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Von Sündenböcken, Dummheiten, Diven und einer ratlosen Führung bei Titelverteidiger Bern: Was die neue Eishockey-Saison verspricht

Am 20. April 2019 war die Welt in Bern noch in Ordnung: Simon Moser mit dem Meisterpokal.

Am 20. April 2019 war die Welt in Bern noch in Ordnung: Simon Moser mit dem Meisterpokal.

Zwölf Klubs und zwölf Thesen zum Saisonstart nächsten Donnerstag. Schafft Meister Bern den Sprung zurück zum Spitzenteam? Wer ist der grosse Titelfavorit und wer steht am Ende der Tabelle? Die Prognose.

Platz 1: ZSC Lions

These: Die ZSC Lions haben keine Schwächen und sind Titelfavorit Nr. 1.

Richtig. Schon einmal schien niemand die «Löwen» aufhalten zu können. Das war nach dem Titelgewinn von 2018. Und dann erreichten die Zürcher 2019 nicht mal die Playoffs. Nun sind sie als Qualifikationssieger der Playoff-losen letzten Saison die «gefühlten» Meister. Im Unterschied zur echten Meistersaison 2017/18 ist der Trainer geblieben. Rikard Grönborg wird kein Ruhen auf den Lorbeeren dulden. Liga-Topskorer Pius Suter darf durch einen fünften Ausländer ersetzt werden und die einzige Schwäche (Torhüter) kann mit einem Ausländer behoben werden und ist deshalb keine.

Platz 2: EV Zug

These: Leonardo Genoni ist immer noch ein Meistergoalie.

Richtig. Genoni war schon fünfmal Meister. Also kann er Meistergoalie. Er war zwar bei den letzten HCD- und SCB-Titelgewinnen ein sehr wichtiges Teilchen in den Meisterpuzzles. Aber Davos und Bern sind in den letzten 20 Jahren auch schon ohne Leonardo Genoni mehrmals Meister geworden. In Zug hängt hingegen alles vom Torhüter ab. Für das Scheitern in den Finals von 2017 und 2019 gegen den SCB (und Leonardo Genoni) ist Tobias Stephan zum Sündenbock erkoren worden. Aber im nächsten Frühjahr wird es niemand wagen, den Torhüter erneut zum Sündenbock zu machen.

Platz 3: Fribourg Gottéron

These: Chris DiDomenico will noch vor Weihnachten heim nach Langnau.

Falsch. Wenn der flamboyante Kanadier in Langnau nicht spielen durfte (was letzte Saison nur siebenmal der Fall war) kam es zu einer mittleren Staatskrise. Nun ist er bei Gottéron bloss einer von fünf Ausländern und er wird mehr als sieben Partien zuschauen müssen. Wird er zum Problemspieler und verlangt schon vor der Weihnachtspause einen Rücktransfer nach Langnau? Nein. Er wird ein Musterprofi sein. Christian Dubé wird DiDomenico jeweils so gut zu erklären wissen, warum er nicht spielen darf, dass sich der streitbare Kanadier, ohne zu murren, auf die Tribüne setzen wird.

Platz 4: EHC Biel

These: Joren van Pottelberghe ist so gut wie Jonas Hiller.

Richtig. In den vier Jahren mit Jonas Hiller (38) ist Biel erstmals seit dem Halbfinal von 1990 wieder ein Spitzenteam geworden und hat zuletzt zweimal in Folge den Halbfinal erreicht. Nach dem Rücktritt des NHL-Titanen hängt das Glück nun an Joren van Pottelberghe (23). Noch hat der flinke Blocker nicht das Charisma seines Vorgängers. Aber das Talent des NHL-Draftes von 2015 (Nr. 110/Detroit) steht ausser Frage und er ist in vier turbulenten Jahren in Davos mental so wetterfest geworden und hat so grosse Fortschritte gemacht, dass er in den grossen Schuhen seines Vorgängers stehen kann.

Platz 5: HC Lugano

These: Sportchef Hnat Domenicelli ist besser als sein Vorgänger Roland Habisreutinger.

Falsch. Im Sommer 2009 wird Roland Habisreutinger Sportchef. Zwar reicht es 2016 und 2018 zu zwei verlorenen Finals, aber nicht zum ersten Titel seit 2006, und «Habis» muss im Frühjahr 2019 gehen. Sein Nachfolger Hnat Domenichelli ist nun mehr als 100 Tage im Amt und wir dürfen uns eine Antwort auf die Frage erlauben, ob er besser sei als sein Vorgänger. Er ist es noch nicht. Ob unter «seinem» Trainer Serge Pelletier, der den Stars alle Freiheiten und Unarten bewilligt, in Lugano endlich eine meisterliche Leistungskultur entsteht, ist weiter fraglich.

Platz 6: Genève-Servette

These: Es geht bei Servette nicht ohne Chris McSorley.

Falsch. Trainer und Spieler kommen und gehen, die Klubs aber bleiben bestehen. Das gilt auch für Servette. Die Genfer können ganz gut ohne Chris McSorley auskommen, der den Klub 19 Jahre lang geprägt und zu einer Marke in unserem Hockey gemacht hat. Es ist nämlich nach wie vor «sein» Servette, «seine» Mannschaft mit «seinem» Trainer und mit «seinem» ausländischen Personal. Die Verträge der wichtigsten Spieler, die er ausgehandelt hat, laufen erst in zwei Jahren aus. Zwei Jahre lang wird es noch so sein, als sei Chris McSorley immer noch da. Erst dann beginnt die neue Wirklichkeit.

Platz 7: HC Davos

These: Der HCD kann Qualifikationssieger und Meister werden.

Falsch. Nur zwei Punkte oder ein Sieg trennten den HCD im letzten Frühjahr vom ersten Platz. Sportchef Raëto Raffainer und Trainer Christian Wohlwend, die Architekten der HCD-Renaissance sind geblieben, die Mannschaft ist nominell nicht schwächer geworden und die Ausländerpositionen sind erneut formidabel besetzt. Also müssten Qualifikationssieg und der nächste Titel nach 2015 ein realistisches Ziel sein. Aber es wird nicht noch einmal alles so reibungslos laufen wie letzte Saison. Christian Wohlwend steht in seiner zweiten Saison vor einem schwierigen Jahr der Bewährung und Bestätigung.

Platz 8: Lausanne HC

These: Lausanne ist zu dumm, um Meister zu werden.

Richtig. Lausanne hätte beste Voraussetzungen für die erste welsche Meisterfeier seit 1973 (La Chaux-de-Fonds). Eine neue Arena und ein sportliches Fundament, das Sportchef Jan Alston seit dem Wiederaufstieg von 2013 geduldig gebaut hat. Mit ein paar transfertechnischen Handgriffen wäre es möglich, in den nächsten zwei Jahren ein Meisterteam zu formen. Aber der neue grosse Zampano Petr Svoboda hat ohne Not ein Wechseltheater inszeniert, das ihn mit Joël Vermin einen der besten Spieler der Liga gekostet hat. Das ist nicht die Klugheit, die es braucht, um Meister zu werden.

Platz 9: SC Bern

These: Der Titelverteidiger ist nach wie vor ein Spitzenteam.

Falsch. Die missglückte letzte Saison – Playoffs als Meister nicht erreicht (9.) – ist kein «Betriebsunfall» wie die verpassten Playoffs von 2014. Damals folgte schon zwei Jahre später die nächste Meisterfeier. Beim SCB hat eine unvermeidbare Phase der Erneuerung begonnen. Gelingt unter einem neuen Trainer die Rückkehr in die Spitzengruppe? Möglich ist es nur mit einer konsequent umgesetzten Philosophie wie letzte Saison in Davos oder Zürich. Diese Philosophie gibt es nicht und ohne Mäzen hat der SCB nicht die Mittel, um die Ratlosigkeit der sportlichen Führung durch teure Transfers zu kompensieren.

Platz 10: HC Ambri-Piotta

These: Luca Cereda ist der neue Arno Del Curto.

Richtig. Er beginnt seine vierte Saison und beschert Ambri zusammen mit Sportchef Paolo Duca Kontinuität. Die durchschnittliche Amtsdauer eines Trainers beträgt drei Jahre. Kein Polemiker, wer fragt, ob seine Magie im vierten Jahr noch wirken wird. Aber Ceredas Charisma wird auch in zehn Jahren noch nicht verblasst sein. Er ist Ambris pflegeleichte Antwort auf Arno Del Curto. Beim HCD-Kulttrainer war fast jedes Jahr die Frage, ob er wechseln könnte. Er ist Davos 22 Jahre lang treu geblieben. Cereda also bis 2039 Trainer in Ambri? Warum nicht?

Platz 11: Rapperwil-Jona Lakers

These: Die Lakers sind nach wie vor die Miserablen und werden letzte.

Falsch. In den letzten sechs Jahren in der höchsten Liga waren die Lakers fünfmal letzte. Auch letzte Saison fehlten elf Punkte, um vom zwölften Rang wegzukommen. Aber wir sollten uns von der liebgewordenen Gewohnheit verabschieden, die Lakers als «die Miserablen» zu schmähen. Sie haben seit dem Wiederaufstieg 2018 zwar keine spektakulären Fortschritte erzielt. Aber sie haben sich in kleinen Schritten verbessert, die Kadertiefe vergrössert und besseres ausländisches Personal rekrutiert. Sie werden im Frühjahr erstmals seit 2013 in der höchsten Liga nicht mehr die Letzten sein.

Platz 12: SCL Tigers

These: Ohne Heinz Ehlers droht Langnau die Schmach des letzten Platzes.

Richtig. 2019 haben die Langnauer unter Heinz Ehlers und den beiden ausländischen Stürmern Chris DiDomenico und Harri Pesonen den sechsten Platz erreicht. Nach 2011 die zweiten Playoffs in der höchsten Spielklasse. Ein Jahr später ist von dieser Herrlichkeit nichts mehr übrig geblieben. Chris DiDomenico (zu Gottéron) und Harri Pesonen (in die KHL) sind weg und Heinz Ehlers hat seinen Vertrag vorzeitig aufgelöst und ist in seine dänische Heimat zurückgekehrt. Nun wartet auf die Langnauer zum ersten Mal seit dem Abstiegsdrama von 2012/13 der letzte Platz. Zum Glück gibt es diese Saison keinen Absteiger.

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