nach eine Halse hatte sich eine Leitung im Hydrauliksystem am Ende des Kiels gelöst. Mit dem Kippkiel kann die Kielbombe unter dem Boot in die Windrichtung geschwenkt werden. Das verlagert den Schwerpunkt, das Boot fährt aufrechter und ist leistungsfähiger. Eine Karte, die Roura nicht mehr spielen konnte, weil er eine Überbelastung vermeiden musste.

95 Tage war der Genfer Solo-Segler bei der Vendée Globe unterwegs.

95 Tage war der Genfer Solo-Segler bei der Vendée Globe unterwegs.

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An Weihnachten spielte er mit dem Gedanken, aufzugeben.

Es flossen Tränen der Enttäuschung, unter die sich auch Verzweiflung und Einsamkeit mischten. Die Trennung von seiner jungen Familie machte ihm vielleicht doch mehr zu schaffen, als er sich eingestehen wollte. Doch Alan Roura segelte weiter. Er rationierte seine Nahrung, begann zu hungern und setzte sich ein neues Ziel: Ankommen, und das um jeden Preis. Er verlor das Zeitgefühl, wusste nicht mehr, ob Tag oder Nacht war. Er weinte und lachte, er sang und tanzte, er fluchte und gab sich den Wellen hin.

Am Donnerstag, 11. Februar, kurz vor 21.00 Uhr, erreichte er das Ziel und nahm seine Tochter in den Arm. Rang 17, weit von dem entfernt, was er sich vorgenommen hatte. Er war erschöpft und doch überglücklich. Kaum hatte er wieder festen Boden unter den Füssen, sprach er wieder von der Faszination, die das Meer auf ihn ausübt. Eine solche Vendée Globe wolle er nicht noch einmal erleben. Die Erfahrung werde ihn stärker machen. Schon bald werde er zum nächsten Abenteuer aufbrechen. Roura sagt:

«Ich habe ein Lächeln im Gesicht und Lust darauf, in See zu stechen. Denn so lange du die Vendée Globe nicht gewonnen hast, möchtest du zurückkehren.»