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Vier Tore und kein Torhüter: So soll die Schweiz mehr kreative Fussballer erhalten

Kreativ, dribbelstark und spielintelligent: So sollen die Fussballer der Zukunft sein. Dank eines neuen Formats bei den Kleinsten will der Schweizerische Fussballverband neue Messis und Shaqiris heranzüchten.

Samstag, 9 Uhr, in Wabern bei Bern. Vier kleine Fussballfelder sind markiert, an jedem Spielfeld sind vier Mini-Tore angebracht. Alles ist bereit für das Turnier für neun bis zehnjährige Kinder (E-Junioren), das in einem neuen Format gespielt wird, dass nichts weniger soll, als den Schweizer Fussball revolutionieren.

Die Probleme der Landesauswahl werden im EM-Qualifikationsspiel in Irland erneut augenscheinlich. Die Schweizer Nationalmannschaft spielt nur 1:1, es fehlt an Ideen in der Offensive. Ausgebildete Taktikfüchse, clevere Verteidiger und fleissige Arbeiter hat es in der Schweizer Mannschaft genügend, das kreative Element in der Offensive fehlt aber. Xherdan Shaqiri, der kreativste Nationalspieler der letzten Jahre, wird in Irland schmerzlich vermisst. Der Schweizer Fussball hat sich inzwischen auf hohem Niveau etabliert, die Schweizer sind fleissige und zuverlässige Arbeiter, aber keine Künstler.

Das soll sich ändern. Die Schweiz soll mehr Shaqiris bekommen. «Wir wollen mehr Spieler, die in Duelle gehen, die Risiken eingehen. Wir wollen wieder mehr Strassenfussballer», sagt Raphael Kern, Ressortleiter Breitenfussball des SFV. Die Förderung solcher Kreativspieler soll schon im Kinderfussball beginnen.

Und gelingen soll es dank einzelnen einer Turnierform, das aus zwei unterschiedlichen Spielformen besteht. Vier Mannschaften nehmen am Turnier teil. In der ersten Hälfte werden die Teams halbiert, spielen jeweils mit vier Spieler ohne Torhüter auf vier Mini-Tore. Im zweiten Teil wird, wie bisher üblich bei den E-Junioren, mit 7 gegen 7 Spieler inklusive Torhüter gespielt.

Die Kombination der beiden Formate wird in Bern seit dem Frühling in einem Pilotprojekt getestet. In zwei bis drei Jahren soll es landesweit eingeführt werden. Zudem läuft in Bern ein weiteres Pilotprojekt, das testet, ob die F-Junioren (7 bis 8-Jährige) neben den heutigen 5 gegen 5 neuerdings auch Partien mit 3 gegen 3 Spieler durchführen sollen.

© CH Media

Keine Champions League für Kinder

Das Turnier in Wabern geht los. Es wird um jeden Ball gekämpft, das Spiel schön von hinten aufgebaut, weggeschlagen wird auf diesem kleinen Spielfeld kein Ball. Nicht nur wegen der Feldgrösse hat diese Art des Fussballs wenig gemein mit dem Sport, den die Kinder vom Fernsehen kennen. Zieht ein Spieler zunächst auf ein Tor, kann er, wenn er clever agiert, plötzlich das Ziel wechseln. «Diese Art des Fussballs fördert die Spielintelligenz», ist Kern überzeugt. Er findet es auch kein Problem, dass solche Partien etwas ganz anderes sind als der Fussball der Erwachsenen

Das Heimteam Wabern kombiniert sich durch, erzielt das 1:0. Kurzer Jubel. Der Torschütze reisst die Arme hoch, das Spiel geht aber rasch weiter. Geht ein Ball ins Aus, muss ihn der Spieler holen, der ihn als Letzter berührt hat. Er muss sich beeilen, in der Zwischenzeit ist sein Team in Unterzahl. Die Intensität soll hochbleiben, das Tempo auch.

Die Eltern stehen etwas abseits, halten sich zurück. In der Coachingzone geben die Trainer Anweisungen. Nah am Spielfeld ist auch Sandro Longoni, der als Spiko-Präsident für die Durchführung des Turniers zuständig ist. Auch wenn er berichtet, dass der Aufwand für die Vereine durch die Durchführung der Turniere grösser wird, ist er überzeugt: «In Sachen Ausbildung profitieren die Kinder mehr, die Fortschritte sind grösser.» Hohe und einseitige Resultate gehören der Vergangenheit an. Das Resultat soll sowieso nicht im Zentrum stehen, der Lerneffekt aber umso mehr.

Weniger drastische Änderung als in Deutschland

Auch wenn die Grundidee des 4 gegen 4 eine bessere Ausbildung für den Spitzensport ist, stellt man beim Beobachten der Spiele fest: Auch die Schwächeren profitieren. Kinder, die kaum oder sogar nie an den Ball kommen, gibt es nicht. «Bei 7 gegen 7 läuft das Spiel oft über die besten Spieler, die schwächeren kommen dabei weniger an den Ball», erklärt Kern. «Wenn man nur vier Spieler auf dem Feld hat, braucht man jeden Spieler.»

Was modern klingt, ist eigentlich keine neue Idee. Die Spielform mit 4 gegen 4 auf 4 Tore nennt sich «Funino» und wurde von Horst Wein in den 1980-iger Jahren entwickelt. In der Nachwuchsabteilung des FC Barcelona ist diese Form seit Jahren Standard. Der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw schwärmt davon: «In Barcelona sind die Spielfreude, die Technik und die Intelligenz im Mittelpunkt. Ich habe dort mal 10-Jährige gesehen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass 10-Jährige so gut kicken können.» Kein Wunder möchte der Deutsche Fussballbund in den jüngsten Altersklassen nur noch auf «Funino» setzen. Der Widerstand dagegen ist aber enorm. Insbesondere die Tatsache, dass die Kinder erst im Alter von elf Jahren erstmals im Tor stehen könnten, wird kritisiert.

Anders präsentiert sich die Ausgangslage in der Schweiz, weil die Spielform mit 7 gegen 7 Spieler beibehalten wird. «Die beiden Formate ergänzen sich ideal», sagt Kern, der darauf verweist, dass es unterschiedliche Vorteile gebe. Eine Kombination soll den perfekt ausgebildeten Fussballer möglich machen.

Von jenen Fussballern sollen dereinst Profivereine profitieren. Sie zeigen sich auf Anfrage erfreut über die Änderungen. Pascal Furgler, Koordinator der jüngsten Nachwuchsteams bei den Young Boys, sagt: «Diese Spielform kann einiges bewirken. Die Spieler sollten schon dadurch technisch und taktisch besser geschult sein.» Auch Luzerns Nachwuchschef Genesio Colatrella findet das Projekt eine gute Sache:

Tatsächlich bestätigt sich dieser Eindruck beim Turnier in Wabern. «7 gegen 7 macht mehr Spass», sind sich die Spieler des FC Grosshöchstetten-Schlosswil einig. Spieler Nabih Mohamad begründet: «Dort kann man richtig schiessen, weil es einen Goalie hat.» Sein Trainer Pal Jahaj, findet dagegen: «Im 4 gegen 4 müssen die Kinder aufmerksamer sein. Sie lernen deutlich schneller dazu.»Eine grosse Veränderung ist die neue Form insbesondere für die Torhüter, die zunächst als Feldspieler agieren müssen - Goaliedress hin oder her. Dadurch sollen sie spielerisch besser werden. Grafenrieds Goalie, Jannick Eberhard sagt: «Ich mag das grosse Feld viel lieber, weil ich dann ins Tor darf.»

Nachdem alle Teams auch im 7 gegen 7 gegeneinander angetreten sind, ist das Turnier vorbei. Die Rangliste wird zwar erfasst, aber nicht offiziell verkündet. Ob der neue Shaqiri dabei war, wird die Zukunft weisen.

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